Mein Blog

Blog

# 1. April 1793 Oppenheim: Besuch bei Pfarrer Braun

Posted on April 1, 2014 at 4:43 PM
Man denkt leicht, dass ich sehr zufrieden war, nach Oppenheim zu kommen, wo ich mehrere Bekannte, und Freunde hatte, besonders den Herrn Pfarrer Braun, den ich ehedem in Halle unter meine ganz speziellen Freunde zählen konnte. Der brave Mann kam unserm Regimente, blos um mich zu sprechen, bis beinahe Gundersblum entgegen,
und bat mich aufs dringendste, gleich bei meinem Eintritt in seinen Wohnort ihn zu beſuchen. 

Das konnte ich erst den andern Tag, aber das war denn auch ein Festtag für mich, wie ich dort deren mehrere gehabt habe! Durch Pfarrer Braun lernte ich auch den Herrn Inspektor Abbeg von Lampertsheim kennen. 

Wenn mehrere Männer, wie diese beide, in der Pfalz wären, ich söhnte mich,
wie ich glaube, mit der reformirten Geistlichkeit dort am Rhein ganz wieder aus. Ich wüsste nicht, was ich darum gäbe, dass Pastor Braun das Betragen der Franzoſen — Doch wir sind und bleiben deswegen doch Freunde.

Categories: Was vor der Belagerung von Mainz vorging

Post a Comment

Oops!

Oops, you forgot something.

Oops!

The words you entered did not match the given text. Please try again.

1 Comment

Reply Friedrich Christian Laukhard
9:24 PM on April 2, 2014 


Besuch in der Heimat
Weil ich so nahe an meinem Geburtsorte war,
wollte ich einmal dahin gehen und meine gute Mut
ter beſuchen. Es war zwar aufs schärfste verboten,
 jemand aus den Kantonuirungsquartieren heraus
zulassen weiter als eine halbe Stunde: allein mein 
Hauptmann wirkte mir die Erlaubnis, meine Mut
ter zu besuchen, bei dem General Wolfframs
dorf aus, und ich lief noch in der Nacht, so dass 
ich gegen zwei Uhr in Wendelsheim ankam.

Ich
hatte den Schulmeister Forcher herausgepocht, 
um von diesem zu erfahren, wo meine Mutter wohl
 wohnte. Diese ehrliche Haut und mein ehemali-
ger Kumpan bei meinen Jugendstreichen war herz
lich froh, dass er mich wieder sah, und begleitete
 mich zu meiner Mutter.

Die gute Alte konnte an
fänglich vor Tränen nicht reden, als sie aber der 
Sprache wieder mächtig ward, bewies sie mir ihre 
Freude über meinen Besuch durch tausend Manie
ren.

Auch meine alte Tante lebte noch. Man erstickte mich beinahe mit Fragen; und wenn ich alles hätte erzählen und erklären sollen, was man wissen wollte, ich glaube, ich hätte 14 Tage bleiben 
müssen.

Bei dieser Gelegenheit erkundigte ich mich 
auch nach unsern alten Dorfgespenstern und hörte
 zu meiner großen Erbauung, dass der Schlapp
ohr, der alte Schulz Hahn, das Muhkalb, der
 feurige Mann, der Sanktornus und alle andre Gespenſter ihr Unwesen noch immer so gut trieben, als
vorzeiten; ja, bei der Invaſsion der Franzoſen
 sollte der Schlappohr sogar am hellen Tage sichtbar gewesen sein. So finster ist's noch in der Pfalz,
ſelbst unter Protestanten!


Meines Vaters Bibliothek, und alle seine Briefschaften hatte mein Bruder sich zugeeignet, doch
 hatte er meiner Mutter versprechen müssen, im Fall
 ich dereinst das eine oder das andere davon haben 
wollte, er mir es verabfolgen lassen würde.

Übri
gens habe ich mich sehr gefreut, dass ich meine
 Alte in gutem Wohlstande und ohne alle Sorgen
 der Nahrung antraf. Gebe der Himmel, dass es 
ihr gut gehen mag, bis an ihr Ende!


Meinen ehrlichen Stuber zu Flonheim habe 
ich auf dem Rückwege besucht, und von seinen
Töchtern, besonders von Mamsel Dortchen, ge
waltige Vorwürfe hören müssen, weil ich einmal 
geschrieben hatte, dass das Pfälzer Frauenzimmer 
dem Weinsaufen stracks ergeben sei.

Meine alte, damals schon 87-jährige Tante beglei
tete mich wohl eine gute halbe Stunde, und weinte
 bittere Tränen, als sie mich verließ: sie hat mich 
hernach in Alzey nochmals besucht. Ich vergebe 
herzlich gern der guten Tante, dass sie mich so
 schlecht erzogen hat: ihre Affenliebe gegen mich hat
 sie dazu verleitet.


