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# 17. Oktober 1792 Chatillon: Bauern greifen zu den Waffen – "payeront de leurs tetes nos vaches et nos oignons!!"

Posted on October 16, 2013 at 7:26 PM
Verdun wurde indessen am 14. Oktober dem General Kellermann von uns wieder übergeben... 

Hier standen wir nun bis den 17. ohne Zelte, weil die Bagage unmöglich hatte vorwärts können. Kaum waren einige elende Zelte für den König und die Prinzen aufzubringen. Es regnete diese ganze Zeit über erbärmlich und unsre Armee befand sich in den kläglichsten Umständen. Die hohen Eichbäume wurden abgesägt, gespalten und verbrannt. Die Feuer waren zwar auch hier höllisch groß, doch kaum hinlänglich uns zu erwärmen. Ich entsinne mich nicht, jemals in einer elenderen Lage gewesen zu sein.
  
Wir fanden auf den Feldern einige Kartoffeln, welche denen, die sie fanden, zur Nahrung dienten. Aus den Dörfern wurden auch noch einige Lebensmittel herbeigeschafft, auch schlachtete man das noch vorhandene Vieh und teilte das Fleisch unter den Soldaten.
Es wurde während unsers Stillstands im Walde alles angewandt, das Geschütz und die Wagen fortzubringen. Man ließ noch mehr Kavalleristen absitzen und ihre Pferde vor die Kanonen spannen. 

Ein Korporal kam hier ganz krumm nach dem königlichen Zelte und sah wegen seiner Ruhr aus wie ein Gerippe. Der König stand da und sah mit mitleidig gebeugtem Blick dem übergroßen Elende seines Volkes zu. Als er den Unteroffizier erblickte, sagte er zu ihm: „Wie geht’s, Alter?“
 
Unteroffizier: „Wie Sie sehen, Ihre Majestät, schlecht!“ 

König: „Jawohl, schlecht, dass Gott erbarm! (lange Pause) Die Spitzbuben! 

Unteroffizier: Jawohl, die Spitzbuben, die Patrioten!“ 

König: „Ei was, Patrioten! Die Emigranten, das sind die Spitzbuben, die mich und euch ins Elend stürzen. Aber ich will’s ihnen schon gedenken!“ 

So sah also der gutmütige König jetzt besser ein, wer ihn missleitet hatte. Er hatte das nämliche schon dem Monsieur (dem Grafen von Provence) und dem General Clerfait zu Hans gesagt. „Ihr habt“, waren seine Worte, „mich alle beide hintergangen. Diesmal will ich euch noch aus der Not helfen, worin ihr steckt, aber ihr sollt an mich denken.“ 

Den 17. Oktober brachen wir aus dem Walde von Chatillon, einer ehemals schönen, jetzt aber gänzlich zerstörten Abtei, auf und marschierten auf Longwy zu. Auch dieser Marsch war, wie alle folgenden, abscheulich. 

Das Gewehr, welches unsre Kavalleristen weggeworfen hatten, machten sich an diesem Tage die zusammengerotteten Bauer zunutze, fielen unsern Nachtrab an, schossen einen Husaren tot und nahmen andere noch gefangen. Die Bauern wollten sich wegen ihrer ausgeplünderten Dörfer und wegen ihres Geraubten Viehes rächen. „Ces matins de prussiens“, riefen sie, „payeront de leurs tetes nos vaches et nos oignons.“ Und damit schossen sie los. Die Arrière-Garde der Preußen kam dadurch in große Unordnung. So sehr war unser Mut und Ansehn gesunken, dass elende Lotharinger Bauern uns angreifen und zerstreuen konnten. 

Gefangene werden zurück geschickt
Aber die französischen Husaren befreiten unsre Gefangenen aus den Händen ihrer Bauern und schickten sie uns zurück. Dieser Umstand ist zwar an sich geringfügig, er dient aber doch, die traurige Lage zu beweisen, worin sich damals unsre Armee befand. Hätten die Franzosen uns damals ernstlich angegriffen, als wir im Walde bei Chatillon standen, ich glaube, wir wären verloren gewesen. 

