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29. Juli 1793 Forst: Der Unsinn des Viktorisierens- "man sollte billig auf den Frieden warten" - "Jetzt schossen wir heute Viktoria und in kurzer Zeit wussten wir vor Angst und Schrecken nicht zu bleiben."

Posted on July 28, 2014 at 6:18 PM Comments comments (2)
In Forst mussten wir viktorisieren oder das Gewehr einigemal losschießen, weil ein General unsrer Verbündeten einigen Vorteil über den Feind gewonnen hatte. 
Die Siege waren größtenteils unbedeutend und des Pulvers nicht wert. 

Die Franzosen mokierten und erbosten sich allemal darüber und ihre Ehrbegierde wiegelte sie reger gegen uns auf. Bei uns aber erregte es Verdruss und Murren, weil die Soldaten hernach ihre Gewehre für nichts und wieder nichts putzen mussten. Man sollte billig bis auf den Frieden warten und dann zusehen, ob die Göttin Viktoria uns oder dem Feinde günstiger gewesen sei.
 
In Frankreich habe ich hernach oft die bittersten Sarkasmen über das Viktorisieren der Verbündeten hören müssen und konnte sie nicht widerlegen, weil die Citoyens immer die wohlbegründete Bemerkung machten, dass ein und der andere dauerhaften Nutzen daraus ziehen konnte. Und von dieser Art wären die Vorteile der kombinierten Mächte nie gewesen. 

Wie gesagt, man hätte billig bis zum Frieden oder bis zur gänzlichen Entkräftung der Franzosen warten sollen. Jetzt schossen wir heute Viktoria und in kurzer Zeit wussten wir vor Angst und Schrecken nicht zu bleiben.

# 28. Juli 1793 Tiefental: Fuß vertreten

Posted on July 27, 2014 at 7:28 PM Comments comments (2)
Auf dem Marsch von Tiefental nach Forst am 28. Juli hatte ich bei Neuleiningen das Unglück in der stockfinsteren Nacht meinen rechten Fuß zu vertreten und musste daher auf einem Baurnkarren gefahren werden. Ein barmherziger Bruder von Deidesheim gab mir einen guten Spiritus und in drei Tagen war mein Fuß wieder hergestellt.

# 30. / 31. März 1793 Alsheim: Trügerische Sicherheit für den preußischen König - Wäre der König gefangen und nach Landau gebracht worden, so hätte der Krieg in kurzem ein Ende. Wer weiß, ob die Fortdauer desse

Posted on March 30, 2014 at 3:00 PM Comments comments (0)
Der König hatte zu Alsheim am Alt-Rhein, ohnweit Gundersblum, sein Quartier genommen, nachdem sich der französische General Houchard endlich auch von Alzey wegretiriret hatte: denn nun hielt man sich vor den Franzosen ganz sicher. Allein es stand noch ein Haufen bei Oppenheim, welcher zu Cüstines Armee gehörte, und in der Nacht
vom 30 zum 31sten März durchbrechen und eine Anzahl von Kostbarkeiten aus Mainz nach Landau bringen wollte. 

Als sie vollends erfuhren, dass der König von Preußen sein nur schwach besetztes Hauptquartier in Alsheim habe, so wurden sie voll Muth und beschlossen, dasselbe anzugreifen und den König gefangen zu nehmen. Diese Absicht hätten sie auch erreichen können, wenn nicht Merlin, der Repräsentant, dem General Blou das Kommando genommen hätte. Dadurch nämlich entstand Zwist unter den Nationalgarden und Linien-
truppen, wie die französiſchen Truppen damals und noch lange hernach hießen; und dieser Zwist verdarb den ganzen Plan. So stark die Franzosen anfänglich auch marschiert waren, so lass wurden sie jetzt und ließen sich auch noch zu einer Kanonade
gegen eine in aller Eile bei Hangen-Wohlheim aufgeworfnen Batterie verleiten, und drangen nicht vor. Sie hatten aber auch nicht Raum, sich auszudehnen, und wichen sehr bald nach Mainz zurück, ob sie gleich 8000 Mann stark gewesen sein sollen, da gewiss noch keine 2000 Preußen, alles mitgerechnet, gegen sie da waren. 

