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29. Juli 1793 Forst: Der Unsinn des Viktorisierens- "man sollte billig auf den Frieden warten" - "Jetzt schossen wir heute Viktoria und in kurzer Zeit wussten wir vor Angst und Schrecken nicht zu bleiben."

Posted on July 28, 2014 at 6:18 PM Comments comments (2)
In Forst mussten wir viktorisieren oder das Gewehr einigemal losschießen, weil ein General unsrer Verbündeten einigen Vorteil über den Feind gewonnen hatte. 
Die Siege waren größtenteils unbedeutend und des Pulvers nicht wert. 

Die Franzosen mokierten und erbosten sich allemal darüber und ihre Ehrbegierde wiegelte sie reger gegen uns auf. Bei uns aber erregte es Verdruss und Murren, weil die Soldaten hernach ihre Gewehre für nichts und wieder nichts putzen mussten. Man sollte billig bis auf den Frieden warten und dann zusehen, ob die Göttin Viktoria uns oder dem Feinde günstiger gewesen sei.
 
In Frankreich habe ich hernach oft die bittersten Sarkasmen über das Viktorisieren der Verbündeten hören müssen und konnte sie nicht widerlegen, weil die Citoyens immer die wohlbegründete Bemerkung machten, dass ein und der andere dauerhaften Nutzen daraus ziehen konnte. Und von dieser Art wären die Vorteile der kombinierten Mächte nie gewesen. 

Wie gesagt, man hätte billig bis zum Frieden oder bis zur gänzlichen Entkräftung der Franzosen warten sollen. Jetzt schossen wir heute Viktoria und in kurzer Zeit wussten wir vor Angst und Schrecken nicht zu bleiben.

# 28. Juli 1793 Tiefental: Fuß vertreten

Posted on July 27, 2014 at 7:28 PM Comments comments (2)
Auf dem Marsch von Tiefental nach Forst am 28. Juli hatte ich bei Neuleiningen das Unglück in der stockfinsteren Nacht meinen rechten Fuß zu vertreten und musste daher auf einem Baurnkarren gefahren werden. Ein barmherziger Bruder von Deidesheim gab mir einen guten Spiritus und in drei Tagen war mein Fuß wieder hergestellt.

# 27. Juli 1793 Mainz: Heißes Wetter - nächtlicher Marsch nach Alzey

Posted on July 26, 2014 at 9:38 PM Comments comments (1)
Den 27. Juli nachmittags brachen wir von Mainz auf, marschierten die Nacht durch und kamen den andern Morgen früh um acht nach Alzey. Es war damals sehr heißes Wetter und daher fand der Herr von Manstein, welcher unsere Kolonne anführte, für gut, uns des nachts gehen und am Tage ruhen zu lassen. Es war nicht sehr dunkel und guter Weg, wie die Wege in der Pfalz überhaupt sind und so war diese Anstalt heilsam und löblich.

# Sommer 1784 Halle: Hauslehrer in Französisch

Posted on July 19, 2014 at 6:21 PM Comments comments (2)
Herr von Müffling vertraute mir bald nach meiner Annahme bei seiner Kompanie den Unterricht seines ältesten Sohnes, des jetzigen (1792) Herrn Leutnants Friedrich von Müffling, in der französischen Sprache an. Er wusste, dass ich schon damals auf wohlfeilerem Fuß als die gewöhnlichen Sprachmeister unterrichtete und gab mir doch, so sehr ich auch widersprach, eben so viel als einem ordentlich priviligierten Universitäts-Sprachmeister und Lektor gegeben wird...


