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# Wintersemester 1775 Gießen: Besuch in Marburg – Begegnungen – die Herren Feuer- und Schwert-Apostel waren von jeher unausstehliche, selbstsüchtige Grillenfänger...

Posted on November 4, 2013 at 3:33 PM
In einigen Kollegien hospitierte ich und besuchte auch selbst einige Gelehrte, bei denen mich mein Vetter Böhmer, der Hofmeister bei Herrn von Breitenbach, einführte. Es waren die Herren Wyttenbach, Koing, Seib und Curtius.

Herr Curtius ist ein herrlicher Mann, so viel ich nämlich nach der kurzen Bekanntschaft urteilen konnte. Er sprach sehr hübsch und gründlich über Literatur und Philologie und machte auch einige Anmerkungen über Herrn Schmid in Gießen, die mir bass behagten.

Coing ist ein finsterer Mann, so recht von der Mine eines Dorfschulmeisters: dabei ist er schrecklich orthodox und im hohen Grade impertinent. Er hat auch allerhand geschrieben, aber niemand hat es lesen wollen. Die Titel seiner Bücher stehen im gelehrten Deutschland, die Bücher selbst findet man stückweise bei den Gewürzkrämern.

Wyttenbach ist ein Mann, auf dem Calvins Geist dreifach ruht. Ich meine den Geist der Intoleranz, der Rechthaberei und des theologischen Stolzes. Er ist ein strenger Verfechter des herrlichen decreti absoluti, worüber er einige Streitschriften mit dem Abt Schubert geführt hat. Er ist schon ein alter Mann, doch aber noch rüstig zu heiligen Katzbalgereien. Mit mir gab er sich auch ab und disputierte de omnipraesentia carnis Christi. Ich sagte ihm zwar, dass ich selbst die Allgegenwart des Leibes Christi nicht glaube und bat ihn, sich nicht weiter mit seinen Argumenten zu bemühen. Aber wie? fuhr er auf, Sie glauben nicht omnipraesentiam, oder wie die Herren Lutheraner reden, ubiquitatem carni domini? – so sind Sie auch nicht  ein Lutheraner.

Ich: Diese Lehre gehört gar nicht zur lutherischen eigentlichen Dogmatik: das ist eine scholastische Grille einiger Privatlehrer.

Er: Privatlehrer? Ist es nicht die Lehre der heiligen formula concordiae, die die Herren Lutheraner dem Worte Gottes an die Seite setzen?

Ich: Das kann ich nicht sagen: ich habe die Formula Concordia noch nicht gelesen: aber das weis ich, dass die Ubiquität so wenig Lehre unsrer Kirche ist, als das absolutum decretum eine wesentliche Lehre der Reformierten.

Er: Ei, sieh doch: absolutum decretum! Ih nun, wie mans nimmt! Ärgert Sie das Wort absolutum decretum; das kann man aufgrben: aber die Sache ist doch certa sub limitatione richtig und ein wesentlicher Artikel des Glaubens.

Nun folgte eine fürchterliche Erläuterung des Artikels von den göttlichen Ratschlüssen, wobei der alte Doctor so sehr in die Hitze gerieth, dass er seine Pfeife – darüber zerbrach. Dieser Zufall machte, dass er sich wieder erholte. Hernach ging das Lärmen von neuem los. Einigemal gedachte er des Sankt Calvins mit großen Lobsprüchen, nannte ihn einen frommen treuen Arbeiter im Weinberge Jesu u.s.w.

Allein ich war dem Sankt schon seit langer Zeit spinnefeind, weil ich die Hinrichtung des Servetus in Mosheims Geschichte schon zu Hause gelesen hatte. Ich nahm mir daher die Freiheit dem Herrn Doctor zu erwiedern, Calvin sei ein Mann von sehr hämischen, heimtückischen, erzboshaften Charakter gewesen, so ungefähr wie der Sankt Dominik oder sein Ebenbild Meister Hochstraten.

Da fing Wyttenbach Feuer, verteidigte den Calvin und behauptete geradezu, dass man gotteslästerliche Ketzer, wie Servet, der die Trinität einen dreiköpfigen Cerberusgeheißen hätte*), hinrichten könnte. Calvin hätte recht gehabt.

Dieser Freund Wyttenbach hätte sich ganz vortrefflich zu einem Ketzermeister oder Inquisitor geschickt. Hier will ich nur so im Vorbeigehen bemerken, dass man bei den Reformierten weit mehr Intoleranz und Geist der Verfolgung antrifft, als bei den Lutheranern. Woher das kommen mag, weis ich nicht; es ist aber in der Tat so. 



*) Nichts ist abgeschmackter, als wenn die Verfechter Calvins von Servetus Gotteslästerungen was daher plappern! Servet leugnete die Trinität: sie war für ihn ein Nonsens; wie konnte er sie dann also lästern?

Oder warum verbrannte man nicht auch den Luther als Blasphemanten, da er die Messe einen Drachenschwanz, Teufelsopfer u.s.w. nannte? Hier ist ja alles relativer Ideenkrieg! 

Und wenn der liebe Gott selbst Philosoph genug ist, die Quergrillen der Menschenkinder über sich zu dulden: wer gibt denn uns Toren das Recht, statt seiner zu häschern oder zu dominieren? – 

Aber freilich, die Herren Feuer- und Schwert-Apostel waren von jeher unausstehliche, selbstsüchtige Grillenfänger, die für ihre Rechthaberei und Verfolgungssucht keinen glänzenden Deckmantel finden konnten, als die Aufrechthaltung der Ehre Gottes oder der – reinen Lehre,

Categories: Studentenleben

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