Mein Blog

Blog

view:  full / summary

# 21. Januar 1793 Paris: Louis VI. hingerichtet - Diskussion in der preußischen Armee

Posted on January 21, 2014 at 5:48 AM Comments comments (1)
Die  Hinrichtung  des armen  LudwigsXVI.  verbreitete, sobald sie bekannt wurde - und das wurde sie sehr bald - in der ganzen Armee anfänglich Schreck und Unwillen gegen ein Volk, welches sogar seinen König hätte hinrichten können.

Nun hieß es, kann es den Franzosen nicht mehr gut gehen. Nun muss Gottes Zorn und Rache sie verfolgen, man wird das bald genug sehen. In allen Gesellschaften, in allen Wirtshäusern und Schenken wurde von nichts gesprochen als von der abscheulichen Hinrichtung des armen Königs von Frankreich.

Aber je mehr man von dieser ungewöhnten Trauerszene sprach, je mehr man das Grausende derselben rumierte, desto mehr verschwand das Grässliche derselben und die ruhige Untersuchung darüber folgte auf die Deklamationen. Viele meinten, die Franzosen müssten doch wohl Ursache gehabt haben, so was vorzunehmen. Es müssten doch auch gescheite und gewissenhafte Leute in Paris sein.

Höchst: Während dieser Zeit war ich im "Schwan", einem Gasthofe zu Höchst mit Herrn Ruff. Das Gespräch kam von Ludwig XVi. auf die je hingerichteten Könige. Ich sagte, dass ihrer nur drei bekannt wären, welche durch das Gesetz seien hingerichtet worden: Agis von Lakedämon, Karl I. von Großbritannien und Ludwig XVI. von Frankreich. Tausend Monarchen seien zwar ermordet worden nach dem bekannten Spruch des Juvenalis:

       Ad generum Cereris sine caede et sanguine pauci
       descendunt reges, et sicca morte tyranni,

mir sei aber doch kein Exempel von gesetzlich hingerichteten Königen weiter bekannt als von den drei angegebnen, "Was den Lakedämonier belangt", fuhr ich fort, "so war der ein Untertan der Gesetze und folglich auch der Poenalverordnungen. Seine Hinrichtung war zwar höchst ungerecht, denn Agis war unschuldig, aber es war doch keine Frage in jener Republik, ob man den Vorsteher derselben, welchem man sehr uneigentlich den Namen König gab, hinrichten könnte, sobald er nach den Gesetzen des Todes schuldig wäre erkannt worden. Zu Lakedämon wurde Agis durch ein altes Gesetz verurteilt und nicht durch eine Verordnung, welche erst bei einer Volksrevolution wäre gemacht worden.

König Karl I. in England wurde zwar unter gerichtlicher Form getötet, aber die, welche sich über ihn zu sprechen erkühnten, waren nicht die englische Nation: es waren die Anhänger des Cromwell und seiner Partei. Die Nation hatte diese Fraktion nicht als eine Vertreterin ihrer Rechte aufgestellt. Folglich konnte dieselbe auch nicht das Todesurteil über Karl I. sprechen, ihr Spruch war folglich ungerecht. Und so schuldig dieser Prinz auch sein mochte, so war doch seine Ermordung eine grausame Ungerechtigkeit und ein schröcklicher Eingriff in die Rechte des englischen Volkes.

"Aber mit Ludwig XVI.", fuhr ich weiter fort. "scheint mir das Dimg eine andere Bewandtnis zu haben. Der Nationalkonvent oder die Nationalversammlung vertrat wirklich die ganze Nation und hatte folglich das Recht, Gesetze zu machen, ohne jemand - selbst den König nicht ausgenommen - um Rat zu fragen.

Dieses Gesetz, dass das Volk, durch die Nationalversammlung repräsentiert, eine Änderung in der Regierungsform machen könnte, hatte selbst der König angenommen und sanktioniert. Von nun an war also die Souveränität des Königs aufgehoben, d.i. er wurde dem Gesetz oder allem aus dem Rechteder Natur und der Menschheit hergeleiteten und herzuleitenden unmittelbaren Regeln des öffentlichen Gouvernements unterworfen.

Ludwig XVI. war also, was eigentlichjeder wahre König nur sein sollte, gesetzlicher Verwalter der Nationalkraft nach dem Nationalwillen oder nach den Gesetzen, welche die Nation selbst entworfen und gut geheißen hatte. Verwaltete er nun sein Oberstaatsamt nach dem allgemeinen Staatswillen, so tat er seine Pflicht und war des Gehorsams, der Ehre und seiner Besoldung bei der französischen Nation sicher und wert, denn jetzt erfüllte er den Nationalkontrakt und war das, was er der nach demselben der Nation zu sein feierlich geschworen hatte.

Handelte er aber dawider, besoldete er nach der Zivilliste, wie man ihn beschuldigte, die rebellischen Emigrierten. Und war er mit den Feinden der Nation gegen die Nation sogar einverstanden, so war er der erste, der den Nationalkontrakt brach, der sich selbst seiner Vorzüge nach demselben verlustig machte, der als der erste Meineidige und Hochverräter an der Nation dieser für seine gesetzwidrigen Handlungen verantwortlich blieb, der also den Nationalrepräsentanten es zur Pflicht machte, ihn vor ihr Gericht zu ziehen, die Nation war vor ihm zu sichern, seine Handlungen zu untersuchen und seine Vergehungen nach dem Nationalwillen zu bestrafen.