# Mai 1784 Magdeburg: Erste Revue ..."und da sah ich den großen König zum ersten Mal" ...

Posted on July 19, 2014 at 6:08 PM Comments comments (0)
Im Mai 1784 machte ich meine erste Revue bei Magdeburg und sah da den großen König zum erstenmal. Sein Anblick erschütterte mich durch und durch: ich hatte nur Auge und Sinn bloß für Ihn! Auf Ihn war ich und alles concentriert! viele tausend Personalien in die einzige umgeschmolzen! Ein Heer, Eine Handlung! – – Mit seinen Taten war ich schon bekannt durch Bücher und Erzählungen. Es ist wahrlich etwas Göttliches, einen großen Mann zu sehen! der Gedanke, dass man zu Ihm gehöre, erhebt zum Olymp hinaus.  – – – – – – – – – – – – – 

Die Revue war ein rechtes Fest für mich. Ich musste zwar derbe Märsche tun – man geht in drei Märschen elf Meilen – allein die Neuheit der Sache und die Abwechslung der Gegenstände machten, dass ich alle Mühe vergaß und bloß an dem hing, was ich noch nicht gesehen hatte.

In Magdeburg besuchten mich meine Freunde, besonders Herr Molweide. Jeder bedauerte mich und jeder sprach mir guten Mut ein. Ich hatte aber die Tröstungen nicht nötig. Man maß mich an sich und – irrte.

# Frühling 1784 Halle: Sturm und Sonnenschein – Vater und Sohn – Soldat und Magister

Posted on April 11, 2014 at 6:40 PM Comments comments (0)
Mein Vater lag mir, wie billig, gleich vom Anfang meiner neuen Lebensart stark im Sinne. Was wird der ehrliche Alte empfinden und sagen, wenn er erfährt, dass nun alles an dir auf einmal ohne Hoffnung verloren ist? Dieser Gedanke fuhr mir immer durch Kopf und Herz und vergällte mir jeden Augenblick.

Um diese Qual loszuwerden, bat ich den D. Semler schriftlich – denn persönlich wollte ich den ehrwürdigen Mann in meiner Soldatenuniform noch nicht angehen –. er möchte suchen, meinem Vater meinen Schritt zum Soldatenstande auf die glimpflichste Art beizubringen. Der gute Mann antwortete mir, das sei schon geschehen. Er hoffe, mein Vater würde mich mehr bedauern als über mich zürnen. Der Hauptmann hatte auch schon geschrieben. Allein lange erschien keine Antwort.

Endlich kam ein Brief von meinem Vater an den Herrn von Müffling in sehr gemäßigtem und gesetzten Ton. Er kenne, so schrieb er, das menschliche Herz und mein Schritt käme ihm, da er meine Sitten, meine Denkungsart und meinen Leichtsinn auch kenne, gar nicht fremde vor. Er vergebe mir von Herzen meine Verirrungen, sogar den letzen, desperaten Schritt, so sehr er ihn sonst schmerzte. "Ich wünsche", fuhr er fort, "einen recht langen Brief von meinem Sohn zu lesen und bitte Ew. Wohlgeboren, ihn denselben in Ihrer Gegenwart oder in Gegenwart eines anderen braven Mannes schreiben zu lassen, damit er gerade so schreibe, wie es ihm ums Herz ist, ohne lange herumsinnen und künsteln zu können. Ich möchte gern aus diesem Briefe sehen, wie er jetzt so denkt." – Ich schrieb diesem gemäß in der Stube des Herrn v. Müffling an meinen Vater und dieser Brief besänftigte ihn so, dass alle seine folgenden Briefe an mich, an den Hauptmann und an den D. Semler auch nicht die geringste Spur von Vorwürfen oder Unwillen enthielten.

Die erste Exerzierzeit* ist mir, wie jedem Soldaten, beschwerlich gefallen. Allein ich überstand sie und die folgenden Exerzierzeiten sind mir immer leichter geworden. Es fiel mir oft der Gedanke dabei ein, ob die Verdammten in der Hölle, welche doch nach der erbaulichen Lehre der orthodoxen Buchstabenkirche ewig gepeinigt werden sollen, nicht endlich allen Sinn für Qual und Angst und Not verlieren und alle Feuer und Schwefelpfühle, alle Haken des Satans und dergleichen nicht endlich für Kleinigkeiten halten werden. Die Gewohnheit vermag doch gewaltig viel!