Bei diesem gefährlichen Anfall bewies sich unser König, wie sich ein König beweisen muss, der Soldaten im Kriege anführt. Bei der Nachricht, dass er überfallen sei, erblasste er zwar etwas und sagte: Hm, hm, das ist doch des Teufels! Aber sogleich gab er Befehle zur Vertheidigung und zwar so treffend, und anwendbar, dass seine Anstalten den erwünschten Erfolg haben mussten. Das Regiment Wolfrath, oder die braunen Husaren haben sich bei dieſer Gelegenheit besonders gut ausgezeichnet: Die Franzosen aber haben auch nicht viel Verlust gehabt. 

Wir lagen indessen in guter Ruhe in den Dörfern, und erfuhren erst den andern Tag, in welcher Gefahr unser König gewesen war. „Gott, was wäre das ein Unglück gewesen, sagte ein Offizier ganz laut, wenn der König wäre gefangen worden!“ Ein alter Major erwiederte hierauf: „Wer weiß auch, Herr Leutnant, obs ein großes Unglück gewesen wäre! Wäre der König gefangen und nach Landau gebracht worden, so hätte der Krieg in kurzem ein Ende. Wer weiß, ob die Fortdauer desselben nicht noch tausend Elend über Deutschland und über die ganze Welt bringt!“ Der gute Mann hatte nicht übel gesprochen.

# 30. März 1793: Framersheim - vergnügliche Begegnungen in der Heimat

Posted on March 30, 2014 at 11:49 AM Comments comments (1)
Unser Regiment, welches zu keiner eigentlichen Attacke gekommen war, ob es gleich, wie die andern alle, dem Feinde mitnachrennen musste, kam den 30ten März nach Framersheim, wo wir über Nacht blieben. 

In diesem Orte ist mein Vetter Laukhard Pfarrer, eben der, welcher ehedem mit
Doctor Bahrdt zu Heidesheim in Verbindung gestanden war. Ich war recht froh, diesen ehrlichen Mann, der sich immer als mein Freund bewiesen hatte, wieder zu umarmen. Er lebt recht glücklich mit einer schönen, ehrwürdigen und vernünftigen Frau, welche den Beifall aller unsrer Compagnie-Offiziere, besonders meines Hauptmanns, des Hn. von Mandelsloh, in allen Ehren erhalten hat.

Sie strafte mich im Scherze, dass ich in meinen Beiträgen zu D. Bahrdts Lebensbeschreibung ihren Vater, den Superintendenten von Dürkheim, Bahrts Vorfahr, Lucerner genannt hätte, da doch sein Name Luerne gewesen wäre. Als ich ihr aber sagte, daran sei nicht ich, sondern der Korrektor Schuld, so gab sie sich zufrieden. Sie bewirtete meinen Hauptmann, dessen Compagnie-Offiziere und mich sehr vornehm und köstlich. 

Erinnerungen...
In Framersheim hatte ich ehedem mehrmals gepredigt, und da ich fixweg perorirte, was ich in einem alten oder neuen Kanzeltröſter auswendig gelernt hatte, dabei auch stattlich auf die Kanzel schlug und nicht aus dem Buche ablas, so hatte ich mich bei den Leuten dort in nicht üblen Credit gesetzt.

Als sie nun hörten, dass ich bei den Preußen sei, und in ihrem Orte Quartier habe, kamen sie haufenweiſe zu mir, begafften mich, und wunderten sich höchlich: „dass ein so grausam, so abscheulich und entsetzlich gelehrter Mensch könnte Soldat sein!“
Ein alt Mütterchen drückte mir herzlich die Hand, und sagte: „ach lieber Herre, was hat er mei'm Hans Kaschper ä erschrecklich hübſch Leichpredig gehall! Eich dank ehm noch tausendmol devor.“

Ich bin auch bei diesen guten Leuten recht vergnügt gewesen.

