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# Winter 1783 Halle: Erste Lage bei den Soldaten – Gewehrsachen werden nicht selbst geputzt – exerzieren fällt schwer

Posted on January 31, 2014 at 4:46 PM
Den Studenten aus dem Weg gehen – Quartier bei Zutzeln
Der Hauptmann wollte mich zu Cheminon ins Quartier legen. Allein da Zutzel mir anfänglich nicht übel gefallen hatte und ich bei Cheminon nicht gern sein wollte, weil immer Studenten hin kamen, so bat ich den Herrn von Müffling, mich bei Zutzeln zu lassen. Er wollte mir’s freilich nicht versagen und sagte mir gleich, Zutzel sei ein wunderlicher Mensch und seine Frau sei vollends des Satans. Ich möchte also sehen, wie ich mit ihnen zurecht käme. 
 
Um mich indes mehr zu sichern, schärfte er beiden ein, mit mir ordentlich umzugehen und nicht zu machen, dass ich klagen musste. Würde man mir aber dennoch etwas in den Weg legen, so sollte ich es ihm nur gleich anzeigen. Er wollte dann seine Sachen schon machen. Wie übel ich aber für mich gesorgt hatte, wird die Folge ausweisen. 

Ich schaffte mir nun alles an, was der Soldat so an Kleinigkeiten haben muss, Bürsten, Haarwachs, Kreide, Ton, Puder und andere Kleinigkeiten, welche zur sogenannten Propretät erfordert werden. Meine Gewehrsachen habe ich immer von andern – wenn ich nämlich nicht für gut fand, es selbst zu tun – reinmachen lassen. 

Meine erste Lage bei den Soldaten 
Mein Wirt, der Unteroffizier Zutzel, war ein äußerst schnurriger Mensch von hämischhem Charakter, der sich so recht freute, wenn er jemandem einen Stein stoßen konnte. Ich muss ihn etwas näher beschreiben, vorher aber anmerken, dass die meisten Unteroffiziere, die ich habe kennenlernen, preußische sowohl als andere, eine große Ähnlichkeit mit den Verschnittenen haben, welche die Weiber im Orient bewachen müssen. Da sie wie diese ihren Vorgesetzten auf eine ganz vorzügliche Art und noch unendlich mehr als der gemeine Bursche unterworfen und gehorsam sein müssen, auch sehr oft misshandelt und belastet werden, so suchen sie ihren Unmut und ihre beleidigte Eigenliebe an den Soldaten auszuüben wie jene an den Weibern, werden aber auch nicht selten von den pfiffigen Burschen angeführt wie die schwarzen Kastraten von ihrem intriganten Frauenzimmer. Dies nebenher.
 
Zutzel mit seiner Eheliebsten war sehr fromm, das heißt, er las alle Tage in einer alten, dicken Postille und ging alle Sonntage regelmäßig zur Kirche. Er ist, wie er mir selbst oft gesagt hat, recht froh gewesen, als man ihn zum Abend- und Frühvisitieren ernannt hat, bloß weil er dadurch vom Wachtum befreit wurde und also jeden Sonntag die Kirche besuchen konnte, welches bei den Diensttuenden den Monat zweimal wegfällt. 
 
Vom lieben allmächtigen Gott wusste Zutzel sehr viel zu reden wie auch vom frommen Könige und Propheten David, vom lieben Gebet und andern dergleichen Dingen. Bei jeder Gelegenheit kam so was Gesalbtes vor. Aber man denke ja nicht, dass dieser Mensch nicht auch geflucht habe. Es gibt wohl keinen Bootsknecht bei der Ostindischen Kompanie, der besser fluchen und schwören könnte als Freund Zutzel. Beten und Fluchen war bei ihm in einem Odem. Bei diesen Tugenden besaß er wie manche seinesgleichen eine große Fertigkeit im Brannteweinsaufen, den er sich jedesmal selbst holte und mit seiner Eheliebsten, welche ein ganzes Nöle doch immer noch ein Tröpfchen nannte, in bona pace verzehrte. 

