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Diesen Tag werde ich nicht vergessen, so lange mir die Augen offen stehen...

Posted on August 19, 2013 at 7:48 AM
Der 19. August war der Tag, an welchem wir in Frankreich einrückten, und diesen Tag werde ich nicht vergessen, solange mir die Augen aufstehen. Als wir früh aus unserem Lager aufbrachen, war das Wetter gelinde und gut, aber nach einem Marsche von zwei Meilen mussten wir halt machen, um die Kavallerie und Artillerie vorzulassen, und während dieses Halts fing es an, jämmerlich zu regnen. Der Regen war kalt und durchdringend, so dass wir alle rack und steif wurden. Endlich brachen wir wieder auf und postierten uns nächst einem Dorfe, das Bréhain-la-Ville hieß, eine gute Meile von der deutschen Grenze. Der Regen währte ununterbrochen fort, und weil die Packpferde weit zurück geblieben waren, indem sie wegen des gewaltig schlimmen Weges nicht voran konnten, so mussten wir unter freiem Himmel aushalten und uns bis auf die Haut durchnässen lassen. Da hätte man das Fluchen der Offiziere und Soldaten hören sollen!

Endlich wurde befohlen, dass man einstweilen für die Pferde furaschieren und aus den nächsten Dörfern Holz und Stroh holen sollte. Das Getreide stand noch hoch im Felde, weil dieses Jahr wegen des anhaltenden Regens die Ernte später als gewöhnlich gefallen war. Das Furaschieren ging so recht nach Feindest: man schnitt ab, riss aus und zertrat alles Getreide weit und breit und machte eine Gegend, worauf acht bis zehn Dörfer ihre Nahrung auf ein ganzes Jahr ziehen sollten, in weniger als einer Stunde zur Wüstenei. In den Dörfern ging es noch abscheulicher her. Das unserem Regiment zunächst liegende war das genannte Bréhain-la-Ville, ein schönes großes Dorf, worin ehedem ein so genannter Bailli du Roi seine Residenz gehabt hatte. 

Um durch Laufen mich in Wärme zu setzen, lief ich mit vielen anderen auch nach diesem Dorfe, wo wir Stroh und Holz holen sollten. Ehe aber diese Dinge genommen wurden, durchsuchten die meisten erst die Häuser - und was sie da Anständiges vorfanden, nahmen sie mit, als Leinwand, Kleider, Lebensmittel und andere Sachen, welche der Soldat entweder selbst brauchen oder doch an die Marketender verkaufen kann.. Was dazu nicht biente, wurde zerschlagen oder sonst verdorben. So habe ich selbst gesehen, dass Soldaten vom Regimente Wolldecke in eben diesem Dorfe ganze Service von Porzellan im Pfarrhofe und anderwärts zuschmissen; alles Töpferzeug hatte dasselbe Schicksal. Aufgebracht über diese Barbarei, stellte ich einen dieser Leute zur Rede, warum er einer armen Frau trotz ihres bitteren Weinens und Händeringens das Geschirr zerschmissen und ihre Fenster eingeschlagen habe, aber der unbesonnene, wüste Kerl gab mir zur Antwort: „Was Sakrament soll man hier schonen? Sind’s nicht verfluchte Patrioten? Die Kerls sind ja eigentlich schuld, dass wir so viel ausstehen müssen!“ Und dann ging’s mit dem Ruinieren immer vorwärts. Ich schwieg und dachte so mein eigenes über das Wort „Patriot“ in dem Mund eines Soldaten. 

Die Männer aus diesem Dörfern hatten sich alle wegbegeben und bloß ihre Weiber zurückgelassen, vielleicht weil sie glaubten, dass diese den eindringendenFeind besser besänftigen könnten. Aber  der rohe Soldat hat eben nicht viel Achtung für das schöne Geschlecht, zumal bei Feindseligkeiten, und es gibt wüste Teufel unter diesen Leuten, welche einem Frauenzimmer allen Drang antun können, die aber vor jedem Mannsgesicht aus Feigheit gleich zum Kreuze kriechen.  Unsere Leute hatten auf den Dörfern die Schafherden und Schweineställe geöffnet, und so sah man auf den Feldern viele Schafe und Schweine herumlaufen. Diese wurden, wie leicht zu denken steht, haufenweise aufgefangen und nach dem Lager geschleppt. Ich muss gestehen, dass ich mich unter den Haufen der Räuber mischte und ein Schaf nach meinem Zelte brachte. Ich dachte, wenn du’s nicht nimmst, so nimmt es ein anderer oder es verläuft sch, und dieser Grund bestimmte mich, an der allgemeinen Plünderei teilzunehmen. Der rechte Eigentümer, dachte ich ferner, gewinnt doch nichts, wenn auch ich sein Eigentum nicht berühre, ja, ich werde noch obendrein für einen Pinsel gehalten, der seinen Vorteil nicht zu nutzen wisse. Kurz, alle Imputabilität des Plünderns gehört, wie mich dünkt, für die Aufseher über die Disziplin und den Lebensunterhalt. Diese haben zunächst alles zu verantworten. 

Das Hammel- und Schweinefleisch wurde gekocht oder an den Säbel gesteckt so in der Flamme gebraten und hernach ohne Brot und Salz verzehrt; denn das Brot war uns auch ausgegangen, und hier zum ersten Male fühlten wir Brotmangel, der uns nach dieser Zeit noch oft betroffen und bitter gequält hat, wie die Folge dieser Erzählung ausweisen wird. Das Dorf Bréhain-la-Ville und alle anderen in dessen Nähe sahen bald aus wie Räuberhöhlen, selbst das Dorf nicht ausgenommen, worin unser König logierte. Endlich, als es dunkel wurde, kamen die Zelte an, worin wir uns durchnäss und überaus besudelt niederlegten und auf dem nassen Stroh eine garstige Nacht hinbrachten. Die Burschen, welche auf der Wache waren, gingen des Nachts von ihren Posten in die Dörfer auf Beute. 

Das abscheuliche, kältente Wetter und das schlechte, nasse Lager hatten die Folge, dass schon am nächsten Tage gar viele Soldaten zurück in die Spitäler gebracht werden mussten, weil sie Fieber hatten und nicht mehr mit marschieren konnten.

Categories: Krieg den Hütten...

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