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# 31. Oktober Reformationstag: <br>Revolution in der katholischen Kirche.

Posted on October 30, 2013 at 4:19 PM
Revolution in der katholischen Kirche. 
(Auszug aus „Bild der Zeiten“ von F.C. Laukhard, 1801) 

Schon aus dem bisher hin und wieder Gesagten ist es deutlich, dass es denkenden Männern unmöglich sein musste, an der äußeren Einrichtung der katholischen Kirche Gefallen zu finden. Aber denkende Männer bewirken allein, als solche, keine Revolution: sie müssen erst in den Hanisch gejagt werden. Und den vornehmen wie den geringen Pöbel zu Helfern bekommen. Bedrückung, Verfolgung, Habsucht, Stolz, Rachbegierde und andere Leidenschaften müssen, wenn eine Revolution zu Stande kommen soll, das Ihrige mit beitragen. 

Die große Revolution in der katholisch-abendländischen Kirche ist ebenso bewirkt worden, wie die politische in Frankreich, und andere. Alles war schon längst zu einer Revolution in Religionssachen im Innern vorbereitet, allein die Sache musste einen Stoß zum Ausbruch von außen bekommen, und diesen Stoß gab folgende an sich geringe Begebenheit. 

Albrecht von Brandenburg, Kurfürst Joachims des 1. Bruder, gelangte 1515 zum Erzbistum zu Mainz und Magdeburg und zum  Bistum Halberstadt. Er brauchte immer Geld, aber Papst Leo X. auch, und da sie sich kannten, so übertrug ihm der Papst den Ablasskram in Deutschland gegen die Abgabe von der Hälfte des Ertrags. Albrecht II, Kurfürst zu Mainz, war also für Deutschland Ablassoberpächter. Einer der Unterpächter war Johann Tetzel, ein Leipziger Dominikaner. Dieser predigte im Saalkreis, im Mansfeldischen, zu Halle, Leipzig und in der Gegend von Wittenberg gar schnurrig und gotteslästerlich. 

Auf der neuen Universität Wittenberg (gestiftet 1502), lebte damals als Professor Doktor Martin Luther, ein Eisleber. Ein Mann von einiger Gelehrsamkeit, aber von festem Sinn, tiefer Empfindung und rauem Temperament. Ein großer Anhänger des Augustin und ein  gewaltiger Verehrer der Bibel, freilich nur nach dem Sinn, wie er sie verstand. Tetzel predigte zu kirchlich-kaufmännisch, und Luther, der freilich nach Augustin und nach der Bibel von Gnade Gottes und Rechtfertigung ganz andere Begriffe hatte, als der elende Tetzel, griff ihn mit Predigten und Thesen an. Auch schrieb er an Albrecht und selbst an Papst Leo den X, aber ohne Erfolg.

Tetzel, oder vielmehr Wimping, Professor zu Frankfurt, disputierte wider Luther, aber eben dies Gezänk reizte die Aufmerksamkeit auch des großen Haufens. Zu Luthers ersten Widersachern gehören ferner Johann Eck, Professor zu Ingolstadt, und Silvester Prierias, ein Dominikaner, welche aber ebenfalls durch ihr Geschrei gerade das fortpflanzen halfen, was sie dadurch ersticken wollten. Wittenberg kam durchs Hinströmen zu Luther sehr in Flor, und der sonst eifrig-katholische Kurfürst, Friedrich, schützte ihn. 

Leo X. hielt den Pfaffen- und Mönchstreit für ein theologisches Gezänk, und kümmerte sich nicht viel darum. Erst auf die Vorstellung Kurfürst Friedrichs des III. schickte er den Kardinal Thomas de Bio, Bischof zu Gaeta, oder Cajetanus, einen Dominikaner, nach Augsburg, aber auch dieser vermochte nichts gegen den sich persönlich stellenden Luther! Unerschütterlich verwarf er von da an jede päpstliche Entscheidung und verwies seine Sache auf ein allgemeines, freies Konzilium in Deutschland. Nicht besser ging es dem päpstlichen Legaten Carl von Miltitz. Luthers Meinung ward dadurch nur immer bekannter, berühmter, und erhielt selbst unter den Gelehrten Beifall. Doktor Andreas von Bodenstein, sonst Carlstadt, nahm sich seiner an in einer Disputation mit Eck zu Leipzig, der auch Luther selbst beiwohnte. Man schrie, nach damaliger Sitte freilich etwas unsanft und jede Partei rühmte sich des Sieges. An Schimpfnamen fehlte es nicht weniger. Man nannte sich – Bodensatz, Luder, Dreck. 