Eine alte Schuld
Mein Vater hatte ehedem dem Grafen Em
merich von Leiningen-Gundersblum 800 
Gulden Rheinisch geliehen. Der Graf hatte sich
hernach erschossen, und sein Herr Nachfolger,
 Graf Friedrich, wurde auf Betrieb seines Vetters, des Herrn Grafen, hernach Fürsten von Lei
ningen-Dachsburg, der Regierung unfähig
erklärt, und als ein Wahnsinniger eingesperrt. 
Unter den Verbrechen, deren man ihn beschuldigte,
 war besonders, dass er die heil. Jungfrau im 
Wilden Mann zu Oppenheim eine Hure genannt 
und vom Kaiser verächtlich gesprochen hätte. Die 
wahre Ursache der Regierungsunfähigerklärung aber 
war, dass Graf Friedrich eine Rheingräfin von 
Grumbach heurathen wollte, und der Herr Graf
 von Leiningen-Dachsburg dann Nachkommen und
 Verlust der Erbschaft befürchtete. Daher wuste er 
die Sache so einzuleiten, besonders durch Vorsprache seines Freundes, des Kurfürsten von der 
Pfalz, dass der Graf eingesteckt wurde, und bald
 darauf, Gott weiß, an welcher Krankheit, oder 
an welchem Tränkchen im Gefängnis starb.


Mein Vater wendete sich schon damals an den 
neuen Regenten von Gundersblum, welcher als 
Erbe die Schulden des Grafen Emmerich hätte 
zahlen müssen: aber er erhielt kein Geld, weil 
Rühl, eben der Rühl, welcher die h. Salbungs-
Flasche für die Könige von Frankreich zu Rheims 
1794 zerbrochen und sich 1795 zu Paris erschossen 
hat, ihm bedeutete, dass die beiden Grafschaften,
Gundersblum und Heidesheim, noch im Prozess lä
gen, und sein Herr eher nichts bezahlen könnte, 
bis er im rechtlichen Besitz derselben sein würde.


Endlich verlor der Fürst — denn er hatte sich be
fürsten lassen — seinen Rechtshandel gegen die so 
 genannten Linanges d'Italie, welche nun Herren zu


Gundersblum und Heidesheim wurden. Mein Vater forderte jetzt von diesen sein Geld, und da ers
 nicht erhielt, verklagte er sie zu Wetzlar: aber in
 Wetzlar bleiben alle Prozesse hängen, wie bekannt ist.


Meine Mutter setzte den Prozess, der ihr viel kostete, 
freilich fort, sie gewann aber nichts, das heißt, sie
 konnte die mandata ſine clausula oder die Befehle 
ohne Kraft, nicht wirksam machen. Daher wen
dete sie sich nun durch mich an die Preußen und 
würde auch ohnfehlbar ihr Geld, welches sich nun
 seit 1760 mit den Interessen auf eine ziemliche 
Summe beläuft, erhalten haben, wenn die Preu
ßen jenseits des Rheins alles hätten ruhig machen 
können. Aber so war auch auf diesem Wege für sie 
keine Hilfe.


Indessen ist das Geld doch noch nicht verloren: 
denn bleiben die Gegenden jenseits des Rheins 
in den Händen der braven Franzosen, wie es im
mer wahrscheinlicher wird, so müssen, nach dem 
Gesetz der Republik, alle Schulden der cy-devant-
Herren richtig bezahlt werden, weil sie keine Güter durchaus nicht eher publiciren lassen, als bis alle 
darauf haftende Schulden bezahlt ſind.


Besuch aus und in Dahlheim
Eine wahre Freude machte mir auch Hr. Si
mon, Pfarrer zu Dahlheim bei Oppenheim, durch
seinen Besuch mit seiner schsnen braven Schweſter.
 Dieses ist noch einer von den wenigen soliden Män
nern in der Pfalz, welche das Herz haben, anders 
zu denken, als es in der Augspurgischen Konfession oder im Katechismus steht. Ehedem war Simon 
einer meiner vertrautesten Freunde, und wusste um 
alle meine Historien, ohne sie jemals zu meinem
Nachtheile zu benutzen. Ich habe ihn auch in Dahl
heim besucht und recht selige Stunden bei ihm
 zugebracht.

b>Weitmaul "lässt grüßen"
Eines Tages saß ich in einem Hause der Apo
theke gegenüber, als ein Mensch, den ich nach
 seinem Anzuge für einen Pfaffen hielt, heraus kam. 
Zwei gutgekleidete Männer standen auf der Gasse 
und einer davon fing an: „Seht doch da, wer 
ist das?


B. Ei, kennen Sie den nicht!


A. Nein: mein Seel', ich kenn' ihn nicht.


B. Sonderbar! Der ist ja doch weit und breit 
bekannt genug: Das ist ja der Magister Weitmaul von Udenheim!


A. Ist das der Magister Weitmaul, von dem 
Laukhard so viel schreibt?



B. Freilich: aber Laukhard hätte von dem General Windſack noch mehr sagen sollen: der Kerl hätt' 
es verdient. Es ist doch ein Generalwindbeutel 
und des heiligen römischen Reichs Obermärchenträger. — Die Herren gingen weiter, und unterhielten sich wahrscheinlich noch von den Windbeuteleien des Magisters Weitmaul.


Wenn meine Leser sich aus dem ersten Theile 
dieses Werkchens noch erinnern, dass Wagner,
Pfarrer zu Udenheim, ohnweit Mainz, sonſt Magister Weitmaul im ganzen Lande zubenahmt,
 mein Hauptantagonist ehedem war, ſo können sie
 leicht denken, dass dieser kurze Dialog mich nicht 
wenig ergötzt habe. — In der Pfalz hat von mei
ner ganzen Geschichte nichts mehr gefallen, als
 das, was sich von und uͤber Magister Weitmaul
 darin befindet. So war er: und so sind einmal 
die — Pfaͤlzer! —