# 28. März 1793: Ruhetag in Stromberg - Touristinformation über Stromberg und Literaturkritik und Presseschelte - weiter geht's über Kreuznach, Wendelsheim, Odernheim, Steinbockenheim, Flonheim Alzey - Franzosen auf panischer Flucht

Posted on March 30, 2014 at 11:30 AM Comments comments (1)
Unſer Regiment hatte den 28ten März in Stromberg Ruhetag. Stromberg ist eine alte, unansehnliche Stadt, worin man an hellem Tage den Hals brechen kann: so bergig, klippig und uneben ist alles. Das dabei stehende alte Schloss, woselbst sich die Franzosen postirt hatten, war ehedem der Sitz des Fust von Stromberg, welchen mein
Landsmann, der Hofgerichts-Rath Meier, durch ein treffliches Schauspiel unsterblicher gemacht hat, als eine gewisse historische Sudelei den braven Hermann Riedeſel je machen kann. Doch zum Schreiben dicker Bände gehört oft weit weniger Genie, als zu Einer Scene in einem guten Drama. 

Die von einem panischen Schrecken ergriffnen Franzosen flüchteten sich von Kreuznach nach Alzey zu: bei Wendelsheim, eben dem Orte, wo ich geboren bin, holten unse Husaren sie ein, und jagten ſie weiter. Es liegen dort herum viele
Franzosen, aber auch mehr als ein Preuße begraben. 

...indem sie nichts entscheiden und doch Menschen kosten
Ich übergehe alle Vorfälle, wodurch wir Meister des ganzen Rheinstroms in so kurzer Zeit geworden sind: sie sind hinlänglich beschrieben, und iallen Zeitungen so sehr ausposaunt worden, dass selbst Preußen, die dem ganzen Kazenjagen beigewohnt hatten, lächelten, wenn man Kleinigkeiten z. B. die Bagatelle bey Odernheim, den winzigen Anfall auf dem Rindertanz ohnweit Steinbockenheim, das Plackern bei Flonheim u. dgl. für große signalisierrte Viktorien ausgab. Man muss aus dergleichen Dingen nicht viel Aufhebens machen, weil sie es nicht verdienen, indem sie nichts entscheiden, und doch immer Menschen kosten. 

Die Franzoſen zogen sich in aller Eile zurück, und warfen auch noch mitunter ihre Gewehre und anderes Geräthe weg. Sie waren schlecht angeführt, hatten keinen Plan und konnten auf alle Fälle — nur verlieren. Blieb ihnen nur Mainz, oder konnten sie es dereinst entsetzen, so mussten die Preußen alle wieder über den Rhein, und die Fran-
zoſen waren wieder Meister des Stroms und des ganzen Landes.

# Ende März 1793: Begebenheiten bei Stromberg, Bingen und Kreuznach

Posted on March 30, 2014 at 10:58 AM Comments comments (2)
Ich kann mir es noch nicht recht erklären, warum die Franzosen uns so ganz ungehindert über den Rhein gehen, und bis Kreuznach und Stromberg vorrücken ließen. Es war wohl blos Sorglosigkeit ihrer Anführer, und gar zu großes Zutrauen des Generals Neuwinger auf seine Schanze bei Kreuznach und auf die Postierungen bei Stromberg und Bingen. 

