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# 5. Oktober 1792 Besancy: Ruhetag – Ankunft ohne Gewehr und Patronentaschen

Posted on October 4, 2013 at 10:11 PM Comments comments (3)
Den Tag nach diesem scheußlichen Marsch war Ruhetag; man musste nämlich Halt machen, um den zurückgebliebenen Leuten Zeit zu lassen, sich wieder zu sammlen. Hier sah man das erste Mal viele ohne Gewehr und Patronentasche ankommen. 

Die armen Leute hatten schon vollauf Mühe, nur ihren Körper fortzuschleppen, warfen also die Waffen weg, unter deren Last sie sonst hätten erliegen müssen. Einige schmissen sogar ihre Tornister fort. 
 
Der König selbst hat auf diesem jämmerlichen Rückzug allen Soldaten, die er durch Hunger, Kälte, Regen und Ruhr abgemattet und wie Skelette gestaltet einzeln unterwegs antraf, den Rat gegeben, ihr Gewehr wegzuwerfen, mit dem Zusatz: er wollte ihnen schon wieder andere schaffen. Eben dieses rieten den abgematteten Kriegern alle Generale und Offiziere, in deren Busen noch Menschlichkeit rege war. 

An diesem Ruhetag nahm Herr von Mandelsloh mich mit in das Dorf Besancy, um einigen Vorrat aufzusuchen, der jetzt äußerst selten geworden war. Ich war hier glücklich, das Haus eines ehrlichen Bauern durch des Herrn von Mandelsloh nachdrückliches Verwenden gegen die Anfälle der Soldaten vom Regimente Woldeck vor der Plünderung und dessen Scheune vor dem Furagieren zu schützen, und dieses versüste mir nachher die Beschwerlichkeit des äußerst kotigen Weges, wenn ich so ging und dachte an das "Homo homini lupus"...

# 4. Oktober 1792 Besancy: Abscheulicher Marsch – Grässliches Schauspiel

Posted on October 3, 2013 at 8:03 PM Comments comments (1)
Den 4. Oktober war ein ganz abscheulicher Marsch. Wir waren schon sehr früh aufgebrochen, aber der jämmerliche Weg hinderte das Geschütz vowärtszukommen, also mussten wir bis in die späte Nacht unterwegs bleiben und uns von dem unaufhörlichen kalten Regen bis auf die Haut netzen lassen. Spät in der Nacht, ungefähr nach 10 Uhr, kamen wir auf dem Platz von Besancy an, wo wir unser Lager schlagen sollten, oder vielmehr es kam nur ein großer Teil unsrer Armee dort an; denn gar nicht viele waren zurück geblieben, teils, weil sie nicht mehr fort konnten, teils auch, weil sie sich in der stockdunklen Nacht verirrt hatten. 

Hier sah ich ein grässliches Schauspiel. Der Packknecht des Herrn Leutnants von Baschwitz war vor Mattigkeit in einen Weinberg gekrochen und dort eingeschlafen. Ein Offizier vom Regiment Wolldecke ritt eben auch da durch und sein Pferd trat dem armen Kerl auf die Brust, dass ihm das Blut zum Munde herausquoll. Wahrscheinlich hatte der Offizier diesen Unfall nicht bemerkt. Der Packknecht wurde unter unaufhörlichem Jammern eine Strecke vorwärts getragen, um ihm Hilfe zu Schafen. Aber vergebens: es fehlte an Wagen, worauf man Kranke hätte legen können. Man setzte ihn also ab und ließ ihn unweit dem Wege liegen, wo er wahrscheinlich gestorben ist. Wenigstens hat man ihn nicht mehr gesehn. 

Ein anderes Unglück traf auf demselben Marsche einem Artilleristen, dem beide Beine  durch das Umwerfen einer Kanone zerschmettert wurden; auch dieser ist im Kote liegengeblieben und gestorben.

# 3. Oktober 1792 Lothringen: Wieder Regen – Bedrückende Stille

Posted on October 2, 2013 at 6:27 PM Comments comments (2)
Das Wetter war anfangs recht gut, nämlich vom 29. an, allein am 3. Oktober  fiel wieder das Regenwetter ein und nahm kein Ende, solange wir noch in Frankreich schleppten.

Der Soldat im Lager ist gewöhnlich lebhaft und munter. Er singt und treibt sonst allerlei, um die Zeit hinzubringen und das Lästige zu vergessen. Aber in den Lagern, welche wir auf dem Rückzuge aus Frankreich aufschlugen, herrschte Totenstille: kein lautes Wort hörte man, wenn nicht hie und da einer fluchte oder mit seinem Kameraden zankte. Freundlicher Zuspruch war ganz außer Mode.

