Mein Blog

Blog

view:  full / summary

# 1. Dezember 1792 Homburg: Nicht desertiert – marschiert

Posted on November 30, 2013 at 6:35 PM Comments comments (0)
Früh am nächsten Tage kam ein Bekannter des Schulmeisters, ein Schuster, der mich mit zum Frühstück nahm und mir versprach, dass er mich, wenn ich Lust hätte ins Land der Freiheit zu treten, sicher und unentgeltlich nach Frankfurt bringen wollte, von woher ich gar leicht über den Rhein und wohin es mir beliebte, weiterkommen könnte.
Ich weiß wahrlich nicht recht zu sagen, warum ich dieses gewiss gut gemeinte Anerbieten nicht annahm. 

Ich glaube, dass ich es noch angenommen hätte, wenn wir länger in Homburg geblieben wären, denn ich Wartes ganzen Soldatenlebens wegen der Soldaten-Greuel recht herzlich müde. Allein noch in selbiger Nacht um 10 Uhr wurde Marsch befohlen und wir brachen wirklich nach Frankfurt auf.

# 30. November 1792 Homburg an der der Höhe: ...für die neue Verfassung Frankreichs eingenommen

Posted on November 29, 2013 at 6:09 PM Comments comments (0)
Am 30.  November erhielt unser Regiment in Homburg Quartier und ich bei einem Schulmeister der französischen Kolonie. Dieser Mann war, wie beinahe alle französischen Kolonisten aus angeerbtem Widerwillen gegen den ehemaligen französischen Thron ganz enthusiastisch für die neue Verfassung Frankreichs eingenommen. Als er merkte, dass ich derselben auch nicht abgeneigt war, so hatte ich seine ganze Gunst. 

# 29. November 1792 Homburg: Holzraub im Heimatland - Lager unter kaltem freiem Himmel

Posted on November 28, 2013 at 7:03 PM Comments comments (0)
Den 29.  kamen wir vor Homburg an der Höhe, mussten aber, weil sich alles zusammengedrängt hatte, die Nacht unter freiem Himmel verbringen. Es war sehr kalt und windig und Holz fehlte. Man ging daher in die nahen Dörfer, holte heraus, was an Holz da war und machte starke Feuer. Eins dieser Dörfer, welches mit französischen Kolonisten besetzt ist und dem Landgraf von Hessen-Homburg gehört, wurde bei dieser Gelegenheit sehr übel mitgenommen.

# 25. November 111792 Edelborn: Zu kurze Rast für preußische Soldaten – Bauern halten die Franzosen nicht für schlimm

Posted on November 24, 2013 at 7:00 PM Comments comments (0)
Custine hatte indessen zur Schadloshaltung seiner Nation nicht nur jenseits des Rheines gehauset. Er hatte auch Frankfurt weggenommen, die Saline Friedberg zu Nauheim geplündert und dem Fürsten von Weilburg starke Kontribution aufgelegt. Aber die Bauern waren überall verschont worden und eben diese Schonung machte, dass diese Leute die Franzosen eben nicht für gar zu schlimm hielten. 

Damit aber der Fortgang der fränkischen Waffen nicht noch weiter um sich reißen möchte, beschloss unser König, sobald es möglich sein würde, die Gäste über den Rhein zurücktreiben und ihnen die besetzten Plätze wieder wegzunehmen.

Aber unsere Leute waren zu müde, zu sehr abgemattet. Man musste also Halt machen und sie ruhen lassen. Auch musste frische Munition herbeigeschafft werden, denn die, welche wir mitgenommen hatten, war völlig verdorben.

Endlich, am 25. Novenber, brachen wir auf und zogen nach der Lahn zu auf der Frankfurter Straße. Die Wege waren hier zwar gut, das Wetter aber kalt und die Luft voll Schnee, 

Auf diesem Marsche haben wir abermals sehr viel ausgestanden und nicht wenig Not gelitten an Lebensmitteln. Es sollte aber einmal vorwärts gehen und so gestattete man uns nicht einmal einen Rasttag.

# 11. November 1792 Edelborn: Die Bauern an der Lahn liebten ihren Erzbischof nicht

Posted on November 10, 2013 at 6:08 PM Comments comments (0)
Den folgenden Tag schlich ich nach Montabaur, wo man mich noch gar nicht vermisst hatte, so sehr war man noch der Unordnung gewohnt. 