Dass aber selbst die Franzosen unsre damalige Lage genau gekannt haben, erhellt aus folgendem: Eine hessische Patrouille wurde von einer französischen attackiert. Die Hessen wehrten sich verzweifelt, doch wurde ihr Offizier, Herr Leutnant von Lindau, gefangen. Der General Dillon schickte diesen Braven an den Landgrafen zurück mit einem Schreiben, welches ich, seiner Merkwürdigkeit wegen, hier einrücke. 

Als Fürst opfern Sie Ihre Untertanen für eine Sache auf, die Sie nichts angeht
„Ich habe die Ehre, Seiner Durchlaucht dem Landgrafen von Hessen-Kassel den Leutnant Lindau zurückzuschicken. Aus dem Zeugnis, das ich diesem Offizier habe geben lassen, werden Sie ersehen können, dass die allezeit große, allezeit großmütige französische Nation eine schöne Tat zu schätzen weiß und auch an ihren Feinden Tapferkeit hochschätzt. 

Ich rtgreife diese Gelegenheit, Seiner Durchlaucht einige Gedanken vorzulegen, welche Vernunft und Menschenliebe eingeben. Sie können nicht in Abrede sein, dass eine ganze zusammengenommene Nation das Recht habe, sich diejenige Regierungsform, die sie für ratsam hält, zu geben, und dass folglich kein Privatwille den Willen der Nation hemmen könne. Die freie und auf ewig ganz unabhängige französische Nation hat ihre Rechte wieder an sich genommen und ihre Regierungsform abändren wollen, das ist in wenig Worten der Inbegriff desjenigen, was in Frankreich vorgeht. 

Seine Durchlaucht von Hessen-Kassel haben auch ein Korps Truppen nach Frankreich geführt. Als Fürst opfern Sie Ihre Untertanen für eine Sache auf, die Sie nichts angeht, und als Krieger müssen Sie die Lage einsehen, worin Sie sich itzt befinden. Sie ist gefährlich für Sie, Sie sind umringt, ich rate Ihnen, morgen früh den Rückweg nach Ihrem Lande anzutreten und das französische Gebiet zu räumen. 

Ich will Ihnen die Mittel verschaffen, sicher an den französischen Armeen vorbeizukommen, die sich verschiedener Posten, wo Sie durch müssen, bemächtiget haben. Dieser Antrag ist freimütig; ich verlange eine kategorische und förmliche Antwort. Die französische Republik entschuldigt einen Irrtum, sie weiß aber auch einen Einbruch in ihr Gebiet und die Plünderung desselben ohne Erbarmen zu rächen. 

Dillon.
 
N. S. Ich sende Ihnen diesen Brief durch meinen Generaladjutanten Gobert, der auf Ihre Antwort warten wird. ihre Beschleunigung ist dringend notwendig: ich bin im Begriff zu marschieren.“

Categories: Jämmerlicher Abzug aus Frankreich

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1 Comment

Reply [email protected]
11:52 PM on October 16, 2013 
</ br></ br>Goethe - vergisst trotz aller Schrecken die Renovierungsarbeiten zu Hause nicht und schreibt in der Zeit bis zum 16. Oktober, dann bereits in Luxemburg:


An Johann Heinrich Meyer</ br>
Umgeben von allen Übeln des Kriegs sage ich Ihnen für Ihre Briefe Danck die ich nun alle und [27] zur rechten Zeit erhalten habe, denn wenn sie gleich später ankamen, so trafen sie mich doch eben in einem Augenblick wo ich mich nach freundschaftlicher Unterhaltung sehnte. Haben Sie Danck daß Sie dem sachten Gange der Tüncher folgen wollen, ich hoffe, doch diesen Monat werden diese schmutzigen Schnecken aus dem Hause kommen.</ br>
Halten Sie die Zeichnung der Vase und Ihre Bemerckungen nur feste und lassen sich nicht mit jenem Menschen ein die nur wollen daß der Künstler pfusche und noch dazu schlecht bezahlt werde und so an Leib und Seel verderbe.</ br>
Faciusens Kopf hat mich recht gefreut er ist nun auch von dieser Seite geborgen. Haben Sie die Güte ihn weiter zu leiten. Wäre es nicht möglich daß er in Dresden noch eine Anleitung zum Cameenschneiden erhalten könnte? Wenn er auch noch einen Monat dort bleiben müßte. Er ist auf gutem Wege und wir könnten ihn alsdann in Weimar ausbilden und ihm Arbeit verschaffen.</ br>

