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# Ende Oktober 1792 im Grenzland: Meuterische Reden – Schuhmacher machtlos

Posted on October 26, 2013 at 1:44 PM Comments comments (0)
Es war schon, ehe wir die Standquartiere verließen, befohlen worden, dass man besonders für gutes Schuhwerk der Soldaten sorgen und hinlänglich dazu mitnehmen sollte, um die abgehenden gleich wieder ersetzen zu können. Aber unsre Herren hatten so für sich auskalkuliert, dass der ganze Krieg wohl nur ein Vierteljahr dauern könnte, und waren eben darum auch in Befolgung dieses Befehls sehr nachlässig gewesen. Die Folgen der Nachlässigkeit in einem so äußerst wichtigen Punkte zeigen sich bald. In der ganzen Armee fingen die Schuhe bei dem scheußlichen Rückzug aus Champagne auf einmal so an zu reißen, dass beinahe kein einziger Soldat gutes Schuhwerk noch hatte. Sogar die Offiziere trugen zerrissene Stiefel und die armen Packknechte gingen vollends gar barfuß.
 
Es war schändlich anzusehn, wie die Preußen da ohne Schuhe durch den Kot zerrten und ihre Füße an den spitzigen Steinen blutrünstig aufrissen, Viele hatten Lappen und Heu um die Füße gewickelt, um sie vor den kleinen scharfen Seinen zu sichern. 

Freilich wurde befohlen, dass alle Soldaten, welche das Schuhmacherhandwerk verstünden und von deren es bei allen Regimentern gibt, arbeiten und die zerrissenen Schuhe wieder ausbessern sollten. Aber was war da auszubessern! Es fehlte ja bei den meisten an Leder, Hanf und Pech. Überdies denke man sich einen Schuster, der im Schlamm und in der Kälte arbeiten soll! Unser Hauptmann gab zwar sein eignes Zelt für die Schuhmacher her und ließ sie darunter arbeiten, nur damit sie Platz haben sollten, und doch fehlten in unserer Kompanie die Schuhe ebenso sehr als in andern. Der Feldwebel Gruneberg hatte immer seine wahre Not, wenn er die Wache kommandieren sollte: von vier Mann hatten allemal drei keine Schuhe und konnten doch barfuß nicht auf die Wache ziehen! 

Der schlechte Zustand des Schuhwesens machte mehr scharfe meuterische Reden bei der Armee rege als selbst der Hunger. Die Soldaten klagten laut und brachten in Äußerungen aus, welche zu jeder andern Zeit wären bestraft worden, aber auf einem Rückzug, wie unser Rückzug aus Frankreich war, mussten unsre Offiziere schon schweigen und die Leute murren und schimpfen lassen. 

Bei der österreichischen Armee war es eben nicht besser, da hatten die meisten auch keine Schuhe und liefen barfuß. Ach die Herren Emigrierten mussten barfuß mit herumlatschen, eben jene großen Herren, welche kurz vorher die Koblenzer, Wormser, Binger und andere Schuster die Schuhe nicht leicht und niedlich genug machen konnten!

# 21. Oktober 1792 Longwy: Abzug aus Frankreich – Fazit: "...nicht nur eine gefährliche Sache, den Krieg mit einem frei gewordenen Volke fortzusetzen, sondern es ist auch selbst für das Interesse der Könige eine höchst absurde, z

Posted on October 20, 2013 at 6:09 PM Comments comments (0)
Sonntags, den 21. Oktober, verließen wir das Lager bei Longwy und marschierten aus dem französischen Gebiete ab.
 
Ehe ich dieses Kapitel schließe, (so bemerkt Laukhard im Rückblick 1796, dem Erscheinungsjahr dieses Bandes seiner Lebenserinnerungen)  will ich den Leser noch auf eine Bemerkung aufmerksam machen – und die ist – dass gerade zu der Zeit, als die verbündete Armee ihre Operationen gegen Frankreich betrieb, die französische Nation ihre monarchistische Staatsform in eine republikanische veränderte und dass eben diese Veränderung im Manifeste des Herzogs von Braunschweig und in dem Anfall der deutschen Armee auf Frankreich ihren Grund gehabt hat, dass folglich eben die Mittel, welche dienen sollten, dem Könige, Ludwig XVI., seine alte despotische Gewalt wiederzubringen, gerade diese Gewalt zernichtet und den Grund zur nachherigen Hinrichtung dieses Fürsten gelegt haben. 

