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# 7. April 1776 Ostersonntag: Rückblick aufs erste Semester - Ferien zu Hause – Mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer

Posted on April 6, 2014 at 8:27 PM Comments comments (0)
Rückblick aufs erste Studienjahr
Das erste Jahr hatte mein Wechsel hübsch zugereicht und ich war um Ostern 1776 keinen Pfennigg schuldig. Ich hatte zwar lustig gelebt, doch hatte ich meine Ökonomie so eingerichtet, dass ich mit dem Bestimmten auskam. Auch hatte mir einige gute Bücher, unter andern die Boussuet=Cramersche Historie, Mosheims Institutiones Hist. Eccles. majores, le siècle der Louis XIV. und einige andre angeschafft. Meine Mutter gab mir das Geld dazu her und bezahlte mir auch den Italienischen Sprachmeister.

Die erste Predigt...
Auf Ostern zog ich wieder nach Hause, meine Eltern zu besuchen und beiher auch Thereschen zu sehen. Freilich sehnte ich mich nach ihr nicht mehr so sehr...
Mein Vater wollte jetzt durchaus, dass ich einmal predigen sollte. Ich lernte also eine auswendig – denn selbst konnte ich noch keine machen, hatte auch nicht Lust dazu – und hielt sie mit vieler Dreistigkeit in Mörsfeld vor Bergknappen und Bauern.

Mein Vater hatte mir vor der Kirche zugehört ohne dass ich es wusste und war hernach ganz entzückt über meine Eloquenz, – nur meinte er, ich müsste künftig meine Predigten hübsch selbst ausarbeiten und mich ja nicht – wie sonst die Herren aufs Reiten legen.

In der Folge habe ich zwar manche Predigt selbst gemacht; die meisten aber schrieb ich ab und hielt sie. Ich glaubte das nämliche Recht zu haben, was der Professor der Geschichte hat, welcher wörtlich abschreibt und hernach seinen Herren Zuhören dahinkanzelt.

Mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer
Meine Therese bekam ich diesmal nicht zu sehen. Sie war in Mannheim und mir war die Lust vergangen, mich einem Wischer von meinem Vater dadurch auszusetzen, dass ich da hin hätte fahren mögen. Beiher hatte ich auch ein anderes Mädchen kennen gelernt, welches mir meinen Aufenthalt zu Hause ziemlich angenehm machte. Verliebt in sie – bin ich wahrlich nicht gewesen, bin auch seit Theresens Zeiten es in keine mehr geworden, hab gar hernach über die verliebten Torheiten oft weidlich gelacht! Doch hatt' ich so mein Behagen an hübschen Gesichtern, aber auch blos an Gesichtern, d. i. am Körperlichen: denn für die Seelen der Weiber hab' ich von jeher blutwenig Respekt gehabt. Es sind, so nach meiner Meinung, welche ich aber niemanden aufdringen will, die sich indes schon von selbst in der leidigen Erfahrung aufdringt – eitle, eingebildete, abergläubische, neidischeDinger, die gern wollen brillieren, die sich blos am Schein belustigen, in Kleinigkeiten Kabalen spielen, sich durch Nachäffung formen, keinen Charakter haben, Gottes- und Pfaffengunst durch geistige Koketterie zu erschleichen suchen und wie's Wetter im April bald gut und sanft, bald stürmisch und tigermäßig grausam sind.–

Das ist so mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer, wozu ich meine Gründe aus der Erfahrung abstrahiert habe. Ich habe sie gesehen in vornehmen Zirkeln und in Buffkellern. Sie waren aber da wie dort: immer gleiche Gesinnungen, nur bestand der Unterschied in einigen Schattierungen, welche gröber oder feiner sind und die Frauenzimmer von Qualität von denen ohne Qualität unterscheiden.– Ja meine liebe Dame, dass es auch hierbei Ausnahmen gebe, weiß ich. Dass aber diese selten sind, weiß ich eben so gut, als dass Sie sich zu diesen Ausnahmen rechnen werden, oder mein Buch mein Buch mit Verachten hinwerfen. Der größte Teil von Ihnen ist nun so!  