Eck, um mit Gewalt durchzusetzen, was er mit Gründen nicht konnte, eilte nach Rom und bewirkte dort eine Bannbulle gegen Luther. Diese kirchliche Verbannung schadete aber dem Ansehen des Papstes mächtig und der verbannte Luther erhielt dadurch viele zu Gönnern, vorzüglich den Kurfürsten Friedrich, welcher damals gerade Verwalter des Reichs ward. Die Gelehrten unter Luthers Feinden waren meist theologische Krippenbeißer, ohne Sprach-und Bibelkunde, versauert nur im Hildebrandismus oder im aufgedrungenen Usurpations-System der Hierarchie und des Glaubens. Luther übersah sie himmelweit und wies sie zurecht, wenn gleich meist derb. 

Gegen den Papst, als die Hauptquelle all des Unsinns, konnte er unmöglich noch Achtung hegen, und er ging hierin so dreist-weit, dass er das Jus Canonicum, in seiner Kraftsprache, päpstliche Eselsfürze nannte, und es öffentlich verbrannte. Melanchthon, ein junger und gelehrter Humanist, Reuchlins Schüler, gleichfalls Professor zu Wittenberg, trat auch Luther bei, und viele brave deutsche Ritter, vorzüglich Ulrich Hutten, nahmen ihn in Schutz und Schirm. Hans Sachs zu Nürnberg pries ihn mit Gesängen. Albrecht Dürer und Lukas Kranach verbreiteten sein und seiner Freunde Konterfei. Erasmus trat zwar nicht ganz und nicht öffentlich auf seine Seite, doch nützte er dem Fortgang der reineren Lehre ungemein durch seine geistreichen Schriften, und durch seine Ausfälle auf die Mönche und Pfaffen. Schon seine Epistolae obscurorum virorum waren für Luthers Sache nicht ohne Nutzen. 

Nachher erhielt Luther auch noch einen Anhänger in der Schweiz, an Ulrich Zwingli, Pfarrer zu Zürich. Auch dieser hatte wider einen Ablasspächter gepredigt, den Bernhard Samson, und brachte es bei seiner Obrigkeit dahin, dass das Unwesen verboten wurde.  Carl V. forderte zwar Luther 1521 nach Worms, erklärte ihn und seine Anhänger in Acht und verbot dessen Lehre. Aber des Kaisers Acht war ebenso unwirksam, als des Papstes Bann! Man erinnere sich aus dem vorigen Abschnitt an Carls des V. Lage im Jahr 1521. 

Luther trotzte allen Stürmen, lebte aber seitdem auf der Wartenburg und arbeitete an Briefen und Schriften. Insbesondere schrieb er ein heftiges Buch gegen ein äußerst elendes Gesudel Heinrichs des VIII, Königs von England, über die sieben Sakramente. Man tut unrecht, wenn man dieses Geschmier andern Gelehrten zuschreibt, und den König Heinrich nur seinen Namen dazu hergeben lässt. Das Buch ist wirklich sehr schlecht, mit lächerlichen Gründen angefüllt und geschrieben in echtem Küchenlatein. Dies alles passt auf einen König, wie Heinrich war, recht gut: Er hatte ja Theologie studiert! Das Buch brachte aber Heinrich den Titel eines Glaubensschützers vom Papst zuwege, und eben diesen Titel führen noch jetzt die Könige von England, wenn sie gleich gegen eben jenen Glauben, als Protestanten, längst protestieren! O über das Widersinnige der Titelsuche selbst bei Mächtigen!  Nicht gelinder schrieb Luther wider den Erzbischof Albrecht. 

Nützlicher war seine Übersetzung der Bibel, welche nun in die Hände des Volks kam, und der deutschen Sprache, welches nicht zu übersehen ist, mächtig aufhalf. Eben diese Übersetzung erhielt nach und nach grammatische Autorität, und erhob die hochdeutsche sächsische Mundart zur allgemeinen Büchersprache der Deutschen. Papst Hadrian VI. versprach freilich viel, um das durch Luther und dessen Anhang immer weiter einreißende Schisma zu heilen, allein die deutschen Fürsten setzten ihm 100 Beschwerden entgegen. Sein Nachfolger, Clemens VII., wiegelte zwar auch durch den Legaten Lorenz Campeggi die katholisch gebliebenen Stände Deutschlands wider die abgefallenen auf, jedoch wieder ohne Erfolg. 

Wie aber der Schwindelgeist bei jeder Revolution rege wird, so ward er’s auch bei dieser. In Luthers Abwesenheit fing Carlstadt an, mit Hilfe der Wittenberger Studenten und des Pöbels, die Bilder aus den Kirchen zu werfen. Schlimmer noch machten es die neuen Propheten Thomas Münzer, Marx Stübner, Nickel Storch, Ludwig Hetzer, Balzer Hübmayer und Johann Denk. Sie trugen, so unberufen sie auch waren, allerhand Prophezeiungen und neue Lehren vor, predigten in den Schenken und fingen allerlei Unfug unter dem Volk an, vorzüglich in Thüringen. 

