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#4. September 1792: Zu erschöpft zum Desertieren

Posted on September 4, 2013 at 6:25 AM Comments comments (0)
Den zweiten Tag kamen wir der französischen Armee oder vielmehr einem Korps derselben nahe. Wir marschierten zwar den ganzen Tag, aber so jämmerlich, dass wir jedesmal eine halbe Stunde vorwärts machten und hernach wieder eine Stunde, auch wohl länger, im Kote herum stillelagen wie die Schweine. Ich wurde, so wenig mich sonst Strapazen niederbeugen, auf diesem langen Marsche so unmutig, dass ich meine Lage verwünschte und  wäre ich nicht so erschöpft gewesen, zu den Franzosen übergegangen wäre, so sehr ich die Deserteure sonst auch hasse. 

Stürmische erste Nacht im sogenannten Drecklager
Endlich erreichten wir ein Dorf, l’Entrée genannt, worin der König sein Hauptquartier nahm und wobei wir unser Lager aufschlagen sollten. Aber unsre Packpferde waren aus Furcht vor den Franzosen zurückgeblieben und wir mussten nun da unter freiem Himmel liegen bleiben bis nachts zwölf Uhr. Wir machten freilich Feuer an und holten dazu aus dem Dorfe l’Entrée heraus, was wir in der finstern Nacht von Holz finden konnten. Aber diese Feuer, so höllenmäßig sie auch aussahen, waren doch nicht hinlänglich, uns gegen den fürchterlichen Wind und den abscheulichen Regen zu sichern. 

Dieser Regen fing sogleich an, als wir die Zelte aufgerichtet und uns auf die blanke Erde – denn Stroh konnten wir in der Nacht doch nicht holen – hineingelegt hatten, und er wurde so heftig, dass das Wasser von allen Seiten in die Zelte eindrang und uns alle durchnässte. Niemand konnte liegen bleiben, noch weniger schlafen. Man setzte sich auf die Tornister und Patronentaschen und jeder fluchte auf sein Schicksal. Man denke uns in dieser Gruppe! Man hörte die grässlichsten Lästerungen auf Gott und sein Regenwetter.

„Es ist Strafe Gottes“, sagten die Vernünftigen, „Gott hat keinen Gefallen an unserm Kriege! Er will nicht, dass wir sein Werk in Frankreich stören sollen: die Revolution ist sein Werk, die Patrioten tun seinen Willen und die Emigranten sind Spitzbuben, es hole sie der Teufel!“ Unsre Munition an Pulver wurde selbige Nacht größtenteils nass und zum Schießen unbrauchbar. Einige warfen auch schon bei ihrem Ausmarsche aus diesem Lager ihre Patronen weg und ließen sich hernach bei der Retirade, als wir sogar mehrere Pulverwagen verbrannten, andere geben.

Verdun 3. September 1792: Abmarsch im Regen

Posted on September 3, 2013 at 7:08 AM Comments comments (0)
Im Lager von Verdun hatten wir noch immer so halb und halb zu leben, aber von nun an litten wir Elend und Mangel, bis wir auf die deutsche Grenze zurückkamen. Wir brachen von Verdun mitten im Regen auf und marschierten den ersten ganzen Tag im Regen fort. Unser Brot hatten wir größtenteils im Lager liegen lassen, weil wir ohnehin genug belastet waren und durch den abscheulichsten Kot waten mussten.

Verdun 2. September 1792 – vom Heldentum und dem Mein und Dein im Kriege

Posted on September 1, 2013 at 8:48 AM Comments comments (84)
Als Beaurepaire sah, dass für ihn nichts mehr zu tun sei, erklärte er, dass er wenigstens er frei sterben wolle und erschoss sich im Beisein mehrerer Bürger und Offiziere. 
Diese heldenmütige  Aufopferung des braven Kommandanten brachte die Verduner nicht zur Besinnung – und so wurde die Stadt von dem nachher auch emigrierten Nyont  den Preußen übergeben.
...Also wurde Verdun von den Preußen besetzt  und die französische Garnison, welche wie die zu Longwy größtenteils aus damals noch ungeübten Nationalgarden bestand, erhielt freien Abzug. 

Es gab unter unseren Offizieren einige, welche meinten, dass man Beaurepaires Körper auf den Schindanger werfen müsse, aber zur Ehre aller übrigen muss ich sagen, dass alle Edeldenkenden unter ihnen laut bekannten, dass der Tod dieses wirklich großen Mannes Mitleid, Bewunderung und im ähnlichen Falle  Nachahmung verdiente. Beaurepaire wurde demnach ganz ehrlich begraben und ist hernach zu Paris auf dem Nationaltheater apotheosiert worden.