Der Herr Unteroffizier strickt und seine Frau nörgelt und prügelt
Nichts war possierlicher anzusehen, als wenn Freund Zutzel dasaß mit dem Seitengewehr und einem blauen Mantel umhatte, eine schwarze Pudelmütze auf dem Kopf, die Brille auf der Nase, die Schnappspulle vor sich und so Strümpfe stopfte oder strickte, welches beides er aus dem Fundament verstand. 

Die Madam Zutzel war ordentlich gemacht, einen Mann unter die Erde zu bringen, wenn er weniger unempfindlich gewesen wäre als der ihrige. Einer war ihr schon davon gelaufen, weil er ihre absurden Grillen nicht weiter vertragen konnte. Darauf war sie geschieden worden und so hatte sie Freund Zutzel genommen. Den ganzen langen Tag nörgelte sie, besonders wenn sie besoffen war, zankte mit ihrem Manne und ihren Soldaten und wenn sie nichts zu zanken hatte, so schlug sie ihren Hund Perl oder ihre Katze Minette. 

In diesem Quartiere lag ich nun! 
Wie wird’s da dem armen Schelm gegangen sein? werden meine gutmütigen Leser ausrufen. Und wenn sie das tun, so will ich ihnen mit einem Worte antworten: sehr schlecht, meine Herren! Einge Pröbchen. 

Exerzieren in Zutzels Stube
Ich fing gleich, wie es sich von selbst versteht, an zu exerzieren und zwar in Zutzels Stube. Freilich lernte ich nicht schnell, teils war ich des Dings nicht gewohnt, teils dachte ich, Zeit genug zu haben, diese große Kunst, welche hauptsächlich in der gleichmäßigen Fertigkeit und Akkuratesse besteht und vom dümmsten Bauernjungen begriffen wird, zu erlernen. 

Dass ich nun nicht flugs lernte, ärgerte meinen Zutzel und er klagte mich beim Hauptmann als einen Menschen an, der viel zu dumm und zu tückisch zum Exerzieren sei. Herr von Müfflig verschwieg mir das nicht und ich konnte mich nicht besser rechtfertigen, als wenn ich fleißiger und aufmerksamer ward. Das ward ich und Zutzels Klagen von dieser Seite fielen weg.
 
Freund Zutzel war gewohnt, mit den Rekruten, die er übte, umsonst zu frühstücken. Einige Zeit über ließ ich mir das auch gefallen. Allein da er gar anfing zu fordern, wies ich ihn ab und trank meinen Schnaps für mich allein. Das verdross ihn hässlich. Da er nun sah, dass ich mit andern Kameraden zur Frau Buchen oder auf die Bäckerherberge ging, so beschrieb er mich dem Hauptmann als einen Trunkenbold, der täglich in den Kneipen säße, sich vollsöffe und sich von andern prellen ließe.

Der Hauptmann ließ dieses Vorgeben durch den Feldwebel untersuchen und da er keine Exzesse fand, schwieg er. Der Feldwebel Wurm riet mir aber, wenn ich ausginge, sollte ich nur den Unteroffizier nicht wissen lassen, wohin. Der sei ein Kalefaktor*, vor dem man sich hüten müsste.

Aber nun ein Stückchen von schändlicherer Art. Es war uns ein Soldate desertiert, dessen hinterlassene Sachen Zutzel in die Kammer gelegt hatte, wo Trautwig und ich schliefen. Etwan acht Tage hernach wollte Zutzel die Sachen wegtragen, und siehe da, es fehlten einige Stücke an der Wäsche. 

Ohne weiter zu untersuchen, ob das jetzt fehlende nicht schon vorher gefehlt habe, behauptete er, entweder Trautwig oder ich müssten sie verkauft oder versetzt haben. Trautwig nahm das Ding sehr übel und suchte mich sogleich auf, um mir die Beschuldigung mitzuteilen. Ich lief nach Hause und nun gab's schöne Auftritte.


*Kalefaktor heißt bei den Soldaten ein Offizierbedienter, der einheizen und andere Handdienste verrichten muss und zugleich Soldat ist. Dieser Name wird aber auch denen aus Spott zugelegt, die bei den Vorgesetzten alles Nachteilige, was sie von ihren Kameraden erfahren, anbringen. Daher das Zeitwort kalfaktern.

Categories: ...im Soldatendienst Preußens

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