Bei Stromberg und Bingen kostete es den Preußen wenig Mühe, die Franzosen wegzujagen: ein panischer Schreck hatte sie einmal befallen. Der Leutnant Govin vom Bataillon Schenk, jetzt Wedel, den ich von Halle aus persönlich kannte, verlor ohnweit Stromberg sein Leben. Er hätte sich durch die Flucht oder durch Ergebung an die Franzosen retten können, aber er wehrte sich, bis er der Übermacht erlag. Selbst der Feind hat von diesem jungen Helden mit Achtung und Bewunderung gesprochen. Ich erzählte lange hernach die bewiesene Tapferkeit dieses Offiziers in Gegenwart eines französischen Hauptmanns in Lyon, und der sagte: "Une belle mort, vraiment! mais plus belle encore, s'il, avoit peri pour une meilleure cause", oder: Wahrlich, das war ein schöner Tod; aber er würde schöner sein, wenn der Offizier für eine bessere
Sache gestorben wäre — gerade wie es von dem Tode des Catiliana heißt: pulcherrima equidem morte, si pro patria occubuisset: Doch dieses ohne Vergleich! Catiliana war ein Feind seines Vaterlandes; Govin ein getreuer Verfechter der Ehre seines Königs!

Bei Kreuznach an der Nahe oder Nohe wichen die Franzosen bald, so sehr sich auch Neuwinger bemühte, sie zum Stehen zu bringen. Er selbst wurde gar sehr und gefährlich mit Säbelhieben verwundet, und fiel so in unsre Hände. Unsre Husaren konnten dieses Generals Tapferkeit und unerschrocknen Muth nicht genug rühmen, meinten aber
doch, wenn er ein Franzose gewesen wäre, so hätte er wohl so brav nicht gethan, aber ein Deutscher, das wäre eine andre Sache! Die guten Husaren lernten aber noch vor dem Ende der diesjährigen Kampagne auch die Franzosen kennen!

Neuwinger wurde nach Stromberg gebracht, und daselbſt sogar wider seinen Willen verbunden und recht gut besorgt. Unser König, der jede Tugend schäzt, er finde sie an Freund oder Feind, befahl, dass man den braven Neuwinger, das waren seine eignen Worte, eben ſo behandeln sollte, als wenn Er es wäre. — Cüstine hat diesen Mann hernach zu Paris angeschwärzt, und besonders den Verlust der Kreuznacher Schanze ihm zugeschoben...


21. März 1793 Caub: Unser Zug über den Rhein - touristische Informationen über Bachacharach und Pfalz im Rhein

Posted on March 21, 2014 at 6:45 PM Comments comments (1)
Den 21. März brachen wir endlich auf und marschierten abwärts, um den Rhein bei Caub zu passieren. Caub ist eine alte Stadt und gehört dem Kurfürsten von Pfalzbayern. Sie ist berühmt wegen ihrer Schiefergruben und besonders wegen des dortigen guten Weinwuchses. Die Einwohner zu Caub sind aber grobe, ungeschliffene Menschen, sprechen eine Sprache, ärger als die Hunsrücker und hassen einander gar mächtig wegen der Verschiedenheit ihres Glaubens. Die Preußen, welche bei Lutheranern einquartiert waren, hatten es gut, diejenigen aber, welche bei Katholiken lagen, wurden von diesen als Ketzer angesehen und schlecht behandelt. Es giebt aber unter den Weibsleuten zu Caub, wie uͤberhaupt dort in den gebürgigen Gegenden, ganz artige Gesichter, gern das Verdienſt um ihr Vaterland eingeräumt.

Bey Bacharach war eine Schiffbrücke über den Rhein geſchlagen, die wir passierten. Eine andere war bey St. Goar, aber wegen der Franzosen konnten wir dieſe zum Übergehen nicht benutzen. Auch hätten ſie uns bey Bacharach den Weg versperren können, wenn sie aufmerksam genug gewesen wären. Aber unser Glück wollte, dass sie in den Gebürgen die Pässe nicht besezten, durch welche unser Zug nothwendig gehen musste: und so kamen wir binnen einigen Tagen glücklich auf die Höhen jenseits des Rheins.

