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# 25. Dezember 1783 Halle: Endlich Ruhe...? – ein Entschluss macht froh, "so froh, als ich seit einem Vierteljahre nicht gewesen war"

Posted on December 25, 2013 at 1:48 PM
Früh war ich noch in Kleidern. Ich las in Tassos »Gerusalemme liberata« und las die äußerst rührende Stelle, wo Tancred sein Mädchen ermordet. Diese Stelle hatte mich mehrmals innigst gerührt, aber damals musste ich überlaut dabei lachen. 

Morgens um 6 Uhr...
Ich ließ mich frisieren und lief sodann spornstreichs zur Christmette um sechs Uhr. Aus der Christmette lief ich, ohne zu wissen, wohin, zum Tor hinaus, zu dem Wirt in den »Pulverweiden«. Ich forderte Breuhahn, und die guten Leute wunderten sich, dass ich schon so früh Breuhahn trinken wollte. Hier saß ich nun fast drei Stunden, ehe ich recht zu mir kam, und untersuchte meine Empfindungen. 

Die gestrige Lustigkeit der Knoten und der Soldaten kam mir zuerst wieder in den Sinn, und da hob sich denn der Gedanke aus dem Gefühl der verwirrten Vorstellungen heraus, es wäre doch hübsch für dich, wenn du Soldat würdest! Dieser Gedanke schüttelte mich anfänglich freilich gewaltig zusammen, kam aber immer wieder und wieder, und ich ward endlich mit ihm vertrauter. 

Das war alles noch bloße Vorstellung, aber von nun an kam auch Überlegung dazu.  – Und endlich findest du ohne Zweifel Mittel und Wege, dir ein ruhigeres Leben zu verschaffen. Ruhe, von welcher Art sie sei, welchen Aufwand sie auch kosten möchte, Ruhe schien mir damals bei der gewaltig anhaltenden Unruhe, worin ich schwebte, das höchste Gut auf Erden zu sein.

Aber wo denn willst du Soldat werden? – Diese Frage löste sich bald auf. In Halle und an keinem andern Orte! In Halle bist du gekränkt, in Halle musst du gerächt werden! – So kindisch rachsüchtig dachte ich damals in der Verwirrung!

...bis nachmittags um 3...
In diesen Gedanken saß ich bis nachmittags um drei Uhr bei meinem Philosophen (So nannten wir damals den Wirt in den Pulverweiden), der immer mit mir reden wollte, aber wenig Worte von mir herauszerren konnte. Ich war zu sehr weg und bloß mit dem Gedanken, Soldat zu werden, beschäftigt.

Gegen Abend...
Ich kam gegen Abend in die Stadt zurück, ging in die "Knochenkammer", nicht um zu trinken, sondern um frohe Leute aus der Klasse zu sehen, zu welcher ich von nun an gehören wollte. Ich sprach mit einigen, fragte sie, wie es ihnen ginge und erhielt natürlich lauter befriedigende Antworten. Diese machte meinen Entschluss immer fester. Nun war die Frage, an wen ich mich wenden sollte. Allein dazu, dacht' ich, sollte gleich früh Rat werden. Also verließ ich diesen Ort des lärmenden Vergnügens froh, so froh, als ich seit einem Vierteljahre nicht gewesen war.

...Besuch im Klub
Zum Überfluss besuchte ich noch einen Klub bei Busch auf dem Ratskeller, wozu ich schon gehört hatte und der sich sehr oft, allemal aber sonntags und freitags, regelmäßig versammelte. Die Leute waren alle froh, mich wiederzusehen, da sie mich schon seit so langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Ich war über alle Gewohnheit lustig und dies kam dem Ex-Schuhmeister Michaelis, welcher eben auch zu diesem Klub gehörte, so befremdend vor, dass er nach seiner Art Anmerkungen darüber machte. 

Man stutzte aber nicht wenig, als als ich meinen Entschluss, Soldat zu werden, deutlich genug zu verstehen gab. Wir waren indes im Preußischen und so widersprach keiner. – So weicht der Mensch dem Bürger, der Ernährer dem Zuchtmeister!

...dann zu Cheminon...
Vom Ratskeller ging ich in das Haus, worin sonst mein Bruder gewohnt hatte und welches der Hanauer Puff hieß. Hier wohnte die Cheminonin mit ihrem Manne, einem Soldaten von des damaligen Hauptmann von Müfflings Kompanie. 

Ich kannte diesen Cheminon und beschloss, ihm meine Absicht zu entdecken. Nachdem ich mehrere Gläser Schnaps – alles aus betäubender Lustigkeit – eingestürzt hatte, nahm ich ihn auf die Seite und bat ihn, doch ja dafür zu sorgen, dass ich ganz früh einen Hauptmann sprechen könnte, gleichviel welchen.

Cheminon machte große Augen, als er von mir vernahm, dass ich Soldat werden wollte. Er wollte anfangs nicht einmal glauben und dachte, ich hätte ihn zum besten. Allein ich beteuerte ihm hoch und teuer, das sei mein Ernst und so glaubte er's. Nun lobte er er mir, wie natürlich, seinen eignen Hauptmann, den Herrn von Müffling und versprach mir, mich gleich am folgenden Morgen früh zu begleiten.

Ich blieb daher diese Nacht über in Chiminons Wohnung und soff mich voll in lauter Fuselbranntewein, welchen Madam Chimenon damals für Likör ausschenkte. Ich glaube, dass ich vergessen habe zu sagen, dass der berüchtigte Hanauer Puff weiter nichts war als eine Schnapskneipe. Madam Cheminon wusste aber auch zu leben und sorgte immer für artige Jungfern*. Das sahen einige Studenten gern, fanden sich fleißig ein und tranken den elenden Fusel für Likör.

*Jungfer heißt nach hallischem Sprachgebrauch eine Bürgertochter, die keinen Mann hat. Kinder mag sie gehabt haben, das schadet nichts. 
Mamsell wird jedes mit frisiertem Kopf einhertretende Frauenzimmer ohne Mann genannt. Doch fängt gegenwärtig der Name Mamsell auch schon an, unfrisierten Haubenstöcken gegeben zu werden, daher Mamsell Minchen, Röschen, Nanettchen.




Categories: Magister Laukhard

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