Hieraus folgt nun unwidersprechlich, dass eben der Krieg der fremden Potentaten gegen Frankreich die Freiheit dieses Reichs gegründet hat, dass folglich diese Freiheit so lange bestehen muss, als der Krieg währet; denn im Kriege liegt ja ihre Entstehung oder zumindest der zureichende Grund ihres ersten Daseins.
 
Da nun, wie aus der Geschichte aller Zeiten erhellt, die Freiheit im Kriege allemal Enthusiasmus ist, Enthusiasmus aber entweder erst mit seinen Helden zugrunde geht, wie dort mit Leonidas und seinen braven Brüdern bei Thermopylä, oder seinen Feind mutig besiegt, wie im Miltiades bei Marathon, so ist es nicht nur eine gefährliche Sache, den Krieg mit einem frei gewordenen Volke fortzusetzen, wie die Begebenheiten von 1792, 93, 94, 95 und 96 nebst der Geschichte der Griechen, Schweizer, Niederländer und Nordamerikaner beweisen, sondern es ist auch selbst für das Interesse der Könige eine höchst absurde, zweckwidrige Sache. 

Denn eben dadurch, dass man ein freies Volk bekriegt, macht man es aufmerksamer, einiger, mutiger, trotziger, folglich tapferer, kräftiger, selbstständiger und zum Widerstände fähiger – die anderen Folgen nicht einmal mitzuzählen, wie da sind, dass die Herren Potentaten sich vergebens erschöpfen, sich der Beschimpfung und Verachtung preisgeben, dadurch selbst bei ihren Untertanen immer mehr an Ansehen verlieren, lächerlich werden, ja nach und nach bei ihnen den Gedanken und den Mut erregen, es der bekriegten aber freien Nation nachzumachen und sich von der oft beschimpfenden und widersinnigen Vormundschaft eines Menschen zu befreien, der wohl leicht selbst mehr als sie eines Vormunds zuweilen noch bedürfe – und dergleichen.
 
Frankreich hat das alles klar und mächtig bewiesen, wenngleich einige politische Querseher ihresgleichen haben weismachen wollen, dass Belladonna und die Guillotine die französischen Soldaten die Gefahren habe verachten und den Feind überall tapfer angreifen machen. Aber wehe über das Hirn dieser armseligen politischen Schlucker!
Tyrannei soll tapfer machen! Braver  Moncey    und du, ehrwürdiger  Dampierre  , edler  Beaurepaire    und all ihr würdigen Verteidiger eures Vaterlandes gegen so viel Feinde – ihr, deren Blut für das hohe Kleinod der Freiheit verspritzt ist, ihr also habt euer Leben aufgeopfert aus Furcht vor der Guillotine? Das können nur die Philosophen, die Höflinge und die Minister zu Schilda glauben! 
 
Aber ein Mensch, der Menschenverstand hat und nur etwas historische Kenntnisse besitzt hat hier andere Gedanken: er denkt, dass Druck und Drang von inkompetenten oder despotischen Richtern notwendig Freiheitssinn erzeugt, dass Krieg diesen Freiheitssinn vermehrt und bis zum Enthusiasmus erhebt und dass dann eine freie Nation wenigstens so lange frei sei muss als der Krieg währt oder als sie noch befürchten kann, dass man ihr die Freiheit rauben wolle. Dieses ist eine goldne Wahrheit, die allen wahren Wesen längst eingeleuchtet hat und endlich auch England einleuchten wird, von welchen Cicero weissagt, wenn er spricht: Eventus stultorum Magister! Man hat das ja schon gesehen. 

Was hoffte man nicht alles im Juli 1792! Man hoffte, dass Frankreich sich sofort ergeben, d. i. den König als souverän wieder anerkennen würde. Man rückte deswegen so schlecht vorbereitet an. Allein je näher die Gefahr für Frankreich erschien, desto mehr hob sich jener Freiheitssinn, der den Republikanern allein eigen ist. Die grässlichen Blutszenen machten den Anfang. Man denke an den 10. August! Die Alliierten erobern Longwy und Verdun und siehe da: in Paris den Auftritt vom 2. September! Endlich erklärt sich die Nation für frei und setzt ihren König gänzlich ab, und das gerade damals, als man zu einem entscheidend sein sollendes Treffen Anstalt machte. Ergo hat ja der Krieg selbst, und zwar der Krieg allein, den Gedanken der Nation rege gemacht: wir wollen frei sein und für unsre Freiheit  leben oder sterben!