Ich hatte einige Studenten im Lateinischen und Französischen. Meine ersten Scholaren waren Herr Salpius aus der Mark, Herr Böhm, jetzt Doktor der Medizin in Berlin und Herr Gassel aus Westfalen. Wenn einige, welche zu unterrichten ich die Ehre gehabt habe, ihre Namen in meinem Buche nicht finden, so können sie versichert sein, dass dies nicht daher rühre, weil ich sie vergessen hätte oder es für zu gering hielte, sie zu nennen – ich verehre vielmehr jeden, der zugleich mein Freund war und das sehr aufrichtig –, sondern weil ich befürchte, manchem Leser Langeweile zu machen, wenn ich da ein großes Namensregister anführen wollte, wobei ich doch weiter nichts zu sagen hätte als: dem gab ich Stunden im Lateinischen, Italienischen, Französischen, mit dem las ich den Livius, diesen lehrte ich dies, jenen jenes.

*Die Exerzierzeit ist die Zeit, wo das vorläufige Regiment wöchentlich fünfmal auf dem Felde exerziert wird. Unter Friedrich II. Regierung dauerte sie gewöhnlich zwei Monate. Der jetzige König hat sie abgekürzt...

# Winter 1783 Halle: Erste Lage bei den Soldaten – Gewehrsachen werden nicht selbst geputzt – exerzieren fällt schwer

Posted on January 31, 2014 at 4:46 PM Comments comments (1)
Den Studenten aus dem Weg gehen – Quartier bei Zutzeln
Der Hauptmann wollte mich zu Cheminon ins Quartier legen. Allein da Zutzel mir anfänglich nicht übel gefallen hatte und ich bei Cheminon nicht gern sein wollte, weil immer Studenten hin kamen, so bat ich den Herrn von Müffling, mich bei Zutzeln zu lassen. Er wollte mir’s freilich nicht versagen und sagte mir gleich, Zutzel sei ein wunderlicher Mensch und seine Frau sei vollends des Satans. Ich möchte also sehen, wie ich mit ihnen zurecht käme. 
 
Um mich indes mehr zu sichern, schärfte er beiden ein, mit mir ordentlich umzugehen und nicht zu machen, dass ich klagen musste. Würde man mir aber dennoch etwas in den Weg legen, so sollte ich es ihm nur gleich anzeigen. Er wollte dann seine Sachen schon machen. Wie übel ich aber für mich gesorgt hatte, wird die Folge ausweisen. 

Ich schaffte mir nun alles an, was der Soldat so an Kleinigkeiten haben muss, Bürsten, Haarwachs, Kreide, Ton, Puder und andere Kleinigkeiten, welche zur sogenannten Propretät erfordert werden. Meine Gewehrsachen habe ich immer von andern – wenn ich nämlich nicht für gut fand, es selbst zu tun – reinmachen lassen. 

Meine erste Lage bei den Soldaten 
Mein Wirt, der Unteroffizier Zutzel, war ein äußerst schnurriger Mensch von hämischhem Charakter, der sich so recht freute, wenn er jemandem einen Stein stoßen konnte. Ich muss ihn etwas näher beschreiben, vorher aber anmerken, dass die meisten Unteroffiziere, die ich habe kennenlernen, preußische sowohl als andere, eine große Ähnlichkeit mit den Verschnittenen haben, welche die Weiber im Orient bewachen müssen. Da sie wie diese ihren Vorgesetzten auf eine ganz vorzügliche Art und noch unendlich mehr als der gemeine Bursche unterworfen und gehorsam sein müssen, auch sehr oft misshandelt und belastet werden, so suchen sie ihren Unmut und ihre beleidigte Eigenliebe an den Soldaten auszuüben wie jene an den Weibern, werden aber auch nicht selten von den pfiffigen Burschen angeführt wie die schwarzen Kastraten von ihrem intriganten Frauenzimmer. Dies nebenher.
 