Ich weiß zwar recht wohl", setze ich hinzu, "dass 1789 ein Gesetz in Frankreich gemacht ist, nach welchem der König unverletzbar sein sollte. Allein dieses Gesetz konnte allemal, wie jedes andere, geändert und abgeschafft werden, sobald die Nation als die eigentliche und rechtmäßige Gesetzgeberin einsah, dass es dem öffentlichen oder allgemeinenWohl zuwider war. Hieraus ergibt sich nun von selbst, dass Ludwig XVI. vor das Gericht des Nationalkonvents gehörte und die einzige Frage wäre noch aufzulösen, ob er wirklich Staatsverbrechen begangen habe, welche den Tod verdienten, um auch seine Hinrichtung vollkommen zu rechtfertigen. 

Ich will dem armen Ludwig keine Verbrechen schuld geben - denn ich habe die Akten seines Prozesses nicht gelesen* - aber behaupten muss ich, dass der Konvent das forum competens war, wovon er gerichtet werden musste. Und da dieser die Nation vertrat, so wissen die, welche von einer Appellation an das Volk reden, nicht recht, was sie wollen.

Überhaupt, ob ein Volk seinen Souverän richten könne", fügte ich hinzu, "scheint sogar zu den despotischen Zeiten der römischen Kaiser kein Problem gewesen zu sein. Der römische Senat oder die Repräsentanten des römischen Volkes erklärten den Claudius Nero für einen Feind des Vaterlands und bestimmten ihn zum Tode.

Kurz, die Geschichte wie der gesunde Menschenverstand lehrt, dass bei jeder wohl rechtmäßig eingerichteten Menschenregierung der Regent seinen Untergebenen verantwortlich bleiben muss, indem es wider die Pflicht eines jeden und aller sein würde, sich unbedingt und wider das natürliche Recht zur Freiheit jemanden zur willkürlichen Behandlung ohne alle Rücksprache zu unterwerfen."

Ich ließ mich damals noch weitläufiger über diese wichtige und zu der Zeit sehr interessante Materie aus. Ein Offizier von der Kavallerie, ein Rittmeister, saß in einiger Entfernung von mir und schien eben auf meine Rede nicht sehr zu merken.

Rödelheim: Einige Tage hernach kam ein Reiter und bat mich, zu seinem Herrn nach Rödelheim zu kommen. Hier fand ich meinen Rittmeister, den ich nicht nennen will, um ihn nicht in den Verdacht der Jakobierei zu bringen, nebst noch andern Offizieren. Diesen Herren musste ich mein ganzes System - so wie ich mir es damals geformt hatte . weitläufig bei einem Glas Rheinwein erklären. Sie schienen mit meiner Behauptung und Auseinandersetzung zufrieden, nur warnten sie mich, behutsam damit zu sein; denn von preußischer Seite, meinten sie, müsse man sich wenigstens noch immer stellen, als wenn man schrecklich böse auf die Buben wäre, welche ihren König hingerichtet hätten.

*Man wolle es nicht außer Acht lassen, dass ich dies im Winter 1793
vortrug, folglich von dem noch nicht Gebrauch machen konnte, was ich 
nachher in Frankreich über Ludwig XVI. erfuhr.

Unsere Armee hatte an allem entsetzlichen Verlust gelitten, besonders an Mannschaft. Man musste daher schlechterdings die Regimenter wieder suchen vollzählig zu machen und dazu wurden die jungen Leute von den Depots genommen. Diese Depots sind sozusagen die Pflanzschulen der Regimenter und dienen zugleich zum Unterbringen der Soldaten, welche nicht mehr dienen können. Diese Einrichtung war vor der Regierung des jetzigen Königs unbekannt und hat sowohl ihre Vorteile als ihre Nachteile.

Recht eifrig sorgte unser König für anständige Kleidung des Heeres und für Wiederanschaffung aller verdorbenen und zugrundegegangenen Gerätschaften. Auch wurden die Pferde wieder ersetzt, welche teils auf dem Feldzuge geblieben, teils den Winter über so zahlreich nachkrepiert waren.

# 6. Januar 1793 Hochheim: ...nicht mehr französisch - Lügen über die wahre Lage der Preußen und Franzosen

Posted on January 5, 2014 at 6:30 PM Comments comments (1)
Am 6. Januar 1793 schlugen die Preußen die Franzosen bei Hochheim und von dieser Zeit an wurde Hochheim von unsern Truppen besetzt. Die gefangenen Franzosen wurden mit Trommeln und Pfeifen durch die Dörfer und Städte bis nach Frankfurt gebracht und dem Janhagel stand es in allen Orten fei, diese Gefangenen mit Schreien und Schimpfen zu insultieren.

Die Frankfurter, eine äußerst neugierige und fabelhafte Nation, zogen ihnen zu mehreren Tausenden entgegen und begleiteten sie mit unbändigem Geschrei und Jubel bis in die Stadt. Einige schmissen sogar mit Steinen und Kot auf sie.