# 20. Oktober 1792 Longwy: "...zum erstmal wieder gehörig gegessen und gelabt!"

Posted on October 19, 2013 at 6:06 PM Comments comments (0)
Am 20. war Ruhetag und wir erhielten aus dem Magazin von Longwy Fleisch, Wein, Branntwein und Zwieback. Das war denn wieder zum erstmal gehörig gegessen und gelabt! 

Hier wurden auch die Soldaten wieder munter, denn nun hieß es: noch einen Marsch und wir sind aus Frankreich! Die guten Leute bildeten sich ein,dass, wenn sie nur aus Frankreich wären, alles Elend gleich ein Ende haben würde und bedachten nicht, dass der Same zu unbeschreiblichem Unglück, welches in der Folge auf unser liebes Vaterland fallen musste, schon ausgestreut war und schon Keime gewonnen hatte. 

Mein Hauptmann schickte mich nach Longwy, um einiges für ihn bei einem Tischler machen zu lassen. Der Tischler war ein gescheiter Mann und sprach von den Angelegenheiten der Zeit recht artig und bescheiden, aber sein Schwager, ein Gerber, welchem die Preußen sein Leder genommen und nicht bezahlt hatten, räsonierte bitter und schalt auf die Preußen derb, noch derber aber auf die Österreicher. Ich remonstrierte dem Menschenkinde, dass es unklug sei, auf die Preußen zu schimpfen, da sie noch Longwy in Besitz hätten. 

„Wie“, erwiderte er, „ was haben die Preußen in Besitz? Aus Gnade und Barmherzigkeit lassen wir sie hier durch und da dürfen sie sich nicht dick machen! Ich will den sehen, der einem Franzosen ein Haar krümmen sollte, der würde schön ankommen, wäre es auch euer Braunschweig selbst. Es ist nicht mehr, wie’s vor sechs Wochen war.“ ich merkte, dass der Mensch recht hatte und zuckte die Achseln.

# 19. Oktober 1792 Lonwy: "...vielleicht zittern wir bald vor denen, die sonst vor uns zitterten...Wird einst Frankreich einen Alexander haben, so ist Deutschland seine Eroberung!"

Posted on October 18, 2013 at 8:56 PM Comments comments (2)
Gegen Nacht kamen wir endlich müde und hungrig bei Longwy an. Ich hatte hier so meine eignen Betachtungen, welche ich meinen Kameraden mitteilte. 

„Heute“, sagte ich, „ist der 19. Oktober. Am 23. August haben wir Longwy in Besitz genommen und hofften damals, so leicht wie Longwy ganz Frankreich zu erobern, und schon jetzt müssen wir Longwy zurückgeben und haben Spott und Schande und unersetzlichen Schaden von unserm Einmarsch in Frankreich! So sehr hat sich unser Stolz und Manifesten-Anspruch in acht Wochen demütigen müssen! Ich bedaure hierbei keinen mehr als unsern gutmütigen König wegen der vielen Opfer, die er an Geld, Menschen und Vieh den Emigrierten gebracht hat, nicht nur ohne Nutzen für jetzt, sondern auch mit wer weiß wie noch langem Verlust für die Zukunft. Ach, Preußens Ehre geht mir nahe und vielleicht zittern wir bald vor denen, die sonst vor uns zitterten!“

# 17. Oktober 1792 Chatillon: Bauern greifen zu den Waffen – "payeront de leurs tetes nos vaches et nos oignons!!"

Posted on October 16, 2013 at 7:26 PM Comments comments (1)
Verdun wurde indessen am 14. Oktober dem General Kellermann von uns wieder übergeben... 

Hier standen wir nun bis den 17. ohne Zelte, weil die Bagage unmöglich hatte vorwärts können. Kaum waren einige elende Zelte für den König und die Prinzen aufzubringen. Es regnete diese ganze Zeit über erbärmlich und unsre Armee befand sich in den kläglichsten Umständen. Die hohen Eichbäume wurden abgesägt, gespalten und verbrannt. Die Feuer waren zwar auch hier höllisch groß, doch kaum hinlänglich uns zu erwärmen. Ich entsinne mich nicht, jemals in einer elenderen Lage gewesen zu sein.
  
