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# 21. Oktober 1792 Longwy: Abzug aus Frankreich – Fazit: "...nicht nur eine gefährliche Sache, den Krieg mit einem frei gewordenen Volke fortzusetzen, sondern es ist auch selbst für das Interesse der Könige eine höchst absurde, z

Posted on October 20, 2013 at 6:09 PM
Sonntags, den 21. Oktober, verließen wir das Lager bei Longwy und marschierten aus dem französischen Gebiete ab.
 
Ehe ich dieses Kapitel schließe, (so bemerkt Laukhard im Rückblick 1796, dem Erscheinungsjahr dieses Bandes seiner Lebenserinnerungen)  will ich den Leser noch auf eine Bemerkung aufmerksam machen – und die ist – dass gerade zu der Zeit, als die verbündete Armee ihre Operationen gegen Frankreich betrieb, die französische Nation ihre monarchistische Staatsform in eine republikanische veränderte und dass eben diese Veränderung im Manifeste des Herzogs von Braunschweig und in dem Anfall der deutschen Armee auf Frankreich ihren Grund gehabt hat, dass folglich eben die Mittel, welche dienen sollten, dem Könige, Ludwig XVI., seine alte despotische Gewalt wiederzubringen, gerade diese Gewalt zernichtet und den Grund zur nachherigen Hinrichtung dieses Fürsten gelegt haben. 

Hieraus folgt nun unwidersprechlich, dass eben der Krieg der fremden Potentaten gegen Frankreich die Freiheit dieses Reichs gegründet hat, dass folglich diese Freiheit so lange bestehen muss, als der Krieg währet; denn im Kriege liegt ja ihre Entstehung oder zumindest der zureichende Grund ihres ersten Daseins.
 
Da nun, wie aus der Geschichte aller Zeiten erhellt, die Freiheit im Kriege allemal Enthusiasmus ist, Enthusiasmus aber entweder erst mit seinen Helden zugrunde geht, wie dort mit Leonidas und seinen braven Brüdern bei Thermopylä, oder seinen Feind mutig besiegt, wie im Miltiades bei Marathon, so ist es nicht nur eine gefährliche Sache, den Krieg mit einem frei gewordenen Volke fortzusetzen, wie die Begebenheiten von 1792, 93, 94, 95 und 96 nebst der Geschichte der Griechen, Schweizer, Niederländer und Nordamerikaner beweisen, sondern es ist auch selbst für das Interesse der Könige eine höchst absurde, zweckwidrige Sache. 

Denn eben dadurch, dass man ein freies Volk bekriegt, macht man es aufmerksamer, einiger, mutiger, trotziger, folglich tapferer, kräftiger, selbstständiger und zum Widerstände fähiger – die anderen Folgen nicht einmal mitzuzählen, wie da sind, dass die Herren Potentaten sich vergebens erschöpfen, sich der Beschimpfung und Verachtung preisgeben, dadurch selbst bei ihren Untertanen immer mehr an Ansehen verlieren, lächerlich werden, ja nach und nach bei ihnen den Gedanken und den Mut erregen, es der bekriegten aber freien Nation nachzumachen und sich von der oft beschimpfenden und widersinnigen Vormundschaft eines Menschen zu befreien, der wohl leicht selbst mehr als sie eines Vormunds zuweilen noch bedürfe – und dergleichen.
 
Frankreich hat das alles klar und mächtig bewiesen, wenngleich einige politische Querseher ihresgleichen haben weismachen wollen, dass Belladonna und die Guillotine die französischen Soldaten die Gefahren habe verachten und den Feind überall tapfer angreifen machen. Aber wehe über das Hirn dieser armseligen politischen Schlucker!
Tyrannei soll tapfer machen! Braver  Moncey    und du, ehrwürdiger  Dampierre  , edler  Beaurepaire    und all ihr würdigen Verteidiger eures Vaterlandes gegen so viel Feinde – ihr, deren Blut für das hohe Kleinod der Freiheit verspritzt ist, ihr also habt euer Leben aufgeopfert aus Furcht vor der Guillotine? Das können nur die Philosophen, die Höflinge und die Minister zu Schilda glauben! 
 
Aber ein Mensch, der Menschenverstand hat und nur etwas historische Kenntnisse besitzt hat hier andere Gedanken: er denkt, dass Druck und Drang von inkompetenten oder despotischen Richtern notwendig Freiheitssinn erzeugt, dass Krieg diesen Freiheitssinn vermehrt und bis zum Enthusiasmus erhebt und dass dann eine freie Nation wenigstens so lange frei sei muss als der Krieg währt oder als sie noch befürchten kann, dass man ihr die Freiheit rauben wolle. Dieses ist eine goldne Wahrheit, die allen wahren Wesen längst eingeleuchtet hat und endlich auch England einleuchten wird, von welchen Cicero weissagt, wenn er spricht: Eventus stultorum Magister! Man hat das ja schon gesehen. 

Was hoffte man nicht alles im Juli 1792! Man hoffte, dass Frankreich sich sofort ergeben, d. i. den König als souverän wieder anerkennen würde. Man rückte deswegen so schlecht vorbereitet an. Allein je näher die Gefahr für Frankreich erschien, desto mehr hob sich jener Freiheitssinn, der den Republikanern allein eigen ist. Die grässlichen Blutszenen machten den Anfang. Man denke an den 10. August! Die Alliierten erobern Longwy und Verdun und siehe da: in Paris den Auftritt vom 2. September! Endlich erklärt sich die Nation für frei und setzt ihren König gänzlich ab, und das gerade damals, als man zu einem entscheidend sein sollendes Treffen Anstalt machte. Ergo hat ja der Krieg selbst, und zwar der Krieg allein, den Gedanken der Nation rege gemacht: wir wollen frei sein und für unsre Freiheit  leben oder sterben!

Categories: Jämmerlicher Abzug aus Frankreich

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