Bacharach ist eben, wie Caub, eine uralte schmutzige Stadt, und eben so berühmt wegen ihres vortrefflichen Rheinweins. Gleich neben der Stadt stand vorzeiten die Residenz der alten Pfalzgrafen am Rhein, und eine Strecke unten, mitten im Fluss, steht auf einer Insel ein Wachtthurm, welcher den Namen, die Pfalz, noch führt, und sonst der Wittwensitz der Pfalzgräfinnen war. Der verstorbene Heidelberger Rektor Andreä hat eine lesenswürdige Abhandlung Baccararum palatinum geschrieben, worin der Liebhaber der Alterthümer
und der Naturgeschichte manches zu seinem Unterrichte und Vergnügen finden kann.

März 1793 im Hessischen: Des Soldaten neue Kleider...

Posted on March 12, 2014 at 5:06 PM Comments comments (1)
Schade war es für unsere Leute, dass die neue Montur gerade erst den Tag vor dem Abmarsch ausgegeben wurde; denn die alte konnte man doch nicht mitnehmen und zum vorteilhaften Anbringen war keine Zeit mehr. Man musste sie also an die Juden verkaufen, wie man nur konnte.

Als unsre Leute wieder gekleidet und mit ihrem Zubehör hinlänglich versehen waren, so schien es, dass sie wieder neuen Mut bekommen hatten. "Nun sind wir gekleidet", hieß es, jetzt können wir die Franzosen nur wieder angreifen." 

Aber die Klügeren unter uns meinten, dass die neuen Röcke auch wieder alt werden würden und dass man die Gewehre wohl abermals von sich werfen könnte. Das Ende eben des Jahres 1793 hat diese traurige Weissagung wahr gemacht.

# 21. Januar 1793 Paris: Louis VI. hingerichtet - Diskussion in der preußischen Armee

Posted on January 21, 2014 at 5:48 AM Comments comments (1)
Die  Hinrichtung  des armen  LudwigsXVI.  verbreitete, sobald sie bekannt wurde - und das wurde sie sehr bald - in der ganzen Armee anfänglich Schreck und Unwillen gegen ein Volk, welches sogar seinen König hätte hinrichten können.

Nun hieß es, kann es den Franzosen nicht mehr gut gehen. Nun muss Gottes Zorn und Rache sie verfolgen, man wird das bald genug sehen. In allen Gesellschaften, in allen Wirtshäusern und Schenken wurde von nichts gesprochen als von der abscheulichen Hinrichtung des armen Königs von Frankreich.

Aber je mehr man von dieser ungewöhnten Trauerszene sprach, je mehr man das Grausende derselben rumierte, desto mehr verschwand das Grässliche derselben und die ruhige Untersuchung darüber folgte auf die Deklamationen. Viele meinten, die Franzosen müssten doch wohl Ursache gehabt haben, so was vorzunehmen. Es müssten doch auch gescheite und gewissenhafte Leute in Paris sein.

Höchst: Während dieser Zeit war ich im "Schwan", einem Gasthofe zu Höchst mit Herrn Ruff. Das Gespräch kam von Ludwig XVi. auf die je hingerichteten Könige. Ich sagte, dass ihrer nur drei bekannt wären, welche durch das Gesetz seien hingerichtet worden: Agis von Lakedämon, Karl I. von Großbritannien und Ludwig XVI. von Frankreich. Tausend Monarchen seien zwar ermordet worden nach dem bekannten Spruch des Juvenalis:

       Ad generum Cereris sine caede et sanguine pauci
       descendunt reges, et sicca morte tyranni,

mir sei aber doch kein Exempel von gesetzlich hingerichteten Königen weiter bekannt als von den drei angegebnen, "Was den Lakedämonier belangt", fuhr ich fort, "so war der ein Untertan der Gesetze und folglich auch der Poenalverordnungen. Seine Hinrichtung war zwar höchst ungerecht, denn Agis war unschuldig, aber es war doch keine Frage in jener Republik, ob man den Vorsteher derselben, welchem man sehr uneigentlich den Namen König gab, hinrichten könnte, sobald er nach den Gesetzen des Todes schuldig wäre erkannt worden. Zu Lakedämon wurde Agis durch ein altes Gesetz verurteilt und nicht durch eine Verordnung, welche erst bei einer Volksrevolution wäre gemacht worden.