Ich war selbigen Tag gerade in Frankfurt bei meinem Freund Dambmann und ärgerte mich recht sehr über den Unfug, den der vornehme und geringere Pöbel an den Kriegsgefangenen beging.

Die Lügen über unsre und der Franzosen Lage wurden so allgemein bei uns, dass man alle Tage widersprechende Nachrichten hörte, welche von kurzsichtigen, müßigen Köpfen erfunden und von andern ebenso verschraubten Märchenbrütern verbreitet und geglaubt wurden. 

Ich widersetzte mich immer, so viel an mir war, diesen elenden Nachrichten und suchte meinen Bekannten nach meiner Einsicht wahrere und gründlichere Vorstellungen von den verschiedenen Verhältnissen beizubringen, welche ich damals zwischen uns und den Franzosen bemerkte. 

Da ich bei diesen Gelegenheiten manches Wort zugunsten der Neufranken, ihrer Konstitution und des Mutes der Soldaten fallen ließ, so wurde ich auch jetzt wieder allgemein Patriot genannt und für einen Anhänger der Franzosen ausgeschrien. Meine Vorgesetzten, besonders der Herr Major von Wedel und der Herr Hauptmann von Mandelsloh, waren einsichtige, brave Männer, welche selbst einsahen, dass unsere Lage so gut eben nicht und die der Franzosen bei weitem nicht so schlimm war, als man in den Zeitungen ausschrie. Sie ermahnten mich aber, behutsamer im Reden zu sein und jedesmal zu untersuchen mit dem ich es zu schaffen hätte. Dieser Rat war klug und ich habe ihn auch meistens befolgt. 

Aber dann und wann riss mich das Feuer der Dispute und meine Überzeugung dennoch so hin, dass ich sogar in Wirtshäusern öffentlich die Partei der Franzosen nahm. Doch habe ich meiner Freimütigkeit wegen bei den Preußen keine unangenehmen Folgen empfunden.

Unter anderm Tross, welcher, um etwas zu verdienen, der Armee nachgefahren war, befand sich auch eine Bande Marionettenspieler, welche dort herum den hohen und niedern Pöbel mit Fratzen amüsierte. Das Meisterstück dieser Bande, deren Direktor der Sohn des ehemaligen Hofrats Schott war, war eine Farce, betitelt "Der betrogene Custine". Hier beging Custine mit seinem Bediensteten, dem Hanswurst, allerhand Gräuel. Da sah man Morden, Brennen, Sengen, Notzüchten, schwangern Weibern den Bauch aufschneiden und so fort. Hierauf erschien ihm ein Engel und ermahnte ihn, Buße zu tun und den Rosenkranz zu beten. Custine aber lässt den Engel zur Tür hinausschmeißen. Eben dieses widerfährt dem Tode. Endlich kommt der Teufel, macht "burr, burr" und zerreißt den Custine in tausend Fetzen.

Dieses elende Zeug und mehreres von derselben Art, dessen Gegenstand aber allemal die Franzosen waren,wurde in Frankfurt, Höchst, Rödelheim und an andern Orten häufig gespielt  und von Herren und Damen, von Mamsellen und Huren beklatscht und belacht, bis endlich einige Herren Generäle, worunter auch Herr von Thadden war, das Unanständige dieser öffentlichen Beschimpfung eines feindlichen Generals und seiner Nation fühlten und den Spaß verboten. Die Marionettenspieler ließen nun den "Custinus" und legten sich aufs Zotenreißen, welches ihnen nicht minder einbrachte.  



wird fortgesetzt

# Sonntag, 29. Dezember 1783 Halle: ...und so war mein Herr Soldat fertig.

Posted on December 28, 2013 at 6:27 PM Comments comments (0)
Sonntags früh wurde ich zum Fürsten geführt. Er bewies mir in Form rechtens, dass ich mich wirklich hätte anwerben lassen und folglich Soldat bleiben müsste. Er sprach mir noch allerhand Trost zu, der aber bei mir nicht anschlug. Zutzel hatte mir den Herrn Fürsten schon den Tag vorher näher beschrieben. 
 
Man legte mir ohne weitere Komplimente den Soldateneid vor und ich Schwur ihn. Und so war mein Herr Soldat fertig. 

Mein Handgeld wollte mir der Hauptmann zwar übergeben, doch stellte er mir vor, dass ich besser täte, wenn ich’s in seinen Händen ließe. Ich würde sonst drum geprellt werden.

# Samstag, 28. Dezember Halle: Und wenn ich nun so meine vorige Lage mit der gegenwärtigen verglich, fand ich diese eben nicht sehr schlimm.

Posted on December 27, 2013 at 6:14 PM Comments comments (1)
Den folgenden Tag, es war ein Sonnabend, war ich viel ruhiger als den vorigen. Ich konnte über alles, was mir begegnete, gehörig nachdenken. Und wenn ich nun so meine vorige Lage mit der gegenwärtigen verglich, fand ich diese eben nicht sehr schlimm. Mein natürlicher Leichtsinn kam mir hier, wie sonst bei vielen Vorfällen meines Lebens, zustatten. Ich legte alles auf die leichte Achsel. Es wird schon alles noch gut werden, dacht’ ich und wenn’s nicht gut werden will, je nun, am Ende bleibt dir doch das Mittel übrig, welches keinem Menschen entsteht – das Pistol oder der Strick. Auch in dieser Vorstellung lag damals Beruhigung und etwas Angenehmes für mich. 