Die Regimenter wurden sehr auseinandergezogen und in die Gegenden an der Lahn in Kantonierung gelegt. Das Dorf, worin unsre Kompanie lag, hieß Edelborn. Weit und breit habe ich nichts Roheres und Abergläuberischerers angetroffen als die gemeinen Trierschen Bauern – und doch liebten sie ihren Erzbischof nicht und waren der neufränkischen Revolution gar gewogen.

# 10. November 1792 Neuhäusel: Die Füße wollen nicht

Posted on November 9, 2013 at 7:07 PM Comments comments (0)
Unser Regiment marschierte den 10. November nach Montabaur, einem ganz mit Pfaffen und Klöstern angefüllten trierischen Städtchen. Ich aber konnte wegen meiner Füße nicht nachkommen, musste daher in einem Dorfe, Neuhäusel, über Nacht bleiben und mir da ganz allein bei einem armen Grobschmied Quartier machen. Der Grobschmied und seine Frau waren brave Leute, die mir viel Gutes taten und mich und mich wegen meiner angeschwollnen Füße herzlich und teilnehmend bedauerten.

# Oktober / November 1792: Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege!

Posted on November 8, 2013 at 6:17 PM Comments comments (2)
Die unendlichen Krankheiten, besonders die Ruhren, welche unser unglückliches Militär auf diesem unseligen Feldzuge befielem, machten die Anlegung vieler Feldlazarette nötig. Zu Grandpré, Verdun, Longwy, Chatillon, Luxemburg, Trier, Koblenz, Wesel, Neuwied, Usingen, Frankfurt am Main, Höchst, Homburg, Friedberg, Gießen und noch an viel mehr Orten waren preußische Feldlazarette, welche alle mit Kranken vollgestopft waren. Ich habe mehrere dieser Mördergruben selbst beobachtet und was ich da gesehen habe, will ich dem Leser ehrlich mitteilen, jedoch mit dem Bedinge, dass der zu delikate Leser dieses Kapitel überschlage.

Ich hörte, dass mein Freund, der Unteroffizier Koggel, zu Longwy im Lazarett krank läge. Ich wollte ihn also besuchen und ging hin und hinein ohne von der Schildwache angehalten oder nur über etwas befragt zu werden. Dieses ließ mich gleich anfangs nicht viel Ordnung im Lazarette selbst erwarten. Aber wie entsetzte es mich, als ich gleich beim Eingang alles von Exkrementen blank sah und nicht einmal ein Fleckchen finden konnte, um unbesudelt hinzutreten.Der gemeine Abtritt rechte für so viele ruhrhafte Kranke unmöglich zu, auch fehlte es den meisten Kranken, ihn zu erreichen und Nachtstühle sah ich beinahe gar nicht. Die Unglücklichen schlichen also nur bis vor die Stube und machten dann alles hin, wo und wie sie konnten. Es ist abscheulich, dass ich sagen muss, dass ich sogar tote Körper in diesem Unflate liegen sah.

Ich schlüpfte schnell durch ins erste Zimmer aber da drängte sich mir auch sogleich ein solch abscheulicher mephitischer Gestank entgegen, dass ich hätte mögen in Ohnmacht sinken. Es war der Duft viel ärger, als wenn man ein Privet ausräumt oder über einen vollen Schindanger des Sommers geht. An Räuchern dachte man gar nicht, auch wurden die Fenster niemals geöffnet und wo hie und da eine Scheibe fehlte, da stopfte man die Öffnung mit Stroh und Lumpen zu.

Das Lager der Kranken war dem vorigen ganz angemessen: die meisten lagen auf bloßem Stroh, wenige auf Strohsäcken und viele lagen gar auf dem harten Boden. An Decken und andere zur Reinlichkeit dienliche Dinge war vollends nicht zu denken. Die armen Leute mussten sich mit ihren elenden kurzen Lumpen zudecken und da diese ganz voll Ungeziefer waren, so wurden sie von diesem beihnahe lebendig gefressen.

