Mein Blog

Blog

# 24. Dezember 1783 Halle: "Du bist ein Mensch. Alle Menschen sind Schurken. Also auch du! Hast du meinen Schluss verstanden. Geh'!" – Köster verfolgte mich, so sehr ich mich bemühte auszureißen. Endlich fuhr ich in ein Loch, worin ic

Posted on December 25, 2013 at 1:41 PM
Ich überlegte in dieser Not, wie es wohl werden würde, wenn ich mich anderswohin begäbe? Allein wohin? Ich traute den Menschen einmal nicht mehr, weil ich Vater und Bruder nicht mehr traute; und wie sollte ich fortkommen? Ich hatte weder Wäsche noch ganze Stiefeln, und im Winter, der es war, mußte ich befürchten, unterwegs umzukommen! Der bestimmte Posttag kam heran, aber leider wieder kein Brief! Man versetze sich in meine Lage und bemesse danach den Drang und Sturm meiner Empfindungen. 

Abends durchlief ich alle Gassen, gleichsam außer mir, es war der heilige Abend vor Weihnachten. Köster begegnete mir und fragte, wie mir's ginge. Ich stieß ihn zurück ohne zu antworten und rannte weiter. Köster mir nach und bat mich um um Gottes Willen, ihm meine Not oder den Grund meines Unwillens zu entdecken. Ich schwieg hartnäckig. Er wiederholte seine Frage mehrmals, warum ich ihm nicht antworten wollte. 

"Weil du ein Schurke bist", erwiderte ich endlich.

Köster: Um Himmels Willen, Bruder, sag', was ist dir. So spricht mein Laukhard nicht! So spricht ein böser Genius in dir.

Ich: Du bist ein Mensch. Alle Menschen sind Schurken. Also auch du! Hast du meinen Schluss verstanden. Geh'!

Köster: Ich lasse dich nicht gehn! Bruder, sag', wo du hin willst. Ich gehe mit und wenn du zum Teufel gingst. Ich lasse dich so nicht gehn!

Köster verfolgte mich, so sehr ich mich bemühte auszureißen. Endlich fuhr ich in ein Loch, worin ich noch niemals war. Köster fuhr mir nach. Es saßen Gnoten, Soldaten und Menscher drin. Die Leute waren gewaltig lustig, tanzten, hüpften, spielten, taten schön und zeigten auch keine Spur von Gram oder Unmut. Oh wie beneidete ich diese Gnoten und diese Soldaten! – Soldaten, und vergnügt? – Und du Magister, und so elend? – Soldaten? – Dieser Gedanke umfasste meine ganze Seele, hallte anhaltend wider und vertiefte sich immer mehr in mich. – Köster forderte Branntewein, setzte sich, fing an lateinisch zu sprechen und drang jetzt dringender in mich, um die Ursache meines Kummers mir zu entlocken. Aber ich war stumm. Es schwärmten dunkle Bilder in mir herum von dem, was ich tun wollte. So sehr auch Köster zudrang, so sehr verhärtete ich mich. Endlich sagte er:

"Hör, Bruder, ich habe noch deine particulas graecas. Vergib, dass ich sie noch habe."
– "Es hat nichts zu sagen", erwiderte ich. "Wenn du jemanden weißt, der sie kaufen will, so gib sie hin und stelle mir das geld zu. Weißt du aber keinen, so schick' sie mir morgen früh." Köster fragte, ob ich sie ihm für den Pränumerationspreis, ein Taler vierzehn Groschen, ablassen wpllte. Ich hatte nichts dawider und Köster lief den Augenblick nach Hause, um mir das Geld zu holen. Vielleicht war er auf den Gedanken gekommen, dass die höchste Geldnot der Grund meines Kummers sei. Er kam wieder und wir verließen das liderliche Loch.

Ich lief noch einigemal durch die Straßen, ging auch noch zum Kaufmann Mörschke und kam gegen elf Uhr – aber ohne Trunkenheit – nach Hause. Vor lauter Ärger warf ich mein Bett auf den Fußboden und legte mich darauf. Aber meine Unruhe war zu groß, ich konnte nirgends bleiben, wusste auch nicht, wo ich war und was ich tat. Das war ein schrecklicher Zustand. Lachen konnte ich überlaut; alles, woran ich dachte, kam mir sehr lächerlich vor. Aber für den traurigsten Gedanken hatt' ich keine Empfindung. 

Categories: Magister Laukhard

Post a Comment

Oops!

Oops, you forgot something.

Oops!

The words you entered did not match the given text. Please try again.

0 Comments