Die stoische Philosophie ist wahrlich kein dummes System und der Mensch, welcher sich mit ihren Grundsätzen vertraut macht, kann unmöglich verzweifeln. Denn was die Moralisten, insbesondere die Pfaffen sagen, Selbstmord sei allemal Verzweiflung, ist mit der gnädigen Erlaubnis dieser Herren so wenig wahr, als er allemal Kleinmut oder Verbrechen ist. Ich habe meine guten Gründe für diese Behauptung. Meine Leser werden daher nicht zürnen, wenn ich ihnen meine Gedanken so ganz trocken hinlege. 

Ich gehöre nicht zu denen, welche aus Heroismus, zur Ehre Gottes oder zum Preis der Tugend alles Unglück und alle Not gern ertragen möchten. Würde ich meinen Zustand übermäßig elend fühlen, so würde ich ihn schon enden. Alle Gründe und Beweise für die so genannte allwaltende Vorsehung, wie diese von Leß, Hermes und Jerusalem beschrieben wird, haben mich niemals überführen können. Ich will gern jedem seinen Glauben in diesem Stück lassen und es jedem gönnen, in dem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung und Regierung der Welt seine Beruhigung zu finden. Aber mir muss man es auch lassen, dass ich mich auf eine gewisse fatale Verkettung der Dinge gründe und dadurch mein Schicksal mir erleichtere. 

Mein Fatalismus hebt die Freiheit nicht ganz auf und ist daher unschädlich. Wer sich aber an diesem meinen offenherzigen Bekenntnis stoßen will, der muss sich noch mehr an den „Leiden des jungen Werther“ von Goethe stoßen. Diese gehen dogmatisch zu Werke, da ich es blos historisch tue. Doch was hilft hier disputieren! Wem es wohl geht, erschießt oder erhängt sich nicht und wem es so übel geht, dass er’s tut, dem ist’s zu verzeihen. Er geht mehr mechanisch als moralisch zu Werke. Und darum hob Friedrich II. die schändlichen Strafen dafür auch auf.

# Freitag, 27. Dezember 1783 Halle: Eingekleidet und ins Quartier – Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichgültigkeit. Wohl ihm, dass er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt z

Posted on December 26, 2013 at 6:18 PM Comments comments (0)
Man sollte denken, dass ich früh die Sachen anders als den vorigen Abend angesehn und mich derb über meinen unbesonnenen Schritt werde gekränkt haben. Das war aber nicht so. Meine Stimmung hatte sich nicht geändert und als ich erwachte, freute ich mich noch immer über das, was ich getan hatte. Das Grundgefühl von Rache, die Sehnsucht nach Ruhe, nebst der täuschenden Erwartung der Dinge, die jetzt kommen würden, unterhielten die Spannung meiner Seele und versetzten mich zu sehr außer mir, als dass ich meinen damaligen gegenwärtigen Zustand hätte nach der Wahrheit prüfen und wertigen können. 

Ich sprach mit dem Hauptmann so unbefangen als wenn ich schon zehn Jahre bei den Soldaten gewesen wäre. Herr von Mufflig freute sich über dies mein aufgeräumtes Wesen und wiederholte mir sein Versprechen, dass ich es gut bei ihm haben würde. 

Ich hatte schon am vorigen Abend auf Begehren des Hauptmanns einen Zettel an den Prorektor geschrieben und ihm berichtet, dass ich aus gewissen Gründen Soldat geworden wäre. Das war nun freilich unnötig, denn der Prorektor hat in solchen Dingen nichts zu verfügen. Der Hauptmann fragte noch, ob ich haben wollte, dass er den Zettel an den Herrn Schulze abschicken sollte. Ich bejahte es und Zutzel, der Unteroffizier, musste ihn hintragen.  

Herr Schulze ließ dem Hauptmann wiedersagen, dass er ihm zu mir gratuliere. Auf die Frage, was Schulze für eine Miene gemacht habe, antwortete Zutzel, er habe gelacht und seiner Frau die Sache mit Lachen erzählt. Das ärgerte mich. Der Unbefangene findet aber freilich manches nicht so wichtig als der Befangene im Taumel. Wohl dem, der hierdurch allmählich ein Körnchen vom Salz der Weisheit einsammelt, um nichts wichtiger zu finden, als es ist!
 
Ich wurde noch auf der Hauptwache eingekleidet und kam zu dem Unteroffizier Zutzel ins Quartier. Das war am 3. Weihnachtsfeiertage 1783. 

Aber nun kam der Lärmen in der ganzen Stadt herum und alle Straßen, alle Kneipen, alle vornehmen Zirkel und alle Puffkeller ertönten von der einzigen Nachricht: Magister Laukhard ist Soldat geworden! Man schrieb es gar weit und breit herum. Viele Philister, Menschen und ander Grobzeug kamen vor das Haus, wo ich logierte, mich zu sehen und zu schauen, wie mir die Montur wohl stehen möchte. Ich ging diesen Tag einigem aus und jedesmal begleitete mich ein Haufen Jungen, Menschen, Studenten und Philister. Die Kinder sangen sogar: 

Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist ein Zottelbär
 
andere:
 
Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Philister mehr. 

Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichgültigkeit. Wohl ihm, dass er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt zu bleiben! Man hatte ihn vorher hier und da degradierend genug dazu behandelt.
 
Gegen Mittag schickte mir Herr Schulze zwei Studenten und ließ mir sagen, dass, wenn ich wieder los sein sollte und Mittel dazu angeben könnte, er bereit wäre, alles für mich zu tun. Ich schrieb ihm einen lateinischen Brief, dankte ihm und bezeigte, dass das wohl nicht mehr gehen würde; wenn er aber mich befreien könnte, hätte ich nichts dawider. Ich wusste aber, dass dieses nicht mehr möglich war. 

Meine Bekannten und Freunde unter den Studenten, besonders einige meiner Landsleute, kamen häufig und mit Tränen in den Augen zu mir und baten mich, doch Himmel und Erde für meine Befreiung zu bewegen, es würde ja alles noch gehen. Ich wurde sehr gerührt durch die Vorstellungen der ehrlichen, gutmeinenden Junglinge. Die guten Leute nahmen sich meiner sehr tätig an, ohnerachtet ich es verbat. Sie liefen mehrmals zum Hauptmann und als dieser sich nicht so erklärte, wie sie es wünschten, bombardierten sie den damaligen General des Regiments, den Fürsten Adolph von Anhalt-Bernburg. Der Fürst versprach den Studenten, um sich von ihnen loszumachen, dass er mich selbst vernehmen und dann resolvieren wollte, was rechtens wäre. Als ich diese Nachricht hörte, hatte ich genug und erklärte den Studenten, dass alle ihre Mühe verloren wäre: es würde bleiben, wie es wäre. 

Nachmittags schrieb mir auch Herr D. Semler einen großen lateinischen Brief, welchen ich 1787 nebst anderen Schreibereien mit nach Hause nahm und zu Wendelsheim zurückließ. In diesem Briefe erschien das edle Herz des guten Mannes auf eine sehr sichtbare Weise. Ich hätte, schrieb er, dergleichen nicht unternehmen können, wenn ich nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte. Dieser Glaube sei das höchste Gut des Menschen. Man müsste ihn beibehalten, gesetzt auch, er sei Vorurteil. Hätte ich mich in meinen üblen Umständen, die ihm nun recht gut bekannt wären, nur an ihn gewandt, so würde er wohl Wege zu meiner Beruhigung entweder selbst eingeschlagen oder sie mir doch gewiesen haben. Indessen sei das nun einmal nicht mehr zu ändern, deswegen sollte ich auf eine zeitlang Geduld haben und erwarten und hoffen, dass alles könnte verbessert und für meine Ruhe gut eingerichtet werden. Auf ihn sollte ich mich immer verlassen, er würde mir immer Freund und Beistand sein. Am Ende ermahnte er mich, ja fleißig zu studieren. Die Studia wären wahrer Balsam für Unglückliche. Dabei führte er mir einige Stellen aus Cicero und Ovidius an. 

Der Brief Sammlers rührte mich im Innern meiner Seele. Ich kannte den Mann und wusste, dass seine Worte Realitäten bezeichneten. Ich habe selten den Worten getraut, womit mir jemand seine Freundschaft und Dienste beweisen wollte. Aber bei den Worten einiger redlicher Männer machte ich immer eine Ausnahme und das war auch bei Semlern der Fall. Semler war der wohlwollendste, tätigste Menschenfreund.

# 26. Dezember 1783 Halle: Der Herr Magister wird endlich gar – Soldat

Posted on December 26, 2013 at 8:51 AM Comments comments (0)
Früh erinnerte ich den Cheminon an sein Versprechen. Er war willig dazu, sagte mir, sein Hauptmann käme diesen Tag auf die Wache, da könnte ich ihn auf der Hauptwache sprechen. Das war mir denn recht. 

Nachdem also die Wache aufgezogen war, ging ich mit Cheminon zum Hauptmann, dessen offenes Wesen mir gleich gefiel. Er war sehr gefällig und wir redeten von allerlei, doch aber kam das Gespräch immer wieder auf mein Soldatwerden. 

Herr von Müffling hatte einen Band von der deutschen Übersetzung des Polybios vor sich, worin er lesen wollte. Ich hatte auch viel von Polybios gelesen und war mit der Historie dieses Schriftstellers bekannt. Daher räsonierten wir lange über die Kriegskunst der Alten, von welcher wir aber beide wenig verstanden. Der Leutnant von Drygalsky war die dritte Person. 

Der Herr Magister wird endlich gar – Soldat

Endlich kamen wir unserem Zwecke näher. Wir kamen auf gewisse Punkte, welche mir Herr von Mufflig zu erfüllen versprach, einige davon sind freilich gehalten worden, aber…. Doch ich enthalte mich aller Anmerkungen, die sich mir hier aufdringen wollen. Vielleicht teile ich dergleichen einmal in meinem Alter, wenn nämlich das gute oder schlechte Schicksal mich alt werden lässt, der Welt mit unter der Aufschrift: „Bemerkungen eines alten Soldaten über das Soldatenwesen überhaupt und über das preußische insbesondere“. Ein Musketier sieht oft mehr und richtiger als mancher Herr Offizier samt seinem König. Diesen fehlt es an geschärftem Gefühl dazu. 