Ich stand da und wusste nicht, was ich vor Mitleid und Ärger sagen sollte. Ich fragte endlich nach der Krankenpflege, erfuhr, erfuhr aber , dass hier außer einem bissel Kommissbrot nichts vorfalle. An Arznei fehlte es beinahe ganz!

Ich wollte, wie man weiß, den Unteroffizier Koggel sehen, aber weder Feldscher noch Krankenwärter konnte mir sagen, in welchem Zimmer ich ihn treffen könnte. So sehr fehlte es an aller besonderen Aufsicht! Sogar hörte ich einen sagen: "Wen hier der Teufel holt (er wollte sagen: wer hier stirbt), ist geliefert, kein Guckuck frägt weiter nach ihm."

Voll Ekel und Abscheu ging ich fort und verwünschte das Schicksal der Krieger, welche bei einer eintretenden Krankheit oder Verwundungen solche Mordlöcher gesteckt und so schlecht verpflegt werden, dass sie ihr Achtgroschen-Leben elender aufgeben müssen als das elendeste Vieh.

Aber bald bedachte ich, dass dort in Langwy vielleicht die Not selbst eine solche elende Lage der armen Leute nötig machte. Ich wusste, dass der König Befehl gegeben hatte, die Kranken gut zu behandeln und für ihre Wiederherstellung - und wenn es des Monats 1000 Taler mehr kosten sollte - gehörig zu sorgen. Ich beschloss daher. mehrere Feldlazarette zu untersuchen, um ein richtiges Urteil darüber fällen zu können.

Ich tat dies schon in Trier, aber da sah ich noch mehr Greuel. Die Lazarette waren ebenso schmutzig, die Pflege ebenso elend und die Lagerstätten ebenso scheußlich als in Longwy. Außerdem mussten noch vom 30. bis 31. Oktober mehr als 280 Kranke in Trier unter freiem Himmel auf der Gasse liegengeblieben. In den Hospitälern war für sie kein Platz mehr und niemand wollte sie in die Häuser aufnehmen, weil es allgemein hieß, die Preußen hätten die Pest. Es krepierten, ja, es krepierten diese Nacht mehr als 30 auf der Gasse. Seht, Menschen, soviel gelten euresgleichen im Kriege!

Die anderen Lazarette, die ich weiter sah, waren alle von dieser Art. Woher kommt aber dieses schreckliche Übel, wodurch der König oder vielmehr der Staat so viel Leute verliert? Denn in diesem Feldzuge sind sehr wenig Preußen vor dem Feinde geblieben, aber mehrere Tausend sind in den Hospitälern verreckt, deren meiste man gewiss hätte retten können, wenn man ihnen gehörige Pflege hätte können oder wollen angedeihen lassen.

Bettelarm hinein … mit vollem Beutel hinaus...
Der Hauptfehler der preußischen Lazarette ist, wie mich dünkt, in der Anlage selbst zu suchen. Die Aufseher sind lauter Leute vom Militär, ohne angemessne Erfahrung und Kenntnisse – und meist lauter solche, die sich da bereichern wollen. Ihre Besoldung ist schlecht, und doch kommen sie, wenn sie auch nicht lange darin sind und blutarm hineinkamen, allemal mit vollem Beutel heraus. 

Bei dergleichen Einrichtungen pflegt alles zusammenzuhängen und für den gemeinschaftlichen Vorteil gemeinschaftliche Sache zu machen. Selten findet sich rin Mann von Rechtschaffenheit, der seinen Einfluss zur Verbesserung tätig machen möchte und wenn er sich findet, so wird er bald unterdrückt.

Herr Sojazinsky, Leutnant bei unserem Regimente, wollte einige gute Anstalten in Frankfurt für das Lazarett durchsetzen, aber er hatte so viel Verdruss dabei, dass seine ohnehin schwache Gesundheit noch mehr dadurch litt und er bald verstarb. Er besuchte uns einst bei Mainz. "Nun, Herr Leutnant", fragte ich ihn, "wie schlägt Ihnen das Lazarett zu?" – "Ach", war die Antwort, "die Fickfackereien, die ich da sehen muss und nicht hindern kann, bringen mich noch um!"