König Karl I. in England wurde zwar unter gerichtlicher Form getötet, aber die, welche sich über ihn zu sprechen erkühnten, waren nicht die englische Nation: es waren die Anhänger des Cromwell und seiner Partei. Die Nation hatte diese Fraktion nicht als eine Vertreterin ihrer Rechte aufgestellt. Folglich konnte dieselbe auch nicht das Todesurteil über Karl I. sprechen, ihr Spruch war folglich ungerecht. Und so schuldig dieser Prinz auch sein mochte, so war doch seine Ermordung eine grausame Ungerechtigkeit und ein schröcklicher Eingriff in die Rechte des englischen Volkes.

"Aber mit Ludwig XVI.", fuhr ich weiter fort. "scheint mir das Dimg eine andere Bewandtnis zu haben. Der Nationalkonvent oder die Nationalversammlung vertrat wirklich die ganze Nation und hatte folglich das Recht, Gesetze zu machen, ohne jemand - selbst den König nicht ausgenommen - um Rat zu fragen.

Dieses Gesetz, dass das Volk, durch die Nationalversammlung repräsentiert, eine Änderung in der Regierungsform machen könnte, hatte selbst der König angenommen und sanktioniert. Von nun an war also die Souveränität des Königs aufgehoben, d.i. er wurde dem Gesetz oder allem aus dem Rechteder Natur und der Menschheit hergeleiteten und herzuleitenden unmittelbaren Regeln des öffentlichen Gouvernements unterworfen.

Ludwig XVI. war also, was eigentlichjeder wahre König nur sein sollte, gesetzlicher Verwalter der Nationalkraft nach dem Nationalwillen oder nach den Gesetzen, welche die Nation selbst entworfen und gut geheißen hatte. Verwaltete er nun sein Oberstaatsamt nach dem allgemeinen Staatswillen, so tat er seine Pflicht und war des Gehorsams, der Ehre und seiner Besoldung bei der französischen Nation sicher und wert, denn jetzt erfüllte er den Nationalkontrakt und war das, was er der nach demselben der Nation zu sein feierlich geschworen hatte.

Handelte er aber dawider, besoldete er nach der Zivilliste, wie man ihn beschuldigte, die rebellischen Emigrierten. Und war er mit den Feinden der Nation gegen die Nation sogar einverstanden, so war er der erste, der den Nationalkontrakt brach, der sich selbst seiner Vorzüge nach demselben verlustig machte, der als der erste Meineidige und Hochverräter an der Nation dieser für seine gesetzwidrigen Handlungen verantwortlich blieb, der also den Nationalrepräsentanten es zur Pflicht machte, ihn vor ihr Gericht zu ziehen, die Nation war vor ihm zu sichern, seine Handlungen zu untersuchen und seine Vergehungen nach dem Nationalwillen zu bestrafen.

Ich weiß zwar recht wohl", setze ich hinzu, "dass 1789 ein Gesetz in Frankreich gemacht ist, nach welchem der König unverletzbar sein sollte. Allein dieses Gesetz konnte allemal, wie jedes andere, geändert und abgeschafft werden, sobald die Nation als die eigentliche und rechtmäßige Gesetzgeberin einsah, dass es dem öffentlichen oder allgemeinenWohl zuwider war. Hieraus ergibt sich nun von selbst, dass Ludwig XVI. vor das Gericht des Nationalkonvents gehörte und die einzige Frage wäre noch aufzulösen, ob er wirklich Staatsverbrechen begangen habe, welche den Tod verdienten, um auch seine Hinrichtung vollkommen zu rechtfertigen. 