Wir fanden auf den Feldern einige Kartoffeln, welche denen, die sie fanden, zur Nahrung dienten. Aus den Dörfern wurden auch noch einige Lebensmittel herbeigeschafft, auch schlachtete man das noch vorhandene Vieh und teilte das Fleisch unter den Soldaten.
Es wurde während unsers Stillstands im Walde alles angewandt, das Geschütz und die Wagen fortzubringen. Man ließ noch mehr Kavalleristen absitzen und ihre Pferde vor die Kanonen spannen. 

Ein Korporal kam hier ganz krumm nach dem königlichen Zelte und sah wegen seiner Ruhr aus wie ein Gerippe. Der König stand da und sah mit mitleidig gebeugtem Blick dem übergroßen Elende seines Volkes zu. Als er den Unteroffizier erblickte, sagte er zu ihm: „Wie geht’s, Alter?“
 
Unteroffizier: „Wie Sie sehen, Ihre Majestät, schlecht!“ 

König: „Jawohl, schlecht, dass Gott erbarm! (lange Pause) Die Spitzbuben! 

Unteroffizier: Jawohl, die Spitzbuben, die Patrioten!“ 

König: „Ei was, Patrioten! Die Emigranten, das sind die Spitzbuben, die mich und euch ins Elend stürzen. Aber ich will’s ihnen schon gedenken!“ 

So sah also der gutmütige König jetzt besser ein, wer ihn missleitet hatte. Er hatte das nämliche schon dem Monsieur (dem Grafen von Provence) und dem General Clerfait zu Hans gesagt. „Ihr habt“, waren seine Worte, „mich alle beide hintergangen. Diesmal will ich euch noch aus der Not helfen, worin ihr steckt, aber ihr sollt an mich denken.“ 

Den 17. Oktober brachen wir aus dem Walde von Chatillon, einer ehemals schönen, jetzt aber gänzlich zerstörten Abtei, auf und marschierten auf Longwy zu. Auch dieser Marsch war, wie alle folgenden, abscheulich. 

Das Gewehr, welches unsre Kavalleristen weggeworfen hatten, machten sich an diesem Tage die zusammengerotteten Bauer zunutze, fielen unsern Nachtrab an, schossen einen Husaren tot und nahmen andere noch gefangen. Die Bauern wollten sich wegen ihrer ausgeplünderten Dörfer und wegen ihres Geraubten Viehes rächen. „Ces matins de prussiens“, riefen sie, „payeront de leurs tetes nos vaches et nos oignons.“ Und damit schossen sie los. Die Arrière-Garde der Preußen kam dadurch in große Unordnung. So sehr war unser Mut und Ansehn gesunken, dass elende Lotharinger Bauern uns angreifen und zerstreuen konnten. 

Gefangene werden zurück geschickt
Aber die französischen Husaren befreiten unsre Gefangenen aus den Händen ihrer Bauern und schickten sie uns zurück. Dieser Umstand ist zwar an sich geringfügig, er dient aber doch, die traurige Lage zu beweisen, worin sich damals unsre Armee befand. Hätten die Franzosen uns damals ernstlich angegriffen, als wir im Walde bei Chatillon standen, ich glaube, wir wären verloren gewesen. 

Dass aber selbst die Franzosen unsre damalige Lage genau gekannt haben, erhellt aus folgendem: Eine hessische Patrouille wurde von einer französischen attackiert. Die Hessen wehrten sich verzweifelt, doch wurde ihr Offizier, Herr Leutnant von Lindau, gefangen. Der General Dillon schickte diesen Braven an den Landgrafen zurück mit einem Schreiben, welches ich, seiner Merkwürdigkeit wegen, hier einrücke. 

Als Fürst opfern Sie Ihre Untertanen für eine Sache auf, die Sie nichts angeht
„Ich habe die Ehre, Seiner Durchlaucht dem Landgrafen von Hessen-Kassel den Leutnant Lindau zurückzuschicken. Aus dem Zeugnis, das ich diesem Offizier habe geben lassen, werden Sie ersehen können, dass die allezeit große, allezeit großmütige französische Nation eine schöne Tat zu schätzen weiß und auch an ihren Feinden Tapferkeit hochschätzt. 