Dem König wird freilich genug angerechnet, aber für die Kranken wird das wenigste verwendet. Ich habe gesehen, dass Feldschere und Krankenwärter den Wein fortsoffen, der für die Kranken bestimmt war und die guten Essenzenselbst verschluckten. ZweiMenscher in Koblenz, welche den Feldscherer zur Liebschaft dienten, verkauften den Reis aus dem Hospital und die Kranken mussten hungern. Zu Frankfurt am Main kaufte man Reis, Graupen, gedörrtes Obst und dergleichen im Spital sehr wuhlfeil. So war es auch in Gießen.

Um nun den Betrug nicht so sehr sichtbar zu machen, geht alles mysteriös und unordentlich in den Lazaretten zu.

Die Krankenwärter sind Soldaten, welche bei den Kompanien nicht mehr fortkönnen, alte steife Krüppel, die sich zum Krankenwärter schicken wie das fünfte Rad am Wagen. Diese, deren teilnehmender Menschensinn durch den militärischen Korporalsinn abgestumpft ist, lassen den armen Kranken eine Pflege angedeihen, dass es eine Schande ist. Dass sie sich mit den Feldscherern und den andern Meistern, die in den Lazaretten etwas anzuordnen haben, allemal einverstehen, versteht sich von selbst; denn auf die geringste Vorstellung des Feldschers oder eines andern Vorgesetzten würde der Herr Krankenwärter weggejagt. Ein Oberkrankenwärter, wie ich sie in den französischen Hospitälern zu Dijon und andernwärts gefunden habe, ist gar nicht da.

Die Reinlichkeit, dieses erste Hauptstück der Krankenpflege, worauf mehr ankömmt als selbst auf die medizinische Verpflegung, wird so wenig gesorgt, dass ich Kranke weiß, denen die Hemder an dem Leibe verfault und sie selbst von den Läusen dergestalt zugerichtet worden sind, dass sie tirfe Löcher am Leibe hatten.

Freilich sollen Krankenwärter entweder selbst waschen oder waschen lassen, aber das geschieht nicht. Ferner sehen Stuben aus wie Spelunken und der mephitische Gestank verpestet die Luft aus abscheulichste. Wer in eine solche Krankenstube hereintritt, verliert den Appetit zum Essen wenigstens auf einen Tag.

Die Feldschere oder wie man sie seit einigen Jahren nennen soll, die Chirurge, sind meistens Leute, welche gar wenig von ihrem Handwerk innehaben und daher das Elend in den Spitälern durch ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit noch vergrößern. Für die Besetzung der Regimenter durch Oberchirurgen ist ziemlich gut gesorgt, ob es gleich auch die Leute gibt, welche nicht viel mehr wissen als jeder gemeine Bartkratzer. Die Generalchirurgi sind Männer von Einsicht und Verdienst, aber die gemeinen oder Kompaniechirurgen sind größtenteils elende Stümper, die bei ihrem Lehrherrn nicht mehr gelernt haben als Rasieren und Aderlassen, beides elend genug noch oberdrein. Wer freilich sein Brot sonst verdienen kann und nicht für das kindischeVergnügen ist, in Uniform einherschreiten und ein Spießding an seiner Pfuscherseite herumzuschleppen, wird sich hüten, für den geringen Gehalt, den so ein Mensch zieht, den beschwerlichen Feldscherdienst bei einer Kompanie zu übernehmen.

In die Feldlazarette nimmt man zwar dann und wann die geschicktesten, welche man noch bei den Regimentern findet, aber eben dadurch entblößet man die Regimenter ihrer brauchbarsten Wundärzte. Und was kann einer von dieser Art allein ausrichten, sobald ihm alle übrigen Mitoffizianten entgegen sind oder entgegen handeln!

Ob man aber gleich der Regel nach nur brauchbare Ärzte in die Feldlazarette nehmen sollte, so geht doch hier auch sehr vieles nach Gunst und so werden sehr viele elende, unwissende, traurige Wichte eingestellt. Die Oberchirurgie, welchen die Aufsicht über die Lazarette führen, können teils jeden Kranken nicht selbst untersuchen und behandeln wegen der Menge. Teils sind sie dazu zu kommode oder zu delikat. Sie schauen daher nur dann und wann – und zwar nur so obenhin – in die Krankenstuben, lassen sich vom Feldscher, sehr sehr oft auch nur von dem Krankenwärter referieren, verordnen dann so was hin im allgemeinen, werfen – um sich respektabel zu machen – mit einigen fehlerhaften lateinischen Wörtern und Phrasen umher, überlassen hierauf alles den Unterchirurgen und gehen in Offiziersgesellschaften l'Hombre zu spielen oder sich sonst zu vergnügen. 