Zutzel mit seiner Eheliebsten war sehr fromm, das heißt, er las alle Tage in einer alten, dicken Postille und ging alle Sonntage regelmäßig zur Kirche. Er ist, wie er mir selbst oft gesagt hat, recht froh gewesen, als man ihn zum Abend- und Frühvisitieren ernannt hat, bloß weil er dadurch vom Wachtum befreit wurde und also jeden Sonntag die Kirche besuchen konnte, welches bei den Diensttuenden den Monat zweimal wegfällt. 
 
Vom lieben allmächtigen Gott wusste Zutzel sehr viel zu reden wie auch vom frommen Könige und Propheten David, vom lieben Gebet und andern dergleichen Dingen. Bei jeder Gelegenheit kam so was Gesalbtes vor. Aber man denke ja nicht, dass dieser Mensch nicht auch geflucht habe. Es gibt wohl keinen Bootsknecht bei der Ostindischen Kompanie, der besser fluchen und schwören könnte als Freund Zutzel. Beten und Fluchen war bei ihm in einem Odem. Bei diesen Tugenden besaß er wie manche seinesgleichen eine große Fertigkeit im Brannteweinsaufen, den er sich jedesmal selbst holte und mit seiner Eheliebsten, welche ein ganzes Nöle doch immer noch ein Tröpfchen nannte, in bona pace verzehrte. 

Der Herr Unteroffizier strickt und seine Frau nörgelt und prügelt
Nichts war possierlicher anzusehen, als wenn Freund Zutzel dasaß mit dem Seitengewehr und einem blauen Mantel umhatte, eine schwarze Pudelmütze auf dem Kopf, die Brille auf der Nase, die Schnappspulle vor sich und so Strümpfe stopfte oder strickte, welches beides er aus dem Fundament verstand. 

Die Madam Zutzel war ordentlich gemacht, einen Mann unter die Erde zu bringen, wenn er weniger unempfindlich gewesen wäre als der ihrige. Einer war ihr schon davon gelaufen, weil er ihre absurden Grillen nicht weiter vertragen konnte. Darauf war sie geschieden worden und so hatte sie Freund Zutzel genommen. Den ganzen langen Tag nörgelte sie, besonders wenn sie besoffen war, zankte mit ihrem Manne und ihren Soldaten und wenn sie nichts zu zanken hatte, so schlug sie ihren Hund Perl oder ihre Katze Minette. 

In diesem Quartiere lag ich nun! 
Wie wird’s da dem armen Schelm gegangen sein? werden meine gutmütigen Leser ausrufen. Und wenn sie das tun, so will ich ihnen mit einem Worte antworten: sehr schlecht, meine Herren! Einge Pröbchen. 

Exerzieren in Zutzels Stube
Ich fing gleich, wie es sich von selbst versteht, an zu exerzieren und zwar in Zutzels Stube. Freilich lernte ich nicht schnell, teils war ich des Dings nicht gewohnt, teils dachte ich, Zeit genug zu haben, diese große Kunst, welche hauptsächlich in der gleichmäßigen Fertigkeit und Akkuratesse besteht und vom dümmsten Bauernjungen begriffen wird, zu erlernen. 

Dass ich nun nicht flugs lernte, ärgerte meinen Zutzel und er klagte mich beim Hauptmann als einen Menschen an, der viel zu dumm und zu tückisch zum Exerzieren sei. Herr von Müfflig verschwieg mir das nicht und ich konnte mich nicht besser rechtfertigen, als wenn ich fleißiger und aufmerksamer ward. Das ward ich und Zutzels Klagen von dieser Seite fielen weg.
 
Freund Zutzel war gewohnt, mit den Rekruten, die er übte, umsonst zu frühstücken. Einige Zeit über ließ ich mir das auch gefallen. Allein da er gar anfing zu fordern, wies ich ihn ab und trank meinen Schnaps für mich allein. Das verdross ihn hässlich. Da er nun sah, dass ich mit andern Kameraden zur Frau Buchen oder auf die Bäckerherberge ging, so beschrieb er mich dem Hauptmann als einen Trunkenbold, der täglich in den Kneipen säße, sich vollsöffe und sich von andern prellen ließe.