Ich will dem armen Ludwig keine Verbrechen schuld geben - denn ich habe die Akten seines Prozesses nicht gelesen* - aber behaupten muss ich, dass der Konvent das forum competens war, wovon er gerichtet werden musste. Und da dieser die Nation vertrat, so wissen die, welche von einer Appellation an das Volk reden, nicht recht, was sie wollen.

Überhaupt, ob ein Volk seinen Souverän richten könne", fügte ich hinzu, "scheint sogar zu den despotischen Zeiten der römischen Kaiser kein Problem gewesen zu sein. Der römische Senat oder die Repräsentanten des römischen Volkes erklärten den Claudius Nero für einen Feind des Vaterlands und bestimmten ihn zum Tode.

Kurz, die Geschichte wie der gesunde Menschenverstand lehrt, dass bei jeder wohl rechtmäßig eingerichteten Menschenregierung der Regent seinen Untergebenen verantwortlich bleiben muss, indem es wider die Pflicht eines jeden und aller sein würde, sich unbedingt und wider das natürliche Recht zur Freiheit jemanden zur willkürlichen Behandlung ohne alle Rücksprache zu unterwerfen."

Ich ließ mich damals noch weitläufiger über diese wichtige und zu der Zeit sehr interessante Materie aus. Ein Offizier von der Kavallerie, ein Rittmeister, saß in einiger Entfernung von mir und schien eben auf meine Rede nicht sehr zu merken.

Rödelheim: Einige Tage hernach kam ein Reiter und bat mich, zu seinem Herrn nach Rödelheim zu kommen. Hier fand ich meinen Rittmeister, den ich nicht nennen will, um ihn nicht in den Verdacht der Jakobierei zu bringen, nebst noch andern Offizieren. Diesen Herren musste ich mein ganzes System - so wie ich mir es damals geformt hatte . weitläufig bei einem Glas Rheinwein erklären. Sie schienen mit meiner Behauptung und Auseinandersetzung zufrieden, nur warnten sie mich, behutsam damit zu sein; denn von preußischer Seite, meinten sie, müsse man sich wenigstens noch immer stellen, als wenn man schrecklich böse auf die Buben wäre, welche ihren König hingerichtet hätten.

*Man wolle es nicht außer Acht lassen, dass ich dies im Winter 1793
vortrug, folglich von dem noch nicht Gebrauch machen konnte, was ich 
nachher in Frankreich über Ludwig XVI. erfuhr.

Unsere Armee hatte an allem entsetzlichen Verlust gelitten, besonders an Mannschaft. Man musste daher schlechterdings die Regimenter wieder suchen vollzählig zu machen und dazu wurden die jungen Leute von den Depots genommen. Diese Depots sind sozusagen die Pflanzschulen der Regimenter und dienen zugleich zum Unterbringen der Soldaten, welche nicht mehr dienen können. Diese Einrichtung war vor der Regierung des jetzigen Königs unbekannt und hat sowohl ihre Vorteile als ihre Nachteile.

Recht eifrig sorgte unser König für anständige Kleidung des Heeres und für Wiederanschaffung aller verdorbenen und zugrundegegangenen Gerätschaften. Auch wurden die Pferde wieder ersetzt, welche teils auf dem Feldzuge geblieben, teils den Winter über so zahlreich nachkrepiert waren.

# 6. Januar 1793 Hochheim: ...nicht mehr französisch - Lügen über die wahre Lage der Preußen und Franzosen

Posted on January 5, 2014 at 6:30 PM Comments comments (1)
Am 6. Januar 1793 schlugen die Preußen die Franzosen bei Hochheim und von dieser Zeit an wurde Hochheim von unsern Truppen besetzt. Die gefangenen Franzosen wurden mit Trommeln und Pfeifen durch die Dörfer und Städte bis nach Frankfurt gebracht und dem Janhagel stand es in allen Orten fei, diese Gefangenen mit Schreien und Schimpfen zu insultieren.