Mir sind ganz schändliche Beispiele bekannt geworden, wie selbst Oberchirurgi die medizinische Pflege deswegen vernachlässigten, weil sie das Geld, das für Arznei, Essig, Wein und dergleichen bestimmt war, an die Offiziere, die in den Lazaretten als Inspektoren angestellt waren, verspielt hatten freilich nach ihrer Pflicht darauf inquirieren und den Chirurgus  zur Herbeischaffung der Arznei anhalten sollen, aber eben sie hatten ja das Geld gewonnen, welches sie, im Fall das Ding zur Sprache gekommen wäre, hätten herausgeben müssen. Sie schwiegen also und die armen Leute waren geprellt. 

So ungeschickt die preußischen Feldscherer gewöhnlich zu sein pflegen, so wenige sind noch obendrein in den Spitälern angestellt. Zwei, drei solcher, äskulapischen Büttel sollen eine Anzahl von 200, 300 und mehrerer schwerkranker Personen pflegen, wie dieses im jetzigen Kriege gar oft der Fall war.

Da man in Verpflegung der Lazarettkranken schon ohnehin sehr ökonomisch zu Werke geht und da noch obendrein jeder von dieser Subsistenz das Seine ziehen will, so kann man leicht denken, dass die Diat der armen Kranken sehr schlecht sein muss. An zweckmäßige Einrichtung der Speisen war gar nicht gedacht, noch weniger an deren zweckmäßige Verteilung. 

Etwas elende Brühe größtenteils, die kaum ein Windspiel fressen möchte, ist die Suppe, worin dann und wann ein bissel Graupen, Mehl, Grütze oder Brot getan wird. Die Krankenwärter  wissen alles so einzurichten, dass nicht ein Auge Fett darauf zu sehen ist und dass die Brühe aussieht und schmeckt wie die elendeste Gauche.

Das Fleisch in den Lazaretten ist schon das elendste, das man finden kann und nicht selten stinkt es schon und hat Maden gezogen. Dieses elende Luder wird wird nun auf die elendeste Art zurecht gemacht, ganz unsauber in die Kessel geworfen und oft auch kaum gar gekocht. Ebenso geht es mit dem Zugemüse – und was für Zugemüse! Ein wenig Reis und Gerste, nebenbei auch Rüben, Kartoffeln, Linsen, Erbsen, Bohnen und dergleichen für totkranke Menschen!

"Wer in den Lazaretten nichts zuzusetzen hat, muss darin krepieren", ist so ein bekannter Satz bei der preußischen Armee, dass jeder Soldat entweder durch eigne Erfahrung oder doch durch die Erfahrung vieler anderer davon überzeugt ist und an dessen Wahrheit im geringsten nicht zweifelt.

Das mag aber doch eine treffliche Einrichtung sein, wo der kranke Feldsoldat Geld haben muss, um im Lazarette, wo seine Gesundheit, die er für seinen Herrn zugesetzt hat, hergestellt werden soll, nicht Hungers krepieren! Ich kenne Feldschere, welche sich Geld geben ließen, damit sie dem gebenden Kranken die nötige Hilfe leisten möchten und welche den, der nichts geben konnte, liegen und krepieren ließen.

Von den Diebereien in den Lazarettenmag ich gar nicht reden. Genug, wer etwas hineinbringt, muss wohl darauf Acht haben, dass es ihm nicht von den Krankenwärtern oder von den anderen Kranken gemauset wird.

So sehen die Feldlazaretteder Preußen aus, aber die der Österreicher sind um kein Haar besser. Auch da herrscht der nämliche Geist, der nämliche Mangel. Und hieraus lässt sich nun erklären, warum so viele Menschen in den Hospitälern so elend umkommen und warum die Armeen durch diese Mordlöcher so schrecklich leiden!

wir fortgesetzt

 

# Wintersemester 1775 Gießen: Besuch in Marburg – Begegnungen – die Herren Feuer- und Schwert-Apostel waren von jeher unausstehliche, selbstsüchtige Grillenfänger...