Ich rtgreife diese Gelegenheit, Seiner Durchlaucht einige Gedanken vorzulegen, welche Vernunft und Menschenliebe eingeben. Sie können nicht in Abrede sein, dass eine ganze zusammengenommene Nation das Recht habe, sich diejenige Regierungsform, die sie für ratsam hält, zu geben, und dass folglich kein Privatwille den Willen der Nation hemmen könne. Die freie und auf ewig ganz unabhängige französische Nation hat ihre Rechte wieder an sich genommen und ihre Regierungsform abändren wollen, das ist in wenig Worten der Inbegriff desjenigen, was in Frankreich vorgeht. 

Seine Durchlaucht von Hessen-Kassel haben auch ein Korps Truppen nach Frankreich geführt. Als Fürst opfern Sie Ihre Untertanen für eine Sache auf, die Sie nichts angeht, und als Krieger müssen Sie die Lage einsehen, worin Sie sich itzt befinden. Sie ist gefährlich für Sie, Sie sind umringt, ich rate Ihnen, morgen früh den Rückweg nach Ihrem Lande anzutreten und das französische Gebiet zu räumen. 

Ich will Ihnen die Mittel verschaffen, sicher an den französischen Armeen vorbeizukommen, die sich verschiedener Posten, wo Sie durch müssen, bemächtiget haben. Dieser Antrag ist freimütig; ich verlange eine kategorische und förmliche Antwort. Die französische Republik entschuldigt einen Irrtum, sie weiß aber auch einen Einbruch in ihr Gebiet und die Plünderung desselben ohne Erbarmen zu rächen. 

Dillon.
 
N. S. Ich sende Ihnen diesen Brief durch meinen Generaladjutanten Gobert, der auf Ihre Antwort warten wird. ihre Beschleunigung ist dringend notwendig: ich bin im Begriff zu marschieren.“

# 13. Oktober 1792 Stenay: ...noch schrecklicherer Marsch

Posted on October 12, 2013 at 8:47 PM Comments comments (0)
Am 13. Oktober war ein noch schrecklicherer Marsch. Wir konnten in einer Stunde 200 Schritte vorwärts kommen, so ganz abscheulich war der Weg und so sehr hielt uns die Artillerie und Bagage auf. 

Als wir bis auf den Abend gegangen oder vielmehr gekrochen waren, erreichten wir endlich die Stelle, wo wir lagern sollten. Aber kaum hatten wir abgelegt, als wir sofort Order bekamen, vorwärts zu marschieren. Der General Hohenlohe hatte seinen Abmarsch von  Stenay  verfrüht und dadurch unsre rechte Flanke entblößt.
 
Man marschierte fort bis des nachts um elf Uhr, oder vielmehr, die Leute tappten herum in der stockfinsteren Nacht, bis man endlich in einem Hochwalde Halt machte.

Kaum waren einige elende Zelte für den König und die Prinzen aufzubringen. Es regnete diese ganze Zeit über erbärmlich und unsre Armee befand sich in den kläglichsten Umständen. 

Die hohen Eichbäume wurden abgesägt, gespalten und verbrannt. Die Feuer waren zwar auch hier höllisch groß, doch kaum hinlänglich uns zu erwärmen. Ich entsinne mich nicht, jemals in einer elenderen Lage gewesen zu sein...

# 2. Oktoberwoche 1792 Laurraine: Haubitzengräber...

Posted on October 11, 2013 at 5:57 PM Comments comments (0)
Um diese Zeit fing man auch an, die Munitionswagen zu verbrennen und die Kanonen einzugraben. Viele unsrer Offiziere haben vor übertriebener Ehrerbietung dieses zwar nirgend gern eingestanden und ich habe selbst einige dreist behaupten hören, dass die Preußen niemals Kanonen eingegraben hätten und dass es eine Lästerung sei, ihnen dergleichenn Schuld zu geben. 

