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#September 1775 Gießen: Rückblick aufs erste Semester – Heimreise – Bemerkungen zum Bellermarkt

Posted on September 10, 2013 at 12:13 PM
Ich hatte den Sommer fidel und burschikos zugebracht, hatte mich zweimal geschlagen, war drei oder viermal im Karzer gesessen und hatte nach den Statuten des eben erwähnten Parlaments den Eulerkapper bis aufs Leben geketzert. Da freute sich nun meine Seele, als ich gegen das Ende des Halbjahrs meine Iahten überlegte und keine einzige fand, warum ich mir – wie ich damals dachte – hätte Vorwürfe machen dürfen. Das waren aber meine tollsten Streiche noch nicht alle.

"Junker Laukhard" geht zum Ball
Einmal war mir gar eingefallen, eimen Ball am Ludwigstage als dem Namenstage des Landgrafen, beizuwohnen. Ich ließ mich deswegen chapeaubas frisieren, zog seidene Strümpfe an – und ging nach dem Rathause zu, wo der Ball gegeben wurde. Unterwegs begegnete mir ein gewisser Burkhard, welcher eben dahin wollte. Wir beredeten uns vorher zum Stangenwirt – so hieß der Wirt Balthasar bei den Studenten – zu gehen und da einige Stangen Doppelbier auszuleeren, Als wir ins Bierhaus kamen –  man stelle sich eine erzraucherige Stube voll Tabaksqualm vor, wo Studenten, Philister und Soldaten beisammen sitzen und Bier trinken – und dann denke man sich uns beide, ballmäßig gekleidet und chapeaubas auf der Bierbank mit einer Stange – einem großen Passglase in der Hand . – genug, als wir hinkamen, fanden wir so viel Bekannte, dass wir bis zehn Uhr verweilten und uns derb benebelten. Dann fiel uns ein, auf den Ball zu gehen.

Wir gingen hin, aber gleich merkte jedermann, dass uns der Kopf schwer war. Burkhard hörte, dass man sich über ihn aufhielt und fing daher an zu spektakeln bis man ihn endlich zur Tür hinauf transportierte. Er trat hierauf vors Rathaus und perierte den ganzen Ball: dafür musste er auf einige Tage nach Cordanopolis* wandern.

Ritterliche Ohrfeigen zahlen sich aus 
- ein Frauenzimmer verhindert den Skandal
Ich war als dieses vorging in einem Nebenzimmer, wo Demoiselle Langsdorf, welche mir besonders zugetan war, weil ich einem dummen Jungen (Musje Lauer hieß er), der ihr einen Ekelnamen einst gab, derbe Ohrfeigen zugeteilt hatte. Diese Heldentat hatte sie erfahren und belohnte mich dafür mit ihrer Freundschaft.
 
Mamsell Langsdorf hatte wohl gesehen, dass es mir nicht richtig war: sie sorgte also dafür, dass ich im Nebenzimmer blieb und keinen Skandal machte, wie mein Kamerad. Endlich ging ich doch in den Tanzsaal und tanzte einige Menuetts; wie aber – das kann man sich denken!

Heimreise übern Bellermarkt**
...ich meinem Vater, dass jetzt bald Ferien wären: er möchte mir also erlauben, ihn zu besuchen. Meine Leser erraten, ohne dass ich es sage, dass nicht die Begierde, meine Eltern zu sehen, sondern aufwiegelnder Drang, mein Mädchen zu sprechen, die Ursache war. Von der Reise selbst will ich nichts erwähnen: es ist nichts Merkwürdiges dabei aufgestoßen, außer dem Folgenden: 

Eine halbe Stunde von Wendelsheim wird jährlich ein berühmter Jahrmarkt unter dem Namen Bellermarkt gehalten, und zwar im blanken Felde, woran mehrere Ortschaften Teil nehmen. Dahin kommen Kaufleute und Krämer viele Meilen her – von Mainz, Works, Mannheim, ja sogar von Frankfurt und Straßburg. Es werden auch eine Menge Weinhütten, ungefähr 50, errichtet und von allen Biersiedern aus dem ganzen Umkreisher bemusiziert. Daher besucht die dortige Gegend von weit her den Jahrmarkt. Da findet man Gräfliche und Adeliche, Civilbediente und Prediger, Frauenzimmer von Stande, auch Hans und Gretel, Creti und Pleti, nebst einer ansehnlichen MengeTöchter der Freude und die Anzahl dieser letzteren soll sich, wie man sagt, noch jährlich vermehren

*Der damalige Karzerknecht – eine recht gute Anstalt ist das mit dem Gießer Karzerknecht! – hieß Conrad. Diesen Namen veränderten die Studenten in Cordanus und der Karzer hieß daher Cordanopolis.

** Der Bellermarkt im Jahr 1775 begann demnach am Dienstag, den 12. September und dauerte bis Freitag, den 15. September

Categories: Studentenleben

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1 Comment

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7:58 PM on March 29, 2019 
Actually, just about to complete an article for 'Mathematics Teaching' on 'algebra as object', have textbooks from Tanzania and India which help to make the point.