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# 1. April 1793 Oppenheim: Besuch bei Pfarrer Braun

Posted on April 1, 2014 at 4:43 PM Comments comments (1)
Man denkt leicht, dass ich sehr zufrieden war, nach Oppenheim zu kommen, wo ich mehrere Bekannte, und Freunde hatte, besonders den Herrn Pfarrer Braun, den ich ehedem in Halle unter meine ganz speziellen Freunde zählen konnte. Der brave Mann kam unserm Regimente, blos um mich zu sprechen, bis beinahe Gundersblum entgegen,
und bat mich aufs dringendste, gleich bei meinem Eintritt in seinen Wohnort ihn zu beſuchen. 

Das konnte ich erst den andern Tag, aber das war denn auch ein Festtag für mich, wie ich dort deren mehrere gehabt habe! Durch Pfarrer Braun lernte ich auch den Herrn Inspektor Abbeg von Lampertsheim kennen. 

Wenn mehrere Männer, wie diese beide, in der Pfalz wären, ich söhnte mich,
wie ich glaube, mit der reformirten Geistlichkeit dort am Rhein ganz wieder aus. Ich wüsste nicht, was ich darum gäbe, dass Pastor Braun das Betragen der Franzoſen — Doch wir sind und bleiben deswegen doch Freunde.
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# 31. März 1793 Oppenheim: Scheinlager auf der Höhe

Posted on March 31, 2014 at 3:48 PM Comments comments (3)
Den 31ten bezogen wir Kantonnierungsquartiere und unser Regiment kam in Oppenheim zu liegen. Oben auf dem Berge wurden von drei Regimentern die Zelte aufgeſchlagen, aber nicht belegt: nur eine Wache blieb bei diesem Scheinlager. 

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# 30. / 31. März 1793 Alsheim: Trügerische Sicherheit für den preußischen König - Wäre der König gefangen und nach Landau gebracht worden, so hätte der Krieg in kurzem ein Ende. Wer weiß, ob die Fortdauer desse

Posted on March 30, 2014 at 3:00 PM Comments comments (0)
Der König hatte zu Alsheim am Alt-Rhein, ohnweit Gundersblum, sein Quartier genommen, nachdem sich der französische General Houchard endlich auch von Alzey wegretiriret hatte: denn nun hielt man sich vor den Franzosen ganz sicher. Allein es stand noch ein Haufen bei Oppenheim, welcher zu Cüstines Armee gehörte, und in der Nacht
vom 30 zum 31sten März durchbrechen und eine Anzahl von Kostbarkeiten aus Mainz nach Landau bringen wollte. 

Als sie vollends erfuhren, dass der König von Preußen sein nur schwach besetztes Hauptquartier in Alsheim habe, so wurden sie voll Muth und beschlossen, dasselbe anzugreifen und den König gefangen zu nehmen. Diese Absicht hätten sie auch erreichen können, wenn nicht Merlin, der Repräsentant, dem General Blou das Kommando genommen hätte. Dadurch nämlich entstand Zwist unter den Nationalgarden und Linien-
truppen, wie die französiſchen Truppen damals und noch lange hernach hießen; und dieser Zwist verdarb den ganzen Plan. So stark die Franzosen anfänglich auch marschiert waren, so lass wurden sie jetzt und ließen sich auch noch zu einer Kanonade
gegen eine in aller Eile bei Hangen-Wohlheim aufgeworfnen Batterie verleiten, und drangen nicht vor. Sie hatten aber auch nicht Raum, sich auszudehnen, und wichen sehr bald nach Mainz zurück, ob sie gleich 8000 Mann stark gewesen sein sollen, da gewiss noch keine 2000 Preußen, alles mitgerechnet, gegen sie da waren. 

Bei diesem gefährlichen Anfall bewies sich unser König, wie sich ein König beweisen muss, der Soldaten im Kriege anführt. Bei der Nachricht, dass er überfallen sei, erblasste er zwar etwas und sagte: Hm, hm, das ist doch des Teufels! Aber sogleich gab er Befehle zur Vertheidigung und zwar so treffend, und anwendbar, dass seine Anstalten den erwünschten Erfolg haben mussten. Das Regiment Wolfrath, oder die braunen Husaren haben sich bei dieſer Gelegenheit besonders gut ausgezeichnet: Die Franzosen aber haben auch nicht viel Verlust gehabt. 