Aber dieser Einrede ungeachtet muss ich hier bekennen – und jeder Augenzeuge wird es mit mir bekennen – dass diese Sage ihre Richtigkeit hat. Eben in der Gegend von Conconvoix wurde eine Haubitze versenkt und hernach mit toten Körpern überdeckt, damit das Grab der Haubitze für ein Grab menschlicher Leichname angesehen und von den Franzosen nicht untersucht werden möchte. 

In der Folge sind aber, um einer Pest vorzubeugen, von den Franzosen alle Leichen der Preußen in tiefe Löcher vergraben worden und da haben sie denn alles eingegrabene Geschütz entdeckt und zu ihrem Gebrauch um umgegossen. 

Die Märsche an den folgenden Tagen waren alle gleich abscheulich. Die meisten Soldaten leerten ihre Patronentaschen aus und warfen die Patronen weg. Und dieses war ihnen um so weniger zu verdenken, da schon alles Pulver durch die anhaltende Nässe ganz verdorbenen unwirksam gewordener. Ich selbst habe meine Munition weggeworfen und bin bis Montabaur ohne alle Munition gegangen. 
 
Die Pferde stürzten schrecklich zusammen und konnten das Geschütz nicht mehr fortbringen. Da man aber dasselbe nicht alles vergraben wollte, so mussten die Kavalleristen ihre Pferde dazu hergeben. Dies geschah und die Reiter, welche hatten absitzen müssen, warfen nun ihre Gewehre auch weg. Und so sah man Karabiner, Pistolen, Sättel und Kürassiersäbel häufig im Kote herumliegen.

# 10. Oktober 1792 Laurmont: Schlafen ohne Stroh im Schlamm

Posted on October 9, 2013 at 6:13 PM Comments comments (1)
Am 10. kamen wir bei Laurmont ins Lager, aber man konnte hier kein Stroh bekommen, uns drauf zu legen. Die Dörfer waren schon vorher durch Kavallerie von allem Stroh beraubt worden. Wir mussten daher auf der bloßen nassen Erde in den Zelten herumliegen und da es noch obendrein die Nacht stark regnete und das Wasser auch hier wieder in unsere Zelte eindrang, so brachten wir abermals eine ganz abscheuliche Nacht hier zu.

# 9. Oktober 1992 Conconvoix: Für Pferde durfte man damals kein Mitleid haben, man konnte es nicht mal für Menschen!

Posted on October 8, 2013 at 7:47 PM Comments comments (0)
Vom 6. Oktober an marschierten wir einige Tage hintereinander, oder vielmehr wir wateten durch Wasser und Kot bis auf den 9. Oktober. Wegen der gewaltigen Wege und des beinahe immer anhaltenden Regens konnte man nur ganz kleine Märsche von drei, vier, höchstens fünf Stunden machen, und doch brach man jedesmal mit dem Tage, oft auch noch vor Tage auf und marschierte bis zur sinkenden Nacht. Kamen wir dann endlich an den Ort, wo das Lager sein sollte, so wurden die Zelte aufgestellt – freilich nicht so wie bei der Revue zu Magdeburg oder zu Berlin, sondern wie man nur konnte. Oft legten sich die Soldaten aus mehreren Zelten zusammen in eins und ließen die andern unaufgeschlagen im Kote liegen. 

Das Elend wurde täglich größer. Die Wege wurden immer schlechter und die Mannschaft wie die Pferde wurden immer matter und kränker. Von Hans an bis nach Luxembourg war der Marsch der Preußen mit toten Pferden wie angefüllt, entweder schon tot oder doch dem Tode nahe.  Manche hatte man auch, weil sie nicht mehr ziehen konnten, laufen lassen und sie dem Hungertode preisgegeben. Vielleicht haben nach unserm Abzüge die Bauern sie aufgefangen oder aus Mitleid getötet. Es war wirklich ein schrecklicher Anblick, so viel armes Vieh da herumliegen zu sehen, das zum Teil noch lebte und über deren Körper Wagen, andre Pferde und Menschen quatschten. Aber für Pferde durfte man damals kein Mitleid haben, man konnte es nicht mal für Menschen! 

Die Kranken – mir schaudert noch die Haut, wenn ich an das Übermaß all des Elends denke, welches unsre armen Kranken auf dieser verfluchten Retirade überstehen mussten! – die Kranken also mehrten sich jeden Tag, so, dass endlich kaum Fuhren genug zu haben waren, sie wegzubringen. Das Übel, welches unser Heer so schrecklich zerstörte, war, wie wir wissen, besonders die Ruhr. Es lagen aber auch sehr viele an Gicht und andern arthritischen Zufällen. Die Ruhr mehrte sich durch den Notgenuss des unreifen Obstes und Weins. 