Die Frankfurter, eine äußerst neugierige und fabelhafte Nation, zogen ihnen zu mehreren Tausenden entgegen und begleiteten sie mit unbändigem Geschrei und Jubel bis in die Stadt. Einige schmissen sogar mit Steinen und Kot auf sie.

Ich war selbigen Tag gerade in Frankfurt bei meinem Freund Dambmann und ärgerte mich recht sehr über den Unfug, den der vornehme und geringere Pöbel an den Kriegsgefangenen beging.

Die Lügen über unsre und der Franzosen Lage wurden so allgemein bei uns, dass man alle Tage widersprechende Nachrichten hörte, welche von kurzsichtigen, müßigen Köpfen erfunden und von andern ebenso verschraubten Märchenbrütern verbreitet und geglaubt wurden. 

Ich widersetzte mich immer, so viel an mir war, diesen elenden Nachrichten und suchte meinen Bekannten nach meiner Einsicht wahrere und gründlichere Vorstellungen von den verschiedenen Verhältnissen beizubringen, welche ich damals zwischen uns und den Franzosen bemerkte. 

Da ich bei diesen Gelegenheiten manches Wort zugunsten der Neufranken, ihrer Konstitution und des Mutes der Soldaten fallen ließ, so wurde ich auch jetzt wieder allgemein Patriot genannt und für einen Anhänger der Franzosen ausgeschrien. Meine Vorgesetzten, besonders der Herr Major von Wedel und der Herr Hauptmann von Mandelsloh, waren einsichtige, brave Männer, welche selbst einsahen, dass unsere Lage so gut eben nicht und die der Franzosen bei weitem nicht so schlimm war, als man in den Zeitungen ausschrie. Sie ermahnten mich aber, behutsamer im Reden zu sein und jedesmal zu untersuchen mit dem ich es zu schaffen hätte. Dieser Rat war klug und ich habe ihn auch meistens befolgt. 

Aber dann und wann riss mich das Feuer der Dispute und meine Überzeugung dennoch so hin, dass ich sogar in Wirtshäusern öffentlich die Partei der Franzosen nahm. Doch habe ich meiner Freimütigkeit wegen bei den Preußen keine unangenehmen Folgen empfunden.

Unter anderm Tross, welcher, um etwas zu verdienen, der Armee nachgefahren war, befand sich auch eine Bande Marionettenspieler, welche dort herum den hohen und niedern Pöbel mit Fratzen amüsierte. Das Meisterstück dieser Bande, deren Direktor der Sohn des ehemaligen Hofrats Schott war, war eine Farce, betitelt "Der betrogene Custine". Hier beging Custine mit seinem Bediensteten, dem Hanswurst, allerhand Gräuel. Da sah man Morden, Brennen, Sengen, Notzüchten, schwangern Weibern den Bauch aufschneiden und so fort. Hierauf erschien ihm ein Engel und ermahnte ihn, Buße zu tun und den Rosenkranz zu beten. Custine aber lässt den Engel zur Tür hinausschmeißen. Eben dieses widerfährt dem Tode. Endlich kommt der Teufel, macht "burr, burr" und zerreißt den Custine in tausend Fetzen.

Dieses elende Zeug und mehreres von derselben Art, dessen Gegenstand aber allemal die Franzosen waren,wurde in Frankfurt, Höchst, Rödelheim und an andern Orten häufig gespielt  und von Herren und Damen, von Mamsellen und Huren beklatscht und belacht, bis endlich einige Herren Generäle, worunter auch Herr von Thadden war, das Unanständige dieser öffentlichen Beschimpfung eines feindlichen Generals und seiner Nation fühlten und den Spaß verboten. Die Marionettenspieler ließen nun den "Custinus" und legten sich aufs Zotenreißen, welches ihnen nicht minder einbrachte.  



wird fortgesetzt