Wir lagen indessen in guter Ruhe in den Dörfern, und erfuhren erst den andern Tag, in welcher Gefahr unser König gewesen war. „Gott, was wäre das ein Unglück gewesen, sagte ein Offizier ganz laut, wenn der König wäre gefangen worden!“ Ein alter Major erwiederte hierauf: „Wer weiß auch, Herr Leutnant, obs ein großes Unglück gewesen wäre! Wäre der König gefangen und nach Landau gebracht worden, so hätte der Krieg in kurzem ein Ende. Wer weiß, ob die Fortdauer desselben nicht noch tausend Elend über Deutschland und über die ganze Welt bringt!“ Der gute Mann hatte nicht übel gesprochen.
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# 30. März 1793: Framersheim - vergnügliche Begegnungen in der Heimat

Posted on March 30, 2014 at 11:49 AM Comments comments (1)
Unser Regiment, welches zu keiner eigentlichen Attacke gekommen war, ob es gleich, wie die andern alle, dem Feinde mitnachrennen musste, kam den 30ten März nach Framersheim, wo wir über Nacht blieben. 

In diesem Orte ist mein Vetter Laukhard Pfarrer, eben der, welcher ehedem mit
Doctor Bahrdt zu Heidesheim in Verbindung gestanden war. Ich war recht froh, diesen ehrlichen Mann, der sich immer als mein Freund bewiesen hatte, wieder zu umarmen. Er lebt recht glücklich mit einer schönen, ehrwürdigen und vernünftigen Frau, welche den Beifall aller unsrer Compagnie-Offiziere, besonders meines Hauptmanns, des Hn. von Mandelsloh, in allen Ehren erhalten hat.

Sie strafte mich im Scherze, dass ich in meinen Beiträgen zu D. Bahrdts Lebensbeschreibung ihren Vater, den Superintendenten von Dürkheim, Bahrts Vorfahr, Lucerner genannt hätte, da doch sein Name Luerne gewesen wäre. Als ich ihr aber sagte, daran sei nicht ich, sondern der Korrektor Schuld, so gab sie sich zufrieden. Sie bewirtete meinen Hauptmann, dessen Compagnie-Offiziere und mich sehr vornehm und köstlich. 

Erinnerungen...
In Framersheim hatte ich ehedem mehrmals gepredigt, und da ich fixweg perorirte, was ich in einem alten oder neuen Kanzeltröſter auswendig gelernt hatte, dabei auch stattlich auf die Kanzel schlug und nicht aus dem Buche ablas, so hatte ich mich bei den Leuten dort in nicht üblen Credit gesetzt.

Als sie nun hörten, dass ich bei den Preußen sei, und in ihrem Orte Quartier habe, kamen sie haufenweiſe zu mir, begafften mich, und wunderten sich höchlich: „dass ein so grausam, so abscheulich und entsetzlich gelehrter Mensch könnte Soldat sein!“
Ein alt Mütterchen drückte mir herzlich die Hand, und sagte: „ach lieber Herre, was hat er mei'm Hans Kaschper ä erschrecklich hübſch Leichpredig gehall! Eich dank ehm noch tausendmol devor.“

Ich bin auch bei diesen guten Leuten recht vergnügt gewesen.
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# 28. März 1793: Ruhetag in Stromberg - Touristinformation über Stromberg und Literaturkritik und Presseschelte - weiter geht's über Kreuznach, Wendelsheim, Odernheim, Steinbockenheim, Flonheim Alzey - Franzosen auf panischer Flucht

Posted on March 30, 2014 at 11:30 AM Comments comments (1)
Unſer Regiment hatte den 28ten März in Stromberg Ruhetag. Stromberg ist eine alte, unansehnliche Stadt, worin man an hellem Tage den Hals brechen kann: so bergig, klippig und uneben ist alles. Das dabei stehende alte Schloss, woselbst sich die Franzosen postirt hatten, war ehedem der Sitz des Fust von Stromberg, welchen mein
Landsmann, der Hofgerichts-Rath Meier, durch ein treffliches Schauspiel unsterblicher gemacht hat, als eine gewisse historische Sudelei den braven Hermann Riedeſel je machen kann. Doch zum Schreiben dicker Bände gehört oft weit weniger Genie, als zu Einer Scene in einem guten Drama. 