Am 9. Oktober wurde also abermals geplündert oder, wie man es nannte, furagiert. Mir ist nicht selten der Gedanke eingefallen, dass, wenn die Franzosen das dortige flache Land auf fünf Meilen im Umkreise zerstört und die Dörfer abgebrannt hätten, die preußische Armee in die äußerste Hungersnot geraten wäre...

# 8. Oktober 1792 Conconvoix: Plündern im eigentlich nicht mehr Feindesland – Beim Plündern menschlich sein?

Posted on October 8, 2013 at 7:23 AM Comments comments (0)
Den 8. Oktober musste der Befehl gegeben werden, die Dörfer in der Gegend auszuplündern. Viele unserer Leute glaubten, das sei die Folge eines geringen Angriffs der Franzosen auf die Österreicher und meinten, dass man auf diese Art jenes Unrecht (man denke doch!) durch Plünderung der armen Bauern rächen wollte. Allein dieser Gedanke war falsch, denn bloß der große Mangel an Nahrung für Menschen und Vieh und besonders für das Hauptquartier nötigte den Herzog von Braunschweig, diesen sonst menschenfreundlich denkenden Fürsten, die Ausplünderung von etwa neun Dörfern zu befehlen, welche auch durch mehrere Bataillons Infanterie und Husaren ausgeführt wurde.

Beim Plündern menschlich sein?
Der Herzog hatte zwar befohlen, dass man strenge Manneszucht halten und beim Plündern niemand beleidigen sollte. Aber man bedenke, ob ein solcher Befehl wohl als zur rechten Zeit gegeben angesehen werden könne? Einem Soldaten welcher plündern soll, welcher in Feindes Landen zu sein glaubt, welcher seit zwei Monaten alles Elend ausgestanden hat und darum vor lauter Erbitterung grollsinnig einherschleicht, dem will man befehlen, beim Plündern menschlich sein? 

Vermeindliche Freude wüten fürchterlich
Aber die Herren waren es auch nicht im geringsten: die Pferde, Ochsen, Schweine, Hühner, Gänse, kurz alles, was man nur von Vieh finden konnte, sogar Hunde, trieb man zusammen. Dann nahm man aus den Dörfern, was nur noch zu nehmen war, besonders den ungedroschenen Weizen für die Pferde – und prügelte die Bauern und die Weiber, welche noch nicht entflohen waren gar jämmerlich. 

Es waren aber zu der Zeit wenige noch entflohen, weil sie glaubten, die Preußen und ihre Nation habe einen friedlichen Traktat abgeschlossen und erstere zögen jetzt als ihre Freunde zurück. Man hat für gewiss versichert, dass bei dieser Plünderung mehrere Bauern totgeschlagen oder totgehauen seien und ich mag dieses gar nicht in Zweifel ziehen: ich weiß, wie sehr unser Volk litt und wie sehr es eben darum gegen die Franzosen, die ein großer Teil noch immer als die Ursache alles ihres Unglücks ansah, aufgebracht war. 

Alle Furage, alles Gemüse usw. wurde am Hauptquartier zu Conconvoix in Empfang genommen. Darüber entstand ein gräuliches Murren, besonders unter den Husaren, welche nun nichts für ihre Pferde zu füttern hatten. Dieses Murren legte sich, als man versprach, sie am nächsten Tag wieder plündern zu lassen.

Seltsame Rückgabemethode… 
Es war wirklich sonderbar anzusehen, wenn ein Bauer, dem sein Pferd oder seine Ochsen, Kühe usw genommen waren, ins Lager kam und sich beschwerte. Man befahl ihm, das entwendete Stück Vieh aufzusuchen, führte ihn aber nicht dahin, wo er es hätte treffen können –  und traf er es ungefähr, so schwor gleich ein Husar oder sonst jemand Stein und Bein zusammen, dass sich der Bauer irrte. Und dann musste dieser abfahren, auch wohl – wenn er sich nicht gleich fügte – noch eine Tracht Hiebe mit nach Hause nehmen.