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# Freitag, 27. Dezember 1783 Halle: Eingekleidet und ins Quartier – Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichgültigkeit. Wohl ihm, dass er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt z

Posted on December 26, 2013 at 6:18 PM
Man sollte denken, dass ich früh die Sachen anders als den vorigen Abend angesehn und mich derb über meinen unbesonnenen Schritt werde gekränkt haben. Das war aber nicht so. Meine Stimmung hatte sich nicht geändert und als ich erwachte, freute ich mich noch immer über das, was ich getan hatte. Das Grundgefühl von Rache, die Sehnsucht nach Ruhe, nebst der täuschenden Erwartung der Dinge, die jetzt kommen würden, unterhielten die Spannung meiner Seele und versetzten mich zu sehr außer mir, als dass ich meinen damaligen gegenwärtigen Zustand hätte nach der Wahrheit prüfen und wertigen können. 

Ich sprach mit dem Hauptmann so unbefangen als wenn ich schon zehn Jahre bei den Soldaten gewesen wäre. Herr von Mufflig freute sich über dies mein aufgeräumtes Wesen und wiederholte mir sein Versprechen, dass ich es gut bei ihm haben würde. 

Ich hatte schon am vorigen Abend auf Begehren des Hauptmanns einen Zettel an den Prorektor geschrieben und ihm berichtet, dass ich aus gewissen Gründen Soldat geworden wäre. Das war nun freilich unnötig, denn der Prorektor hat in solchen Dingen nichts zu verfügen. Der Hauptmann fragte noch, ob ich haben wollte, dass er den Zettel an den Herrn Schulze abschicken sollte. Ich bejahte es und Zutzel, der Unteroffizier, musste ihn hintragen.  

Herr Schulze ließ dem Hauptmann wiedersagen, dass er ihm zu mir gratuliere. Auf die Frage, was Schulze für eine Miene gemacht habe, antwortete Zutzel, er habe gelacht und seiner Frau die Sache mit Lachen erzählt. Das ärgerte mich. Der Unbefangene findet aber freilich manches nicht so wichtig als der Befangene im Taumel. Wohl dem, der hierdurch allmählich ein Körnchen vom Salz der Weisheit einsammelt, um nichts wichtiger zu finden, als es ist!
 
Ich wurde noch auf der Hauptwache eingekleidet und kam zu dem Unteroffizier Zutzel ins Quartier. Das war am 3. Weihnachtsfeiertage 1783. 

Aber nun kam der Lärmen in der ganzen Stadt herum und alle Straßen, alle Kneipen, alle vornehmen Zirkel und alle Puffkeller ertönten von der einzigen Nachricht: Magister Laukhard ist Soldat geworden! Man schrieb es gar weit und breit herum. Viele Philister, Menschen und ander Grobzeug kamen vor das Haus, wo ich logierte, mich zu sehen und zu schauen, wie mir die Montur wohl stehen möchte. Ich ging diesen Tag einigem aus und jedesmal begleitete mich ein Haufen Jungen, Menschen, Studenten und Philister. Die Kinder sangen sogar: 

Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist ein Zottelbär
 
andere:
 
Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Philister mehr. 

Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichgültigkeit. Wohl ihm, dass er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt zu bleiben! Man hatte ihn vorher hier und da degradierend genug dazu behandelt.
 
Gegen Mittag schickte mir Herr Schulze zwei Studenten und ließ mir sagen, dass, wenn ich wieder los sein sollte und Mittel dazu angeben könnte, er bereit wäre, alles für mich zu tun. Ich schrieb ihm einen lateinischen Brief, dankte ihm und bezeigte, dass das wohl nicht mehr gehen würde; wenn er aber mich befreien könnte, hätte ich nichts dawider. Ich wusste aber, dass dieses nicht mehr möglich war. 

Meine Bekannten und Freunde unter den Studenten, besonders einige meiner Landsleute, kamen häufig und mit Tränen in den Augen zu mir und baten mich, doch Himmel und Erde für meine Befreiung zu bewegen, es würde ja alles noch gehen. Ich wurde sehr gerührt durch die Vorstellungen der ehrlichen, gutmeinenden Junglinge. Die guten Leute nahmen sich meiner sehr tätig an, ohnerachtet ich es verbat. Sie liefen mehrmals zum Hauptmann und als dieser sich nicht so erklärte, wie sie es wünschten, bombardierten sie den damaligen General des Regiments, den Fürsten Adolph von Anhalt-Bernburg. Der Fürst versprach den Studenten, um sich von ihnen loszumachen, dass er mich selbst vernehmen und dann resolvieren wollte, was rechtens wäre. Als ich diese Nachricht hörte, hatte ich genug und erklärte den Studenten, dass alle ihre Mühe verloren wäre: es würde bleiben, wie es wäre. 

Nachmittags schrieb mir auch Herr D. Semler einen großen lateinischen Brief, welchen ich 1787 nebst anderen Schreibereien mit nach Hause nahm und zu Wendelsheim zurückließ. In diesem Briefe erschien das edle Herz des guten Mannes auf eine sehr sichtbare Weise. Ich hätte, schrieb er, dergleichen nicht unternehmen können, wenn ich nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte. Dieser Glaube sei das höchste Gut des Menschen. Man müsste ihn beibehalten, gesetzt auch, er sei Vorurteil. Hätte ich mich in meinen üblen Umständen, die ihm nun recht gut bekannt wären, nur an ihn gewandt, so würde er wohl Wege zu meiner Beruhigung entweder selbst eingeschlagen oder sie mir doch gewiesen haben. Indessen sei das nun einmal nicht mehr zu ändern, deswegen sollte ich auf eine zeitlang Geduld haben und erwarten und hoffen, dass alles könnte verbessert und für meine Ruhe gut eingerichtet werden. Auf ihn sollte ich mich immer verlassen, er würde mir immer Freund und Beistand sein. Am Ende ermahnte er mich, ja fleißig zu studieren. Die Studia wären wahrer Balsam für Unglückliche. Dabei führte er mir einige Stellen aus Cicero und Ovidius an. 

Der Brief Sammlers rührte mich im Innern meiner Seele. Ich kannte den Mann und wusste, dass seine Worte Realitäten bezeichneten. Ich habe selten den Worten getraut, womit mir jemand seine Freundschaft und Dienste beweisen wollte. Aber bei den Worten einiger redlicher Männer machte ich immer eine Ausnahme und das war auch bei Semlern der Fall. Semler war der wohlwollendste, tätigste Menschenfreund.

Categories: ...im Soldatendienst Preußens

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