Die von einem panischen Schrecken ergriffnen Franzosen flüchteten sich von Kreuznach nach Alzey zu: bei Wendelsheim, eben dem Orte, wo ich geboren bin, holten unse Husaren sie ein, und jagten ſie weiter. Es liegen dort herum viele
Franzosen, aber auch mehr als ein Preuße begraben. 

...indem sie nichts entscheiden und doch Menschen kosten
Ich übergehe alle Vorfälle, wodurch wir Meister des ganzen Rheinstroms in so kurzer Zeit geworden sind: sie sind hinlänglich beschrieben, und iallen Zeitungen so sehr ausposaunt worden, dass selbst Preußen, die dem ganzen Kazenjagen beigewohnt hatten, lächelten, wenn man Kleinigkeiten z. B. die Bagatelle bey Odernheim, den winzigen Anfall auf dem Rindertanz ohnweit Steinbockenheim, das Plackern bei Flonheim u. dgl. für große signalisierrte Viktorien ausgab. Man muss aus dergleichen Dingen nicht viel Aufhebens machen, weil sie es nicht verdienen, indem sie nichts entscheiden, und doch immer Menschen kosten. 

Die Franzoſen zogen sich in aller Eile zurück, und warfen auch noch mitunter ihre Gewehre und anderes Geräthe weg. Sie waren schlecht angeführt, hatten keinen Plan und konnten auf alle Fälle — nur verlieren. Blieb ihnen nur Mainz, oder konnten sie es dereinst entsetzen, so mussten die Preußen alle wieder über den Rhein, und die Fran-
zoſen waren wieder Meister des Stroms und des ganzen Landes.
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# Ende März 1793: Begebenheiten bei Stromberg, Bingen und Kreuznach

Posted on March 30, 2014 at 10:58 AM Comments comments (2)
Ich kann mir es noch nicht recht erklären, warum die Franzosen uns so ganz ungehindert über den Rhein gehen, und bis Kreuznach und Stromberg vorrücken ließen. Es war wohl blos Sorglosigkeit ihrer Anführer, und gar zu großes Zutrauen des Generals Neuwinger auf seine Schanze bei Kreuznach und auf die Postierungen bei Stromberg und Bingen. 

Bei Stromberg und Bingen kostete es den Preußen wenig Mühe, die Franzosen wegzujagen: ein panischer Schreck hatte sie einmal befallen. Der Leutnant Govin vom Bataillon Schenk, jetzt Wedel, den ich von Halle aus persönlich kannte, verlor ohnweit Stromberg sein Leben. Er hätte sich durch die Flucht oder durch Ergebung an die Franzosen retten können, aber er wehrte sich, bis er der Übermacht erlag. Selbst der Feind hat von diesem jungen Helden mit Achtung und Bewunderung gesprochen. Ich erzählte lange hernach die bewiesene Tapferkeit dieses Offiziers in Gegenwart eines französischen Hauptmanns in Lyon, und der sagte: "Une belle mort, vraiment! mais plus belle encore, s'il, avoit peri pour une meilleure cause", oder: Wahrlich, das war ein schöner Tod; aber er würde schöner sein, wenn der Offizier für eine bessere
Sache gestorben wäre — gerade wie es von dem Tode des Catiliana heißt: pulcherrima equidem morte, si pro patria occubuisset: Doch dieses ohne Vergleich! Catiliana war ein Feind seines Vaterlandes; Govin ein getreuer Verfechter der Ehre seines Königs!

Bei Kreuznach an der Nahe oder Nohe wichen die Franzosen bald, so sehr sich auch Neuwinger bemühte, sie zum Stehen zu bringen. Er selbst wurde gar sehr und gefährlich mit Säbelhieben verwundet, und fiel so in unsre Hände. Unsre Husaren konnten dieses Generals Tapferkeit und unerschrocknen Muth nicht genug rühmen, meinten aber
doch, wenn er ein Franzose gewesen wäre, so hätte er wohl so brav nicht gethan, aber ein Deutscher, das wäre eine andre Sache! Die guten Husaren lernten aber noch vor dem Ende der diesjährigen Kampagne auch die Franzosen kennen!