Der Hauptmann ließ dieses Vorgeben durch den Feldwebel untersuchen und da er keine Exzesse fand, schwieg er. Der Feldwebel Wurm riet mir aber, wenn ich ausginge, sollte ich nur den Unteroffizier nicht wissen lassen, wohin. Der sei ein Kalefaktor*, vor dem man sich hüten müsste.

Aber nun ein Stückchen von schändlicherer Art. Es war uns ein Soldate desertiert, dessen hinterlassene Sachen Zutzel in die Kammer gelegt hatte, wo Trautwig und ich schliefen. Etwan acht Tage hernach wollte Zutzel die Sachen wegtragen, und siehe da, es fehlten einige Stücke an der Wäsche. 

Ohne weiter zu untersuchen, ob das jetzt fehlende nicht schon vorher gefehlt habe, behauptete er, entweder Trautwig oder ich müssten sie verkauft oder versetzt haben. Trautwig nahm das Ding sehr übel und suchte mich sogleich auf, um mir die Beschuldigung mitzuteilen. Ich lief nach Hause und nun gab's schöne Auftritte.


*Kalefaktor heißt bei den Soldaten ein Offizierbedienter, der einheizen und andere Handdienste verrichten muss und zugleich Soldat ist. Dieser Name wird aber auch denen aus Spott zugelegt, die bei den Vorgesetzten alles Nachteilige, was sie von ihren Kameraden erfahren, anbringen. Daher das Zeitwort kalfaktern.

# Sonntag, 29. Dezember 1783 Halle: ...und so war mein Herr Soldat fertig.

Posted on December 28, 2013 at 6:27 PM Comments comments (0)
Sonntags früh wurde ich zum Fürsten geführt. Er bewies mir in Form rechtens, dass ich mich wirklich hätte anwerben lassen und folglich Soldat bleiben müsste. Er sprach mir noch allerhand Trost zu, der aber bei mir nicht anschlug. Zutzel hatte mir den Herrn Fürsten schon den Tag vorher näher beschrieben. 
 
Man legte mir ohne weitere Komplimente den Soldateneid vor und ich Schwur ihn. Und so war mein Herr Soldat fertig. 

Mein Handgeld wollte mir der Hauptmann zwar übergeben, doch stellte er mir vor, dass ich besser täte, wenn ich’s in seinen Händen ließe. Ich würde sonst drum geprellt werden.

# Samstag, 28. Dezember Halle: Und wenn ich nun so meine vorige Lage mit der gegenwärtigen verglich, fand ich diese eben nicht sehr schlimm.

Posted on December 27, 2013 at 6:14 PM Comments comments (1)
Den folgenden Tag, es war ein Sonnabend, war ich viel ruhiger als den vorigen. Ich konnte über alles, was mir begegnete, gehörig nachdenken. Und wenn ich nun so meine vorige Lage mit der gegenwärtigen verglich, fand ich diese eben nicht sehr schlimm. Mein natürlicher Leichtsinn kam mir hier, wie sonst bei vielen Vorfällen meines Lebens, zustatten. Ich legte alles auf die leichte Achsel. Es wird schon alles noch gut werden, dacht’ ich und wenn’s nicht gut werden will, je nun, am Ende bleibt dir doch das Mittel übrig, welches keinem Menschen entsteht – das Pistol oder der Strick. Auch in dieser Vorstellung lag damals Beruhigung und etwas Angenehmes für mich. 

Die stoische Philosophie ist wahrlich kein dummes System und der Mensch, welcher sich mit ihren Grundsätzen vertraut macht, kann unmöglich verzweifeln. Denn was die Moralisten, insbesondere die Pfaffen sagen, Selbstmord sei allemal Verzweiflung, ist mit der gnädigen Erlaubnis dieser Herren so wenig wahr, als er allemal Kleinmut oder Verbrechen ist. Ich habe meine guten Gründe für diese Behauptung. Meine Leser werden daher nicht zürnen, wenn ich ihnen meine Gedanken so ganz trocken hinlege. 