Unglücklicherweise brach 1524 auch der Bauernkrieg aus. Er hatte seinen Grund in der unaufhörlichen Bedrückung, welche der Bauernstand vom befehdenden und mordbrennenden Adel und von der Blutsaugerei der Pfaffen leiden musste. Die erste Gegenwehr dawider äußerte sich in Schwaben, und verbreitete sich über die Länder an der Donau und am Rhein über Franken, Hessen, Thüringen und Sachsen. Schrecklich waren die Verwüstungen dieser empörten Fanatiker, die mit der Mistgabel in der Hand, die Vorbilder der Jakobiner waren und Freiheit und Gleichheit predigten, ohne sie recht zu kennen, und alles tot schlugen, was ihnen von Gegnern vorkam. 

Die Fürsten rüsteten sich gegen diese wilden Selbsträcher, und vertilgten sie bald, nicht ohne entsetzliche Grausamkeit. Luther hatte an diesen Händeln, wie Sartotius genug erwiesen hat, zwar keinen Anteil, aber dennoch schrieben die noch Römischgesinnten den Bauernaufstand dem neuen Evangelium zu. Es lässt sich denken, dass dieser Umstand Luthers Verbesserungen nicht wenig Eintrag tun musste.  

Auch Luthers Streit mit Erasmus über den freien Willen der Menschen, wie jener mit Carlstadt und Zwingli wegen des Abendmals, wodurch die Trennung der Schweizer bewirkt und der Grund zu einer neuen anti-römischen Sekte gelegt wurde, schadete der Verbreitung seiner Lehre ebenso arg, als seine Heftigkeit dabei aus sich Augustinisch arg päpstelte. Wahrlich, nur die Lage der Sachen, die Ungeschliffenheit manches seiner Gegner und der Ton der damaligen Zeit kann es entschuldigen, dass der große Luther sich oft recht klein finden ließ. *) 

Da aber dem allem ungeachtet sein Anhang in Deutschland mächtig anwuchs, so kann man abnehmen, wie vorbereitet dazu man hier schon sein musste, und wie tief man es empfand, sich von Rom aus, als Staats-und Kirchen-Sklave, behandeln zu lassen. Man schüttelte das lästige und niederträchtige Joch ab, richtete den sogenannten Gottesdienst an vielen Orten ganz anti-römisch ein, und selbst große Fürsten und Stände traten ganz öffentlich auf Luthers Seite, trotz dem Wormser Edikt.  Dies tat vorzüglich Johann der Standhafte, seit 1525 Kurfürst von Sachsen; Philipp der Großmütige, Landgraf zu Hessen; Georg von Brandenburg, Markgraf in Franken; Herzog Ernst zu Lüneburg; und viele Reichsstädte, namentlich Nürnberg, Hamburg, Lübeck, Braunschweig, Nordhausen, Mühlhausen, Goslar und andere. 

Dass niedrige, kaufmännische Vorteilssucht die Stelle der edleren hier oft vertreten habe, lässt sich nicht ableugnen. Vielleicht hatte eben sie Anteil daran, dass Luthers Lehre auch in Preußen Eingang fand. Dieses Land ward in den älteren Zeiten von lettischen Völkern bewohnt. Das Christentum sollte bald nach Carl dem Großen durch die Missionarien Adalbert und Bruno von Querfurt dort eingeführt werden, allein es ging nicht. Auch blieben die Preußen noch lange frei von fremder Herrschaft, wenn sie schon dann und wann Tribut an Polen zahlen mussten, - wahrscheinlich, um von dort aus in ihren Räubereien nicht gestört zu werden. Sie drängten nicht selten, ihre Raubsucht zu befriedigen, die pommerschen Herzöge, ja selbst die polnischen Herzöge und Könige. 

*) Im III. Teil von Lessings vermischten Schriften (Berlin 1784) findet man ein Pröbchen davon an Simon Lemnius, oder Lemchen, wie ihn Matthesius nennt. – Merkwürdig ist dort auch, was Lessing über den Cochläus schreibt, und noch merkwürdiger der Brief des Alphonsus Baldesius über die erste Veranlassung zu Luthers öffentlichem Aufstand gegen den Ablass und den Papst. „Die Gemüter der Deutschen, heißt es dort weiterhin, waren schon längst durch die mehr als heidnischen Sitten der Römer aufgebraucht, und hatten schon heimlich das Joch des römischen Papstes abzuschütteln gesucht. Daher kam es denn, dass sobald Luthers Schriften öffentlich bekannt wurden, sie bei allen einen erstaunlichen Beifall fanden.“ – Also eher und mehr selbst die Päpste, als Luther, waren Schuld an dem Abfall von ihnen in Deutschland. Und doch meinen katholische und politische Obskuranten das Gegenteil, freilich, um der sogenannten Aufklärung nur etwas anzuhaben.

Categories: Bild der Zeiten

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38 Comments

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