# 30. Oktober 1792 bei Valmy: Rückzug angeblich siegreich – Selbst denken nicht verboten!

Posted on September 29, 2013 at 6:46 PM Comments comments (0)
…und am 30. ging’s wirklich – zurück.
Man hatte in der ganzen Armee ausgesprengt, der Friede mit Frankreich sei gewiss und die Franzosen hätten sich ergeben, d. i. den alten Despotismus wieder angenommen. Wir hätten also in Frankreich nichts weiter zu schaffen und wären jetzt auf dem Wege nach Hause. 

Häh??? (wie der Pfälzer sagen, selbstverständlich niemals schreiben würde)
Mir kam das Ding gleich spanisch vor, weil ich nicht begreifen konnte, wie eine Nation, welche einen 10. August und einen 2., 3., und 4. September mit Schrecken gehabt und gefördert hatte, sich hätte ergeben können, zumal, da die Armee, welche sie hatte demütigen wollen, damals selbst gedemütigt und ihr also nicht mehr fürchterlich war, auch es nicht mehr werden konnte. 

Selbstdenkende im Dialog
Ich teilte meine Bedenklichkeiten einigen Männern im Regimente mit, welche auch Selbstdenken gelernt hatten, und diese gaben mir, nachdem ich ihnen alle meine Gründe vorgelegt hatte, recht. Besonders erinnere ich mich der guten und geraden Einsicht des Herrn Leutnant von Drygalsky, der schon, ehe wir aus dem Lager bei Hans aufbrachen, einen Einfall der Franzosen in Deutschland mit mir gleichsam als gewiss vermutete. Es wurde uns zwar stark widersprochen, aber leider: bald erfuhr man, dass wir uns nicht geirrt hatten. 

Sicher in Preußen – sicher in Österreich
Ich habe dringende Wahrheiten nie ganz in petto halten können. Und da ich immer nicht gleichgesinnte Menschen um mich hatte, so wurde ich bals als Patriot, bald als ein Jakobiner, dann als Demokrat und wer weiß noch alles ausgeschrien. Aber geschadet hat mir mein freies Gerede niemals; denn im preußischen Heere sind Männer genug, die auch wissen, wo Bartel den Most holt, und bei diesen und durch diese war ich immer sicher. 

Überhaupt muss man bemerken, dass der preußische Offizier sich es erlaubt, über dergleichen öffentliche Gegenstände selbst frei zu denken, und sich nicht scheut, seine Gedanken auch zu sagen, gesetzt auch, er vermute eben nicht viel Gutes, 

Der Österreicher ist hierin anders gesinnt, der glaubt steif und fest, sein gnädigster Kaiser müsse halter gewinnen, der sei halter unüberwindlich! Und sowas macht sicher ...

#29. September 1792 bei Valmy: Gefährliche Lage – Diplomatischer Erfolg – Anfang vom Ende

Posted on September 28, 2013 at 6:19 PM Comments comments (1)
Der General von Manstein, ein kluger, erfahrener Mann, fühlte schon im voraus die traurigen Folgen auf jede glimpfliche Art zu besänftigen, allein Dumoriez blieb unerbittlich, bis endlich der Herr Graf von Kalckreuth nach seiner ihm ganz eignen Klugheit durch seine überzeugende und gewandte Beredsamkeit bei Dumouriez und den übrigen fränkischen Heerführern so viel bewirkte, dass man Preußen – abziehen ließ. 

Es stand wahrlich bei den französischen Generalen, ob sie die Preußen abziehen lassen oder ob sie dieselben gefangen nehmen wollten. Warum sie das letzte nicht taten oder wenigstens den Rückzug nicht noch mehr erschwerten, ist mir ein Rätsel, welches aber zu seiner Zeit vielleicht noch gelöst werden dürfte. Herr Graf von Kalckreuth könnte den besten Schlüssel dazu hergeben. Niemals aber ist die preußische Armee und ihr guter König in größerer Gefahr gewesen als am 29. September 1792. 

Jämmerlicher Abzug aus Frankreich...
Am 29. September, also an eben dem Tage – man merke das Dringende! – , wo der Herr Graf von Kalckreuth mit Dumouriez Traktaten gemacht hatte, brach unsre Armee schon auf und rückte zurück, oder vielmehr sie änderte nur ihre Position rückwärts...