Herr von Müffling bot mir acht Louisdor Handgeld und drang in mich, dass ich jetzt gleich entweder ja sagen oder alles abbrechen sollte. Und ich sagte ja. 

So war ich angeworben. Nun ließ der Hauptmann einschenken, was das Zeug hielt und da ich die Schnurre noch von der vorigen Nacht im Kopfe hatte, so war es natürlich, dass ich derb besoffen ward.  

Ich ging nach der großen Wachtstube, machte mit allen Soldaten, die da waren, Brüderschaft und war nun seelenfroh, dass ich Soldat war. 

Die Nacht über schlief ich in der großen Wachtstube und zwar auf der Pritsche, obgleich Herr von Müffling mir in der Offiziersstube ein Bette hatte bereiten lassen

# 25. Dezember 1783 Halle: Endlich Ruhe...? – ein Entschluss macht froh, "so froh, als ich seit einem Vierteljahre nicht gewesen war"

Posted on December 25, 2013 at 1:48 PM Comments comments (0)
Früh war ich noch in Kleidern. Ich las in Tassos »Gerusalemme liberata« und las die äußerst rührende Stelle, wo Tancred sein Mädchen ermordet. Diese Stelle hatte mich mehrmals innigst gerührt, aber damals musste ich überlaut dabei lachen. 

Morgens um 6 Uhr...
Ich ließ mich frisieren und lief sodann spornstreichs zur Christmette um sechs Uhr. Aus der Christmette lief ich, ohne zu wissen, wohin, zum Tor hinaus, zu dem Wirt in den »Pulverweiden«. Ich forderte Breuhahn, und die guten Leute wunderten sich, dass ich schon so früh Breuhahn trinken wollte. Hier saß ich nun fast drei Stunden, ehe ich recht zu mir kam, und untersuchte meine Empfindungen. 

Die gestrige Lustigkeit der Knoten und der Soldaten kam mir zuerst wieder in den Sinn, und da hob sich denn der Gedanke aus dem Gefühl der verwirrten Vorstellungen heraus, es wäre doch hübsch für dich, wenn du Soldat würdest! Dieser Gedanke schüttelte mich anfänglich freilich gewaltig zusammen, kam aber immer wieder und wieder, und ich ward endlich mit ihm vertrauter. 

Das war alles noch bloße Vorstellung, aber von nun an kam auch Überlegung dazu.  – Und endlich findest du ohne Zweifel Mittel und Wege, dir ein ruhigeres Leben zu verschaffen. Ruhe, von welcher Art sie sei, welchen Aufwand sie auch kosten möchte, Ruhe schien mir damals bei der gewaltig anhaltenden Unruhe, worin ich schwebte, das höchste Gut auf Erden zu sein.

Aber wo denn willst du Soldat werden? – Diese Frage löste sich bald auf. In Halle und an keinem andern Orte! In Halle bist du gekränkt, in Halle musst du gerächt werden! – So kindisch rachsüchtig dachte ich damals in der Verwirrung!

...bis nachmittags um 3...
In diesen Gedanken saß ich bis nachmittags um drei Uhr bei meinem Philosophen (So nannten wir damals den Wirt in den Pulverweiden), der immer mit mir reden wollte, aber wenig Worte von mir herauszerren konnte. Ich war zu sehr weg und bloß mit dem Gedanken, Soldat zu werden, beschäftigt.

Gegen Abend...
Ich kam gegen Abend in die Stadt zurück, ging in die "Knochenkammer", nicht um zu trinken, sondern um frohe Leute aus der Klasse zu sehen, zu welcher ich von nun an gehören wollte. Ich sprach mit einigen, fragte sie, wie es ihnen ginge und erhielt natürlich lauter befriedigende Antworten. Diese machte meinen Entschluss immer fester. Nun war die Frage, an wen ich mich wenden sollte. Allein dazu, dacht' ich, sollte gleich früh Rat werden. Also verließ ich diesen Ort des lärmenden Vergnügens froh, so froh, als ich seit einem Vierteljahre nicht gewesen war.

...Besuch im Klub
Zum Überfluss besuchte ich noch einen Klub bei Busch auf dem Ratskeller, wozu ich schon gehört hatte und der sich sehr oft, allemal aber sonntags und freitags, regelmäßig versammelte. Die Leute waren alle froh, mich wiederzusehen, da sie mich schon seit so langer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Ich war über alle Gewohnheit lustig und dies kam dem Ex-Schuhmeister Michaelis, welcher eben auch zu diesem Klub gehörte, so befremdend vor, dass er nach seiner Art Anmerkungen darüber machte. 

Man stutzte aber nicht wenig, als als ich meinen Entschluss, Soldat zu werden, deutlich genug zu verstehen gab. Wir waren indes im Preußischen und so widersprach keiner. – So weicht der Mensch dem Bürger, der Ernährer dem Zuchtmeister!