Neuwinger wurde nach Stromberg gebracht, und daselbſt sogar wider seinen Willen verbunden und recht gut besorgt. Unser König, der jede Tugend schäzt, er finde sie an Freund oder Feind, befahl, dass man den braven Neuwinger, das waren seine eignen Worte, eben ſo behandeln sollte, als wenn Er es wäre. — Cüstine hat diesen Mann hernach zu Paris angeschwärzt, und besonders den Verlust der Kreuznacher Schanze ihm zugeschoben...


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21. März 1793 Caub: Unser Zug über den Rhein - touristische Informationen über Bachacharach und Pfalz im Rhein

Posted on March 21, 2014 at 6:45 PM Comments comments (1)
Den 21. März brachen wir endlich auf und marschierten abwärts, um den Rhein bei Caub zu passieren. Caub ist eine alte Stadt und gehört dem Kurfürsten von Pfalzbayern. Sie ist berühmt wegen ihrer Schiefergruben und besonders wegen des dortigen guten Weinwuchses. Die Einwohner zu Caub sind aber grobe, ungeschliffene Menschen, sprechen eine Sprache, ärger als die Hunsrücker und hassen einander gar mächtig wegen der Verschiedenheit ihres Glaubens. Die Preußen, welche bei Lutheranern einquartiert waren, hatten es gut, diejenigen aber, welche bei Katholiken lagen, wurden von diesen als Ketzer angesehen und schlecht behandelt. Es giebt aber unter den Weibsleuten zu Caub, wie uͤberhaupt dort in den gebürgigen Gegenden, ganz artige Gesichter, gern das Verdienſt um ihr Vaterland eingeräumt.

Bey Bacharach war eine Schiffbrücke über den Rhein geſchlagen, die wir passierten. Eine andere war bey St. Goar, aber wegen der Franzosen konnten wir dieſe zum Übergehen nicht benutzen. Auch hätten ſie uns bey Bacharach den Weg versperren können, wenn sie aufmerksam genug gewesen wären. Aber unser Glück wollte, dass sie in den Gebürgen die Pässe nicht besezten, durch welche unser Zug nothwendig gehen musste: und so kamen wir binnen einigen Tagen glücklich auf die Höhen jenseits des Rheins.

Bacharach ist eben, wie Caub, eine uralte schmutzige Stadt, und eben so berühmt wegen ihres vortrefflichen Rheinweins. Gleich neben der Stadt stand vorzeiten die Residenz der alten Pfalzgrafen am Rhein, und eine Strecke unten, mitten im Fluss, steht auf einer Insel ein Wachtthurm, welcher den Namen, die Pfalz, noch führt, und sonst der Wittwensitz der Pfalzgräfinnen war. Der verstorbene Heidelberger Rektor Andreä hat eine lesenswürdige Abhandlung Baccararum palatinum geschrieben, worin der Liebhaber der Alterthümer
und der Naturgeschichte manches zu seinem Unterrichte und Vergnügen finden kann.

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März 1793 im Hessischen: Des Soldaten neue Kleider...

Posted on March 12, 2014 at 5:06 PM Comments comments (1)
Schade war es für unsere Leute, dass die neue Montur gerade erst den Tag vor dem Abmarsch ausgegeben wurde; denn die alte konnte man doch nicht mitnehmen und zum vorteilhaften Anbringen war keine Zeit mehr. Man musste sie also an die Juden verkaufen, wie man nur konnte.

Als unsre Leute wieder gekleidet und mit ihrem Zubehör hinlänglich versehen waren, so schien es, dass sie wieder neuen Mut bekommen hatten. "Nun sind wir gekleidet", hieß es, jetzt können wir die Franzosen nur wieder angreifen." 