Posted on November 4, 2013 at 3:33 PM Comments comments (0)
In einigen Kollegien hospitierte ich und besuchte auch selbst einige Gelehrte, bei denen mich mein Vetter Böhmer, der Hofmeister bei Herrn von Breitenbach, einführte. Es waren die Herren Wyttenbach, Koing, Seib und Curtius.

Herr Curtius ist ein herrlicher Mann, so viel ich nämlich nach der kurzen Bekanntschaft urteilen konnte. Er sprach sehr hübsch und gründlich über Literatur und Philologie und machte auch einige Anmerkungen über Herrn Schmid in Gießen, die mir bass behagten.

Coing ist ein finsterer Mann, so recht von der Mine eines Dorfschulmeisters: dabei ist er schrecklich orthodox und im hohen Grade impertinent. Er hat auch allerhand geschrieben, aber niemand hat es lesen wollen. Die Titel seiner Bücher stehen im gelehrten Deutschland, die Bücher selbst findet man stückweise bei den Gewürzkrämern.

Wyttenbach ist ein Mann, auf dem Calvins Geist dreifach ruht. Ich meine den Geist der Intoleranz, der Rechthaberei und des theologischen Stolzes. Er ist ein strenger Verfechter des herrlichen decreti absoluti, worüber er einige Streitschriften mit dem Abt Schubert geführt hat. Er ist schon ein alter Mann, doch aber noch rüstig zu heiligen Katzbalgereien. Mit mir gab er sich auch ab und disputierte de omnipraesentia carnis Christi. Ich sagte ihm zwar, dass ich selbst die Allgegenwart des Leibes Christi nicht glaube und bat ihn, sich nicht weiter mit seinen Argumenten zu bemühen. Aber wie? fuhr er auf, Sie glauben nicht omnipraesentiam, oder wie die Herren Lutheraner reden, ubiquitatem carni domini? – so sind Sie auch nicht  ein Lutheraner.

Ich: Diese Lehre gehört gar nicht zur lutherischen eigentlichen Dogmatik: das ist eine scholastische Grille einiger Privatlehrer.

Er: Privatlehrer? Ist es nicht die Lehre der heiligen formula concordiae, die die Herren Lutheraner dem Worte Gottes an die Seite setzen?

Ich: Das kann ich nicht sagen: ich habe die Formula Concordia noch nicht gelesen: aber das weis ich, dass die Ubiquität so wenig Lehre unsrer Kirche ist, als das absolutum decretum eine wesentliche Lehre der Reformierten.

Er: Ei, sieh doch: absolutum decretum! Ih nun, wie mans nimmt! Ärgert Sie das Wort absolutum decretum; das kann man aufgrben: aber die Sache ist doch certa sub limitatione richtig und ein wesentlicher Artikel des Glaubens.

Nun folgte eine fürchterliche Erläuterung des Artikels von den göttlichen Ratschlüssen, wobei der alte Doctor so sehr in die Hitze gerieth, dass er seine Pfeife – darüber zerbrach. Dieser Zufall machte, dass er sich wieder erholte. Hernach ging das Lärmen von neuem los. Einigemal gedachte er des Sankt Calvins mit großen Lobsprüchen, nannte ihn einen frommen treuen Arbeiter im Weinberge Jesu u.s.w.

Allein ich war dem Sankt schon seit langer Zeit spinnefeind, weil ich die Hinrichtung des Servetus in Mosheims Geschichte schon zu Hause gelesen hatte. Ich nahm mir daher die Freiheit dem Herrn Doctor zu erwiedern, Calvin sei ein Mann von sehr hämischen, heimtückischen, erzboshaften Charakter gewesen, so ungefähr wie der Sankt Dominik oder sein Ebenbild Meister Hochstraten.

Da fing Wyttenbach Feuer, verteidigte den Calvin und behauptete geradezu, dass man gotteslästerliche Ketzer, wie Servet, der die Trinität einen dreiköpfigen Cerberusgeheißen hätte*), hinrichten könnte. Calvin hätte recht gehabt.