Ich gehöre nicht zu denen, welche aus Heroismus, zur Ehre Gottes oder zum Preis der Tugend alles Unglück und alle Not gern ertragen möchten. Würde ich meinen Zustand übermäßig elend fühlen, so würde ich ihn schon enden. Alle Gründe und Beweise für die so genannte allwaltende Vorsehung, wie diese von Leß, Hermes und Jerusalem beschrieben wird, haben mich niemals überführen können. Ich will gern jedem seinen Glauben in diesem Stück lassen und es jedem gönnen, in dem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung und Regierung der Welt seine Beruhigung zu finden. Aber mir muss man es auch lassen, dass ich mich auf eine gewisse fatale Verkettung der Dinge gründe und dadurch mein Schicksal mir erleichtere. 

Mein Fatalismus hebt die Freiheit nicht ganz auf und ist daher unschädlich. Wer sich aber an diesem meinen offenherzigen Bekenntnis stoßen will, der muss sich noch mehr an den „Leiden des jungen Werther“ von Goethe stoßen. Diese gehen dogmatisch zu Werke, da ich es blos historisch tue. Doch was hilft hier disputieren! Wem es wohl geht, erschießt oder erhängt sich nicht und wem es so übel geht, dass er’s tut, dem ist’s zu verzeihen. Er geht mehr mechanisch als moralisch zu Werke. Und darum hob Friedrich II. die schändlichen Strafen dafür auch auf.

# Freitag, 27. Dezember 1783 Halle: Eingekleidet und ins Quartier – Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichgültigkeit. Wohl ihm, dass er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt z

Posted on December 26, 2013 at 6:18 PM Comments comments (0)
Man sollte denken, dass ich früh die Sachen anders als den vorigen Abend angesehn und mich derb über meinen unbesonnenen Schritt werde gekränkt haben. Das war aber nicht so. Meine Stimmung hatte sich nicht geändert und als ich erwachte, freute ich mich noch immer über das, was ich getan hatte. Das Grundgefühl von Rache, die Sehnsucht nach Ruhe, nebst der täuschenden Erwartung der Dinge, die jetzt kommen würden, unterhielten die Spannung meiner Seele und versetzten mich zu sehr außer mir, als dass ich meinen damaligen gegenwärtigen Zustand hätte nach der Wahrheit prüfen und wertigen können. 

Ich sprach mit dem Hauptmann so unbefangen als wenn ich schon zehn Jahre bei den Soldaten gewesen wäre. Herr von Mufflig freute sich über dies mein aufgeräumtes Wesen und wiederholte mir sein Versprechen, dass ich es gut bei ihm haben würde. 

Ich hatte schon am vorigen Abend auf Begehren des Hauptmanns einen Zettel an den Prorektor geschrieben und ihm berichtet, dass ich aus gewissen Gründen Soldat geworden wäre. Das war nun freilich unnötig, denn der Prorektor hat in solchen Dingen nichts zu verfügen. Der Hauptmann fragte noch, ob ich haben wollte, dass er den Zettel an den Herrn Schulze abschicken sollte. Ich bejahte es und Zutzel, der Unteroffizier, musste ihn hintragen.  

Herr Schulze ließ dem Hauptmann wiedersagen, dass er ihm zu mir gratuliere. Auf die Frage, was Schulze für eine Miene gemacht habe, antwortete Zutzel, er habe gelacht und seiner Frau die Sache mit Lachen erzählt. Das ärgerte mich. Der Unbefangene findet aber freilich manches nicht so wichtig als der Befangene im Taumel. Wohl dem, der hierdurch allmählich ein Körnchen vom Salz der Weisheit einsammelt, um nichts wichtiger zu finden, als es ist!
 
Ich wurde noch auf der Hauptwache eingekleidet und kam zu dem Unteroffizier Zutzel ins Quartier. Das war am 3. Weihnachtsfeiertage 1783. 