Aber die Klügeren unter uns meinten, dass die neuen Röcke auch wieder alt werden würden und dass man die Gewehre wohl abermals von sich werfen könnte. Das Ende eben des Jahres 1793 hat diese traurige Weissagung wahr gemacht.
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# Winter 1783 Halle: Erste Lage bei den Soldaten – Gewehrsachen werden nicht selbst geputzt – exerzieren fällt schwer

Posted on January 31, 2014 at 4:46 PM Comments comments (1)
Den Studenten aus dem Weg gehen – Quartier bei Zutzeln
Der Hauptmann wollte mich zu Cheminon ins Quartier legen. Allein da Zutzel mir anfänglich nicht übel gefallen hatte und ich bei Cheminon nicht gern sein wollte, weil immer Studenten hin kamen, so bat ich den Herrn von Müffling, mich bei Zutzeln zu lassen. Er wollte mir’s freilich nicht versagen und sagte mir gleich, Zutzel sei ein wunderlicher Mensch und seine Frau sei vollends des Satans. Ich möchte also sehen, wie ich mit ihnen zurecht käme. 
 
Um mich indes mehr zu sichern, schärfte er beiden ein, mit mir ordentlich umzugehen und nicht zu machen, dass ich klagen musste. Würde man mir aber dennoch etwas in den Weg legen, so sollte ich es ihm nur gleich anzeigen. Er wollte dann seine Sachen schon machen. Wie übel ich aber für mich gesorgt hatte, wird die Folge ausweisen. 

Ich schaffte mir nun alles an, was der Soldat so an Kleinigkeiten haben muss, Bürsten, Haarwachs, Kreide, Ton, Puder und andere Kleinigkeiten, welche zur sogenannten Propretät erfordert werden. Meine Gewehrsachen habe ich immer von andern – wenn ich nämlich nicht für gut fand, es selbst zu tun – reinmachen lassen. 

Meine erste Lage bei den Soldaten 
Mein Wirt, der Unteroffizier Zutzel, war ein äußerst schnurriger Mensch von hämischhem Charakter, der sich so recht freute, wenn er jemandem einen Stein stoßen konnte. Ich muss ihn etwas näher beschreiben, vorher aber anmerken, dass die meisten Unteroffiziere, die ich habe kennenlernen, preußische sowohl als andere, eine große Ähnlichkeit mit den Verschnittenen haben, welche die Weiber im Orient bewachen müssen. Da sie wie diese ihren Vorgesetzten auf eine ganz vorzügliche Art und noch unendlich mehr als der gemeine Bursche unterworfen und gehorsam sein müssen, auch sehr oft misshandelt und belastet werden, so suchen sie ihren Unmut und ihre beleidigte Eigenliebe an den Soldaten auszuüben wie jene an den Weibern, werden aber auch nicht selten von den pfiffigen Burschen angeführt wie die schwarzen Kastraten von ihrem intriganten Frauenzimmer. Dies nebenher.
 
Zutzel mit seiner Eheliebsten war sehr fromm, das heißt, er las alle Tage in einer alten, dicken Postille und ging alle Sonntage regelmäßig zur Kirche. Er ist, wie er mir selbst oft gesagt hat, recht froh gewesen, als man ihn zum Abend- und Frühvisitieren ernannt hat, bloß weil er dadurch vom Wachtum befreit wurde und also jeden Sonntag die Kirche besuchen konnte, welches bei den Diensttuenden den Monat zweimal wegfällt. 
 
Vom lieben allmächtigen Gott wusste Zutzel sehr viel zu reden wie auch vom frommen Könige und Propheten David, vom lieben Gebet und andern dergleichen Dingen. Bei jeder Gelegenheit kam so was Gesalbtes vor. Aber man denke ja nicht, dass dieser Mensch nicht auch geflucht habe. Es gibt wohl keinen Bootsknecht bei der Ostindischen Kompanie, der besser fluchen und schwören könnte als Freund Zutzel. Beten und Fluchen war bei ihm in einem Odem. Bei diesen Tugenden besaß er wie manche seinesgleichen eine große Fertigkeit im Brannteweinsaufen, den er sich jedesmal selbst holte und mit seiner Eheliebsten, welche ein ganzes Nöle doch immer noch ein Tröpfchen nannte, in bona pace verzehrte. 