Dieser Freund Wyttenbach hätte sich ganz vortrefflich zu einem Ketzermeister oder Inquisitor geschickt. Hier will ich nur so im Vorbeigehen bemerken, dass man bei den Reformierten weit mehr Intoleranz und Geist der Verfolgung antrifft, als bei den Lutheranern. Woher das kommen mag, weis ich nicht; es ist aber in der Tat so. 



*) Nichts ist abgeschmackter, als wenn die Verfechter Calvins von Servetus Gotteslästerungen was daher plappern! Servet leugnete die Trinität: sie war für ihn ein Nonsens; wie konnte er sie dann also lästern?

Oder warum verbrannte man nicht auch den Luther als Blasphemanten, da er die Messe einen Drachenschwanz, Teufelsopfer u.s.w. nannte? Hier ist ja alles relativer Ideenkrieg! 

Und wenn der liebe Gott selbst Philosoph genug ist, die Quergrillen der Menschenkinder über sich zu dulden: wer gibt denn uns Toren das Recht, statt seiner zu häschern oder zu dominieren? – 

Aber freilich, die Herren Feuer- und Schwert-Apostel waren von jeher unausstehliche, selbstsüchtige Grillenfänger, die für ihre Rechthaberei und Verfolgungssucht keinen glänzenden Deckmantel finden konnten, als die Aufrechthaltung der Ehre Gottes oder der – reinen Lehre,

# Anfang November 1792 Neuwied: Nur nicht in die Mödergrube...

Posted on November 2, 2013 at 7:07 PM Comments comments (0)
Von Neuwied ging ich über Koblenz allein nach Faltern immer zu Fuße, wenngleich jämmerlich, weil die Kranken von hier aus keinen Wagen weiter hatten und ich mich nicht dazu verstehen wollte, mich in die Mördergrube zu Koblenz, das ist: ins Lazarett zu legen.

# Wintersemester 1775 Gießen: Besuch in Marburg – ça donc ça donc

Posted on November 2, 2013 at 7:00 PM Comments comments (1)
Die Universität Marburg habe ich einigemal besucht und da sowohl den Burschen-Komment als auch einige Gelehrte kennen gelernt. Die Universität war damals sehr schwach: sie hatte kaum 180 Studenten, deren Komment elend genug war, nämlich burschikos zu reden. Die Studenten waren meist Landeskinder und man hielt sie in gar strenger Zucht. 

Als ich von Gießen aus da war, machten die Marburger Studenten eine Figur wie ungefähr die Schüler auf dem Halleschen Waisenhaus. Sie waren den Gießer Studenten nur darin ähnlich, dass sie derb Bier trinken und schnapsen konnten. 

In Kleidern gingen sie etwas eleganter als die Gießer. Dafür wussten sie aber auch keinen Komment. Wir kommersierten einst – versteht sich ein Schwarm Gießer – in einem Gasthause in Marburg. Einige Marburger sahen uns zu, wurden aber nicht eingeladen zum Mitmachen. 

Wir sangen aus dem erbaulichen Liede ça donc ça donc folgende Verse sehr oft zur Erbauung der Herren Marburger:

Rien. Rien:,:
So spricht der dumme Teufel
Der noch nicht Komment versteht.
Seht doch den dummen Marburger an, 
Der noch nicht kommersieren kann!
Courage, Courage:,:
So spricht der Gießer Bursche
Der da recht Comment versteht
Seht doch den Gießer Burschen an,
Wie er brav kommersieren kann!

Die Marburger hatten nicht das Herz, uns etwas über zu nehmen: Vielleicht waren sie zu klug dazu. Als wir sie fragten, wie ihnen unser Kommers gefallen hätte, und sie mit einem sehr schön antworteten, sagte Bruder henrici: "Ja, Ihr müsst auch wissen, Ihr Marburger, dass die Gießer den Komment erst recht verstehen. Das sind ganz andre Kerls als ihr! Schwerenot, zu uns müsst Ihr kommen! Ein Fuchs bei uns weis mehr Komment als eure ganze universität! Gott straf mich, das ist wahr!" – Die Herren Marburger lächelten und gingen ihrer Straße. Sie waren klüger als wir.

Rss_feed