Vorstehendes schrieb ich den 10. Ockt. in Verdün, nun ist es der 15. geworden und ich bin in Luxenburg, sehr zufrieden daß ich wenigstens dem Vaterlande soviel näher gerückt bin. Bald hoffe ich nach Trier zu gehen und Franckfurt noch vor Ende des Monates zu erreichen. Empfehlen Sie mich allen Freunden.</ br>
[28] Was unser Hauß betrift so wollt ich Sie bitten sobald Frost zu befürchten ist nichts weiter mit tapeziren und mahlen zu unternehmen. Wir wollen diesen Winter mit allem zufrieden seyn. Da die Tüncher so langsam gearbeitet haben wird wohl das Treppenhaus nicht ganz fertig werden, es hat aber nichts zu sagen.</ br>
Leben Sie recht wohl, genießen Sie der Ruhe und lieben mich.</ br>
G.
</ br></ br>
An Christian Gottlob Voigt</ br>
Luxenburg d. 15. Octbr.</ br>
Ich hatte mich ganz ruhig in Verdün niedergelassen und hoffte einige Tage auszuruhen, mich zu trocknen und die Krancken zu pflegen die ich mit mir hatte als wir auf einmal ausgeboten wurden und d. 11. früh Verdün verlassen mußten. Ich bedaure die unglücklichen Einwohner wenn sie ohne Capitulation wieder in die Hände der Patrioten kommen sollten. Die Chaussee von Verdün hierher ist meist so zu Grunde gerichtet, daß man nicht begreift wie Menschen und Wagen durchkommen wollen. Die Armee ist noch zurück, sie wird sich aus Franckreich ziehen, die Emigrirten sind meist schon heraus und werden Deutschland wieder überschwemmen. Die Prinzen waren in Arlon als ich durchging. Dieser Feldzug wird als eine der unglücklichsten Unternehmungen in den Jahrbüchern der Welt eine traurige Gestalt machen.</ br>
Ich hoffe Ihnen bald von Franckfurt zu schreiben und mit mehr Ruhe und Fassung, ich hoffe bald bey Ihnen zu seyn und mich mit Ihnen wie sonst zu unterhalten. Zum Ilmenauer Flöz können wir uns Glück wünschen wenn auch gleich das Geschäft gleichsam von vorne angeht. Ich hätte kaum geglaubt daß wir diesen Punckt eher als die Preußen Paris erreichen sollten.
Der Herzog ist nicht abgeneigt Titeln einrücken zu lassen, es war nur nicht möglich in diesen Momenten etwas bestimmteres zu vernehmen. Wir sind alle gewiß vor Weynachten zu Hauße und da wird sich manches machen lassen.</ br>
Verzeichen Sie wenn ich so konfuses Nichts vorbringe. Jetzt da ich einige Tage geruht habe fühle ich erst wie ich an Leib und Seele zerschlagen und zerstoßen bin.
Helmershaußen ist ja wohl ausgezogen und die meinigen völlig im Bestitze des Quartiers. Haben Sie die Güte Ihre Hand nicht abzuziehen. Ich hoffe zu Ende dieses Monats in Franckfurt und in der Hälfte des nächsten in Weimar zu seyn.</ br>
Es wäre schön wenn es uns mit Lobeda reüissirte. Sie sollten Sich der ruhigen Wohnung oft genug mit mir freuen. Nach Empfang dieses Briefs schreiben Sie mir nicht eher biß Sie von Franckfurt einen erhalten. Empfehlen Sie mich den Ihrigen und Bohls. Erhalten Sie mir Ihre Freundschaft. Empfehlen Sie mich den Herrn Geheimeräthen und gratuliren Herrn v. Fritsch zu der Ehre die sich sein Herr Sohn erworben.
Noch ein Wort!</ br>
Ich habe mit Betrübniß gesehen daß das Geheime Conseil unbewunden diesen Krieg für einen Reichskrieg erklärt hat. Wir werden also auch mit der Heerde ins Verderben rennen – Europa braucht einen 30 jährigen Krieg um einzusehen was 1792 vernünftig gewesen wäre.