Der Herr Unteroffizier strickt und seine Frau nörgelt und prügelt
Nichts war possierlicher anzusehen, als wenn Freund Zutzel dasaß mit dem Seitengewehr und einem blauen Mantel umhatte, eine schwarze Pudelmütze auf dem Kopf, die Brille auf der Nase, die Schnappspulle vor sich und so Strümpfe stopfte oder strickte, welches beides er aus dem Fundament verstand. 

Die Madam Zutzel war ordentlich gemacht, einen Mann unter die Erde zu bringen, wenn er weniger unempfindlich gewesen wäre als der ihrige. Einer war ihr schon davon gelaufen, weil er ihre absurden Grillen nicht weiter vertragen konnte. Darauf war sie geschieden worden und so hatte sie Freund Zutzel genommen. Den ganzen langen Tag nörgelte sie, besonders wenn sie besoffen war, zankte mit ihrem Manne und ihren Soldaten und wenn sie nichts zu zanken hatte, so schlug sie ihren Hund Perl oder ihre Katze Minette. 

In diesem Quartiere lag ich nun! 
Wie wird’s da dem armen Schelm gegangen sein? werden meine gutmütigen Leser ausrufen. Und wenn sie das tun, so will ich ihnen mit einem Worte antworten: sehr schlecht, meine Herren! Einge Pröbchen. 

Exerzieren in Zutzels Stube
Ich fing gleich, wie es sich von selbst versteht, an zu exerzieren und zwar in Zutzels Stube. Freilich lernte ich nicht schnell, teils war ich des Dings nicht gewohnt, teils dachte ich, Zeit genug zu haben, diese große Kunst, welche hauptsächlich in der gleichmäßigen Fertigkeit und Akkuratesse besteht und vom dümmsten Bauernjungen begriffen wird, zu erlernen. 

Dass ich nun nicht flugs lernte, ärgerte meinen Zutzel und er klagte mich beim Hauptmann als einen Menschen an, der viel zu dumm und zu tückisch zum Exerzieren sei. Herr von Müfflig verschwieg mir das nicht und ich konnte mich nicht besser rechtfertigen, als wenn ich fleißiger und aufmerksamer ward. Das ward ich und Zutzels Klagen von dieser Seite fielen weg.
 
Freund Zutzel war gewohnt, mit den Rekruten, die er übte, umsonst zu frühstücken. Einige Zeit über ließ ich mir das auch gefallen. Allein da er gar anfing zu fordern, wies ich ihn ab und trank meinen Schnaps für mich allein. Das verdross ihn hässlich. Da er nun sah, dass ich mit andern Kameraden zur Frau Buchen oder auf die Bäckerherberge ging, so beschrieb er mich dem Hauptmann als einen Trunkenbold, der täglich in den Kneipen säße, sich vollsöffe und sich von andern prellen ließe.

Der Hauptmann ließ dieses Vorgeben durch den Feldwebel untersuchen und da er keine Exzesse fand, schwieg er. Der Feldwebel Wurm riet mir aber, wenn ich ausginge, sollte ich nur den Unteroffizier nicht wissen lassen, wohin. Der sei ein Kalefaktor*, vor dem man sich hüten müsste.

Aber nun ein Stückchen von schändlicherer Art. Es war uns ein Soldate desertiert, dessen hinterlassene Sachen Zutzel in die Kammer gelegt hatte, wo Trautwig und ich schliefen. Etwan acht Tage hernach wollte Zutzel die Sachen wegtragen, und siehe da, es fehlten einige Stücke an der Wäsche. 

Ohne weiter zu untersuchen, ob das jetzt fehlende nicht schon vorher gefehlt habe, behauptete er, entweder Trautwig oder ich müssten sie verkauft oder versetzt haben. Trautwig nahm das Ding sehr übel und suchte mich sogleich auf, um mir die Beschuldigung mitzuteilen. Ich lief nach Hause und nun gab's schöne Auftritte.


*Kalefaktor heißt bei den Soldaten ein Offizierbedienter, der einheizen und andere Handdienste verrichten muss und zugleich Soldat ist. Dieser Name wird aber auch denen aus Spott zugelegt, die bei den Vorgesetzten alles Nachteilige, was sie von ihren Kameraden erfahren, anbringen. Daher das Zeitwort kalfaktern.
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