...dann zu Cheminon...
Vom Ratskeller ging ich in das Haus, worin sonst mein Bruder gewohnt hatte und welches der Hanauer Puff hieß. Hier wohnte die Cheminonin mit ihrem Manne, einem Soldaten von des damaligen Hauptmann von Müfflings Kompanie. 

Ich kannte diesen Cheminon und beschloss, ihm meine Absicht zu entdecken. Nachdem ich mehrere Gläser Schnaps – alles aus betäubender Lustigkeit – eingestürzt hatte, nahm ich ihn auf die Seite und bat ihn, doch ja dafür zu sorgen, dass ich ganz früh einen Hauptmann sprechen könnte, gleichviel welchen.

Cheminon machte große Augen, als er von mir vernahm, dass ich Soldat werden wollte. Er wollte anfangs nicht einmal glauben und dachte, ich hätte ihn zum besten. Allein ich beteuerte ihm hoch und teuer, das sei mein Ernst und so glaubte er's. Nun lobte er er mir, wie natürlich, seinen eignen Hauptmann, den Herrn von Müffling und versprach mir, mich gleich am folgenden Morgen früh zu begleiten.

Ich blieb daher diese Nacht über in Chiminons Wohnung und soff mich voll in lauter Fuselbranntewein, welchen Madam Chimenon damals für Likör ausschenkte. Ich glaube, dass ich vergessen habe zu sagen, dass der berüchtigte Hanauer Puff weiter nichts war als eine Schnapskneipe. Madam Cheminon wusste aber auch zu leben und sorgte immer für artige Jungfern*. Das sahen einige Studenten gern, fanden sich fleißig ein und tranken den elenden Fusel für Likör.

*Jungfer heißt nach hallischem Sprachgebrauch eine Bürgertochter, die keinen Mann hat. Kinder mag sie gehabt haben, das schadet nichts. 
Mamsell wird jedes mit frisiertem Kopf einhertretende Frauenzimmer ohne Mann genannt. Doch fängt gegenwärtig der Name Mamsell auch schon an, unfrisierten Haubenstöcken gegeben zu werden, daher Mamsell Minchen, Röschen, Nanettchen.




# 24. Dezember 1783 Halle: "Du bist ein Mensch. Alle Menschen sind Schurken. Also auch du! Hast du meinen Schluss verstanden. Geh'!" – Köster verfolgte mich, so sehr ich mich bemühte auszureißen. Endlich fuhr ich in ein Loch, worin ic

Posted on December 25, 2013 at 1:41 PM Comments comments (0)
Ich überlegte in dieser Not, wie es wohl werden würde, wenn ich mich anderswohin begäbe? Allein wohin? Ich traute den Menschen einmal nicht mehr, weil ich Vater und Bruder nicht mehr traute; und wie sollte ich fortkommen? Ich hatte weder Wäsche noch ganze Stiefeln, und im Winter, der es war, mußte ich befürchten, unterwegs umzukommen! Der bestimmte Posttag kam heran, aber leider wieder kein Brief! Man versetze sich in meine Lage und bemesse danach den Drang und Sturm meiner Empfindungen. 

Abends durchlief ich alle Gassen, gleichsam außer mir, es war der heilige Abend vor Weihnachten. Köster begegnete mir und fragte, wie mir's ginge. Ich stieß ihn zurück ohne zu antworten und rannte weiter. Köster mir nach und bat mich um um Gottes Willen, ihm meine Not oder den Grund meines Unwillens zu entdecken. Ich schwieg hartnäckig. Er wiederholte seine Frage mehrmals, warum ich ihm nicht antworten wollte. 

"Weil du ein Schurke bist", erwiderte ich endlich.

Köster: Um Himmels Willen, Bruder, sag', was ist dir. So spricht mein Laukhard nicht! So spricht ein böser Genius in dir.

Ich: Du bist ein Mensch. Alle Menschen sind Schurken. Also auch du! Hast du meinen Schluss verstanden. Geh'!

Köster: Ich lasse dich nicht gehn! Bruder, sag', wo du hin willst. Ich gehe mit und wenn du zum Teufel gingst. Ich lasse dich so nicht gehn!

Köster verfolgte mich, so sehr ich mich bemühte auszureißen. Endlich fuhr ich in ein Loch, worin ich noch niemals war. Köster fuhr mir nach. Es saßen Gnoten, Soldaten und Menscher drin. Die Leute waren gewaltig lustig, tanzten, hüpften, spielten, taten schön und zeigten auch keine Spur von Gram oder Unmut. Oh wie beneidete ich diese Gnoten und diese Soldaten! – Soldaten, und vergnügt? – Und du Magister, und so elend? – Soldaten? – Dieser Gedanke umfasste meine ganze Seele, hallte anhaltend wider und vertiefte sich immer mehr in mich. – Köster forderte Branntewein, setzte sich, fing an lateinisch zu sprechen und drang jetzt dringender in mich, um die Ursache meines Kummers mir zu entlocken. Aber ich war stumm. Es schwärmten dunkle Bilder in mir herum von dem, was ich tun wollte. So sehr auch Köster zudrang, so sehr verhärtete ich mich. Endlich sagte er:

"Hör, Bruder, ich habe noch deine particulas graecas. Vergib, dass ich sie noch habe."
– "Es hat nichts zu sagen", erwiderte ich. "Wenn du jemanden weißt, der sie kaufen will, so gib sie hin und stelle mir das geld zu. Weißt du aber keinen, so schick' sie mir morgen früh." Köster fragte, ob ich sie ihm für den Pränumerationspreis, ein Taler vierzehn Groschen, ablassen wpllte. Ich hatte nichts dawider und Köster lief den Augenblick nach Hause, um mir das Geld zu holen. Vielleicht war er auf den Gedanken gekommen, dass die höchste Geldnot der Grund meines Kummers sei. Er kam wieder und wir verließen das liderliche Loch.