</ br></ br>
An Christiane Vulpius</ br>
Luxemburg, den 15. October.</ br>
Wir mußten eilig aus Verdun, und nun sind wir seit vorgestern in Luxemburg, in wenig Tagen geh ich nach Trier und bin wahrscheinlich vor Ende dieses Monats in Frankfurt. Sobald ich dort ankomme, schreib ich Dir.</ br>
Wie froh ich bin zurückzukehren, kann ich Dir nicht ausdrücken, das Elend, das wir ausgestanden haben, läßt sich nicht beschreiben. Die Armee ist noch zurück, die Wege sind so ruinirt, das Wetter ist so entsetzlich, daß ich nicht weiß, wie Menschen und Wagen aus Frankreich kommen wollen.</ br>
Wir wollen es uns recht wohl sein lassen, wenn wir nur erst wieder zusammen sind. Lebe recht wohl, liebe mich und küsse den Kleinen.</ br>
Schreibe mir nun nicht eher, bis Du einen Brief aus Frankfurt erhältst. Es ist gar schön, daß ich hoffen kann, Dir bald näher zu kommen.</ br></ br>

An Friedrich Justin Bertuch</ br>
[Luxemburg, 16. October.]</ br>
Da uns die Hoffnung mißglückt ist, Mlle Brossard die Pension selbst zu bringen, so haben Sie ja wohl die Güte das Nöthige zu besorgen, ich weiß nicht, ob Sie ihren Wunsch erfüllen können. In der Kürze kann ich Ihnen nichts Besseres sagen als: daß der Herzog vollkommen wohl und unbeschädigt aus diesem Feldzug zurückkehrt und nichts Besseres wünschen als: es gehe Ihnen nie wie uns.</ br>
G.

</ br></ br>

An Katharina Elisabeth Goethe
[Luxemburg, etwa 16. October.]</ br>

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Keine Feder und keine Zunge kann das Elend der combinirten Armee beschreiben. – – – – –
</ br></ br>


An Johann Gottfried und Caroline Herder</ br>
Luxemburg d. 16. October 1792.</ br>
Aus der mehr historischen und topographischen als allegorischen Rückseite werden Ew. Liebden zu erkennen geruhen, was für Aspecten am Himmel und für Conjuncturen auf der Erde gegenwärtig merkwürdig sind. Ich wünsche, das diese Effigiation zu heilsamen Betrachtungen Anlaß geben möge. Ich für meine Person singe den lustigsten Psalm Davids dem Herrn, daß er mich aus dem Schlamme erlöst hat, der mir bis an die Seele ging.
Wenn Ew. Liebden Gott für allerlei unerkannte Wohlthaten im Stillen danken, so vergessen Sie nicht, ihn zu preisen, daß er Sie und Ihre besten Freunde außer Stand gesetzt hat, Thorheiten ins Große zu begehen.</ br>
Ich wünsche gute Folgen des Bades auf den Winter. Ich eile nach meinen mütterlichen Fleischtöpfen, um dort wie von einem bösen Traum zu erwachen, der mich zwischen Koth und Noth, Mangel und Sorge, Gefahr und Qual, zwischen Trümmern, Leichen, Äsern und Scheishaufen gefangen hielt. Lebet wohl und haltet Euch für so glücklich als Ihr seid.
G.
</ br>

Quelle: http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/17
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