Aber nun kam der Lärmen in der ganzen Stadt herum und alle Straßen, alle Kneipen, alle vornehmen Zirkel und alle Puffkeller ertönten von der einzigen Nachricht: Magister Laukhard ist Soldat geworden! Man schrieb es gar weit und breit herum. Viele Philister, Menschen und ander Grobzeug kamen vor das Haus, wo ich logierte, mich zu sehen und zu schauen, wie mir die Montur wohl stehen möchte. Ich ging diesen Tag einigem aus und jedesmal begleitete mich ein Haufen Jungen, Menschen, Studenten und Philister. Die Kinder sangen sogar: 

Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist ein Zottelbär
 
andere:
 
Laukhard hin, Laukhard her, Laukhard ist kein Philister mehr. 

Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichgültigkeit. Wohl ihm, dass er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt zu bleiben! Man hatte ihn vorher hier und da degradierend genug dazu behandelt.
 
Gegen Mittag schickte mir Herr Schulze zwei Studenten und ließ mir sagen, dass, wenn ich wieder los sein sollte und Mittel dazu angeben könnte, er bereit wäre, alles für mich zu tun. Ich schrieb ihm einen lateinischen Brief, dankte ihm und bezeigte, dass das wohl nicht mehr gehen würde; wenn er aber mich befreien könnte, hätte ich nichts dawider. Ich wusste aber, dass dieses nicht mehr möglich war. 

Meine Bekannten und Freunde unter den Studenten, besonders einige meiner Landsleute, kamen häufig und mit Tränen in den Augen zu mir und baten mich, doch Himmel und Erde für meine Befreiung zu bewegen, es würde ja alles noch gehen. Ich wurde sehr gerührt durch die Vorstellungen der ehrlichen, gutmeinenden Junglinge. Die guten Leute nahmen sich meiner sehr tätig an, ohnerachtet ich es verbat. Sie liefen mehrmals zum Hauptmann und als dieser sich nicht so erklärte, wie sie es wünschten, bombardierten sie den damaligen General des Regiments, den Fürsten Adolph von Anhalt-Bernburg. Der Fürst versprach den Studenten, um sich von ihnen loszumachen, dass er mich selbst vernehmen und dann resolvieren wollte, was rechtens wäre. Als ich diese Nachricht hörte, hatte ich genug und erklärte den Studenten, dass alle ihre Mühe verloren wäre: es würde bleiben, wie es wäre. 

Nachmittags schrieb mir auch Herr D. Semler einen großen lateinischen Brief, welchen ich 1787 nebst anderen Schreibereien mit nach Hause nahm und zu Wendelsheim zurückließ. In diesem Briefe erschien das edle Herz des guten Mannes auf eine sehr sichtbare Weise. Ich hätte, schrieb er, dergleichen nicht unternehmen können, wenn ich nicht allen Glauben an die göttliche Vorsehung verloren hätte. Dieser Glaube sei das höchste Gut des Menschen. Man müsste ihn beibehalten, gesetzt auch, er sei Vorurteil. Hätte ich mich in meinen üblen Umständen, die ihm nun recht gut bekannt wären, nur an ihn gewandt, so würde er wohl Wege zu meiner Beruhigung entweder selbst eingeschlagen oder sie mir doch gewiesen haben. Indessen sei das nun einmal nicht mehr zu ändern, deswegen sollte ich auf eine zeitlang Geduld haben und erwarten und hoffen, dass alles könnte verbessert und für meine Ruhe gut eingerichtet werden. Auf ihn sollte ich mich immer verlassen, er würde mir immer Freund und Beistand sein. Am Ende ermahnte er mich, ja fleißig zu studieren. Die Studia wären wahrer Balsam für Unglückliche. Dabei führte er mir einige Stellen aus Cicero und Ovidius an. 

Der Brief Sammlers rührte mich im Innern meiner Seele. Ich kannte den Mann und wusste, dass seine Worte Realitäten bezeichneten. Ich habe selten den Worten getraut, womit mir jemand seine Freundschaft und Dienste beweisen wollte. Aber bei den Worten einiger redlicher Männer machte ich immer eine Ausnahme und das war auch bei Semlern der Fall. Semler war der wohlwollendste, tätigste Menschenfreund.