Ich lief noch einigemal durch die Straßen, ging auch noch zum Kaufmann Mörschke und kam gegen elf Uhr – aber ohne Trunkenheit – nach Hause. Vor lauter Ärger warf ich mein Bett auf den Fußboden und legte mich darauf. Aber meine Unruhe war zu groß, ich konnte nirgends bleiben, wusste auch nicht, wo ich war und was ich tat. Das war ein schrecklicher Zustand. Lachen konnte ich überlaut; alles, woran ich dachte, kam mir sehr lächerlich vor. Aber für den traurigsten Gedanken hatt' ich keine Empfindung. 

# 6. Dezember 1783 Halle: ...verzweifelte Lage

Posted on December 6, 2013 at 5:34 PM Comments comments (3)
Meine beiden Disputationen, der Verlust des Honorars für meinen „Baldrian“, die Geldausgaben, um mich durch Zerstreuungen von dem Ärger über dies und jenes zu erholen, nebst meiner Gutmütigkeit, einem jeden gern mitzuteilen, was ich hatte – das alles hatte mir Schulden zugezogen, zu deren Tilgung mein Wechsel mich nicht erreichte.
Dass ich mit meinen Kollegien wenig werde verdient haben, versteht sich für mich als Anfänger schon von selbst. Einmal ist in Halle das Freirennen der Kollegien gar sehr gewöhnlich. Da denken viele Studierende, das Geld könne in Lauchstädt, Leipzig, auf den Dörfern und beim Spiel besser angewandt werden als zum Honorare für die Dozenten. Zudem war ich von jeher nachgiebig und wenn mich jemand um etwas bat, dem konnte ich nichts abschlagen. 

Und so hatte ich von dreißig Zuhörern kaum zehne, die bezahlen wollten und unter diesen zehnen waren noch einige, die es hernach ganz und gar vergaßen. Ich glaube aber doch, wenn ich weiterhin bei der Universität geblieben wäre, dass ich in Zukunft bessere Einkünfte von Kollegien würde gehabt haben, weil ich mehr in Routine gekommen wäre und ohne Zweifel auch einige Künste gelernt hätte, wie man gutzahlende Zuhörer in sein Auditorium hineinlockt. 

Indessen setzte ich meine Vorlesungen fleißig fort. Da es mir aber an Holz fehlte, das Auditorium zu heizen, so verloren sich meine Zuhörer nach und nach. Die Studenten hatten sich zwar zum Holzgelde unterschrieben, allein nur wenige zahlten. Und das Busserl Holz, welches für für das wenige Geld angeschafft werden konnte, war gar bald verbrannt, zumal da ich das Einheizen durch Leute musste geschehen lassen, welche mich derb prellten. 

Was Wunder, wenn nun der eine Student, wie ich es selbst gehört habe, zum andern sagte: „Gern ging ich in Laukhards Reichshistorie, er gefällt mir besser als der…., aber es ist zu kalt in seinem Kollegium, man möchte das Fieber kriegen“, und der andre dann replizierte: „Es ist schade, dass der Mann so in Not ist; hätt ich Geld, ich kaufte ihm Holz.“ Wie gesagt, ich hörte dies von ohngefähr und hörte hinterdreinn noch eine weitläufige Beschreibung meiner fatalen Lage, welche durchaus wahr, aber desto schmerzhafter für mich war. 

Ich rannte nach Haus, als ich dies gehört hatte. Es war ohngefähr den 6. Dezember 1783 und schrieb einen äußerst heftigen Brief an meinen Vater, dem ich einen an meinen Bruder beischloss.

# 2. Dezember 1792 Vilbel: Frankfurt wieder im Besitz der Deutschen

Posted on December 1, 2013 at 6:08 PM Comments comments (0)
Der Herzog eroberte am 2. Dezember die Stadt Frankfurt am Main. Ich habe dieser Wiedereroberung nicht mit beigewohnt. Ich überlasse es also meinen Lesern, die davon noch nicht recht unterrichtet sein mögen, anderwärts selbst Auskunft darüber einzuholen.
 
Unser Bataillon wurde nur gebraucht, um die Franzosen bei Eschenheim wegzutreiben, wo sie noch um 2 Uhr nachmittags stand hielten. Bei dieser Aktion  haben wir einen Kanonier und vier Mann eingebüßt. Die Franzosen ließen uns das Dorf bald über, denn ein panischer Schrecken schien sie ergriffen zu haben. 

Nun war Frankfurt wieder im Besitz der Deutschen und unser Regiment rückte abends um 10 Uhr in Vilbel ein.

Rss_feed