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# Oktober 1775 Gießen: Siehe da einen Ordenensbruder – von unheiligen Sammlungen von Gesetzen

Posted on October 16, 2013 at 4:01 PM
Als ich hineintrat, las man mir die Gesetze vor,  welche in gewisse Titel, z. B. von Schlägereien, vom Borgen und Bezahlen, vom Fluchen und Zotenreißen, abgeteilt waren. Die Sprache der Gesetze war äußerst legal, das ist, undeutsch und unverständlich.

Da die Gesetze nach und nach gemacht sind, so fehlt es ihnen nicht an Widersprüchen, Wiederholungen und ganz unbrauchbaren Vorschriften. Doch das ist ja auch der Fall im Corpus juris und in mancher anderen heiligen und unheiligen Sammlung von Gesetzen,

Es gibt viele Gesetze des Gießer Amicisten-Ordens, wovon ich meinen Lesern einige der vornehmsten mitteilen will.

Der Zweck des Ordens ist, sich auf der Universität Ehre und Ansehn zu verschaffen, d. h. sich in Positur zu setzen, dass alle Studenten, ja selbst Professoren und die Vorgesetzten sich vor den Herren Ordensbrüdern fürchten möchten.

Daher ist die engste Verbindung nötig. Diese erfordert natürlicherweise, dass kein Mitglied das andere beleidigen darf. Alle Beleidigungen, die vorfallen, müssen vom Senior geschlichtet werden. Überhaupt sind viele Gesetze da, welche Freundschaft, Verträglichkeit u. dgl. gebieten. Da aber Freundschaft ein Ding ist, das sich nicht gebieten lässt, so gibt es im Orden immer so viele Disharmonien, dass gewiss stets Schlägerei sein würde, wenn nicht andere prägnante Gründe Ruhe heischten. 

Das Oberhaupt des Ordens ist der Senior, welchem die anderen gehorchen müssen. Er hat ihnen zwar nur in Ordenssachen zu befehlen. Da sich aber dahin allerlei ziehen lässt, so ist der Senior gleichsam der Herr der Mitglieder, und die Mitglieder sind, wenn er es verlangt, seine gehorsamen Diener. So wird man Sklave, um frei zu sein! 

Neben dem Senior ist noch ein Subsenior, der auch etwas zu sagen hat, vorzüglich in Abwesenheit des großen Moguls, ich meine, des Seniors. Dann folgt das fünfte Rad am Wagen, –  der Herr Sekretär. Ordnung muss sein, wer also gegen den Senior spricht, ihn schimpft und sich seinen Befehlen freventlich widersetzt, wird ohne alle Gnade, wenn's nämlich der Herr Senior befiehlt, aus dem Orden heraus geschmissen. 

An Satisfaktion darf er nicht denken. Die vom Senior angegebene Kontribution muss richtig bezahlt werden. Fügt es sich, dass Ausgaben zu einer Zeit vorfallen, wo nicht alle Glieder bei Gelde sind, so müssen die, welche Geld haben, vorschießen. Das Vorgeschossene muss aber prompt ersetzt werden, unter Strafe der Verbannung aus dem Orden. 

Um die Kosten zu bestreiten, muss eine Kasse angelegt werden, welche unter der Aufsicht des Seniors steht, und worüber ordentlich Rechnung geführt werden muss. 

Wenn ein Mitglied Händel bekommt, so muss es sich schlagen; doch aus guten Gründen schlägt sich auch der Senior oder ein anderes Mitglied für ihn. Überhaupt müssen in diesem Fall die Glieder dafür sorgen, dass sie und nicht ihre Gegner in Avantage  sind. Lieber eine Niederträchtigkeit begangen, lieber sich à la mode  der Gassenjungen herumgebalgt, als den Vorteil und die Ehre der Avantage aus den Händen gelassen! 

Bei den Zusammenkünften muss der, an dem die Reihe ist, rechtschaffen aufwichsen. Geht aber die Zeche auf gemeinschaftliche Kosten, so zahlt jeder seinen Anteil, außer dem Senior, der immer frei ist, weil er der Herr ist. Eine Klugheitsregel hieß, keine arme Verwachsene, Mutlose u. dgl. aufzunehmen. Der Orden hätte von diesen Menschenkindern keinen Vorteil und nichts als Kosten, Schande und Verdruss. So soldatisch-amikabel dachten die Amizisten! –  

Und von dieser Art waren die Regeln oder die Gesetze des wohllöblichen Ordens der Herren Amizisten! Ihre Anzahl ließe sich noch stark vermehren, wenn ich nicht befürchten müsste, meinen Lesern zur Last zu fallen. Einige ihrer Gesetze waren aber doch gut, z. B. dass die Mitglieder fleißig sein, die Kollegien nicht versäumen, nicht fluchen oder Zoten reißen sollten u. dgl. Allein diese Vorschriften wurden nicht befolgt, vielmehr wurde in unseren Zusammenkünften geflucht und gezotologiert, wie auf keiner Hauptwache. – 

Die meisten anderen Gesetze waren äußerst unsinnig und läppisch, z.B. die über die Aufnahme, über das Zeichen, wodurch ein Glied sich dem anderen entdecken konnte, über die Art, sich zu grüßen, über das Einzeichnen in den Stammbüchern usw. 

Obgleich der Hauptzweck der Orden, vorzüglich nach einer neueren Einrichtung bei einigen auf eine unzertrennliche Freundschaft und gegenseitige Beförderung hinauslaufen soll, so ist doch das Ding zuletzt lauter Wind oder kindische Spekulation. Auf der Universität hindert oder verdirbt einer den anderen, und hernach verabscheuen sie sich oft um so mehr, je mehr sie an Reife zunehmen und nun den Nachteil einsehen, der aus dieser Spiegelfechterei für sie entstanden ist. 

Die übrigen Zwecke werden auch sehr selten erreicht. Ich habe selten gesehen, dass ein Ordensbruder vor anderen Profanen einen Vorzug gehabt hätte. Es geht ihnen wie allen hochmütigen Schwächlingen, die ihren Wert nicht von sich, sondern von anderen hernehmen wollen. Und dies gilt vom Innern wie vom Äußern. 

Categories: Studentenleben

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2 Comments

Reply replica roger dubuis
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1:25 PM on March 30, 2019 
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