Mein und Dein im Kriege
...Da ich sehr oft, beinahe täglich, nach Verdun geschickt wurde, so hatte ich Gelegenheit, auch für mich manches aus dem Magazine mitzunehmen. Oft habe ich meine Zeltbursche mit Schnaps und Wein versehen, und einmal habe ich sogar einen schönen neuen Offiziermantel mitgebracht. Ich ließ ihn einem Leutnant für 14 Täler, obgleich die goldene Tresse darauf allein mehr wert war. Ich dachte, nimmst du ihn nicht, dann mimt ihn ein anderer, und nach dieser Regel bestimmte ich damals manche individuelle Handlung. 

Es ist überhaupt – um noch einmal davon zu sprechen – im Kriege eine ganz eigene Sache um das Mein und sein Dein. Wenn man gewiss wüsste, dass der wahre Eigentümer eines Dinges im Besitze desselben bleiben würde, wenn man ihm dasselbe ließe, so wäre es oft ein Schuftstreich, es wegzunehmen. Aber da man gewiss voraussetzen kann, dass es doch andern zuteil wird, wenn wir es liegenlassen, so dachte ich, verliert die Handlung viel von ihrer Hässlichkeit. Und das ist im Krieg sehr oft der Fall. 

Ich weiß zwar, dass die Herren Moralisten dies nicht werden gelten lassen, aber es käme auf eine Probe an, was selbst sie nun würden, wenn sie sich im Falle der Soldaten befänden! Wer indes über eine Handlung urteilen will, muss sich in die Lage des Handelnden versetzen – und wenn er das nicht kann, so wird er immer  räsonieren wie der Blinde von der Farbe.

31. August 1792: Verdun unter Beschuss – Nachrichten zur Lage der Geistlichkeit

Posted on August 31, 2013 at 6:56 AM Comments comments (1)
Nach dieser deutlichen Erklärung < – Verdun will sich nicht kampflos ergeben – >  ließ der Herzog auf einem Weinberge gerade der Zitadelle  gegenüber Schanzen aufwerfen und die Stadt beschießen. Dieses hatte die Folge, dass einiger Brand entstund – und nun forderten die Bürger oder vielmehr der Bürgerausschuss, dass Beaurepaire die Stadt öffnen sollte.
 
Kirchensachen...
Verdun stand ehedem in  Kirchensachen  unter dem Erzbischöfe von Trier. König Heinrich (II.) hatte zwar die Bistümer der weltlichen Jurisdiktion des Deutschen Reichs entrissen, aber sie doch unter der geistlichen Botmäßigkeit der deutschen Erzbischöfe gelassen, zum Beispiel Straßburg unter Mainz, Verdun, Metz und Tour unter Trier und Cambrai unter Meucheln. 

Aber bei der Revolution erklärten die Franzosen, dass ihre Bischöfe ferner nicht mehr unter Erzbischöfen, am wenigsten unter ausländischen, stehen sollten, und da erklärte dann auch der Herr Kurfürst zu Trier, dass er die konstitionellen Bischöfe in Frankreich nicht für rechtmäßige Seelenhirten halten könnte; denn die ehemaligen nach den Gesetzen des geistlichen RechtsordiniertenHerren waren meistens ausgewandert. Die Franzosen kehrten sich aber so wenig hieran als an die Bulle des Papstes von 1792, wodurch er alle konstitutionellen Bischöfe für unrechtmäßig und apostatisch erklärte. 

Aufhelfen will man den Menschen... 
Die neuen Bischöfe wurden eingesetzt und verwalteten ihr Amt nach der Vorschrift der Nation. Es sind von diesen Bischöfen mehrere Hirtenbriefe herausgekommen, von welchen ich selbst einige gelesen habe. Sie betrafen die Einrichtungen Verbesserung des Schulunterrichts und waren  durchaus der Wichtigkeit dieses Gegenstandes angemessen. Theologische Fratzen , wie man diese anderwärts, selbst bei Protestanten, in neuern Religionsverfügungen noch antrifft, waren schon damals in Frankreich verächtlich. Aufhelfen will man den Menschen und veredeln, nicht mehr herabsetzen und verhunzen.
 
Klöster bleiben lee
Geistliche gab es zu der Zeit in Frankreichbuch aller Orten, aber keine Mönche und Nonnen mehr. Die vielen Klöster in Verdun waren zerstört und bei der Räumung derselben ist, wie man mir erzählt hat und wie ich ganz gern glaube, großer Unfug getrieben worden. Man hat hier und da die heiligen Bilder zerschmissen und sogar die geweihten Hostien nicht geschont. Unser König erlaubte den ausgewanderten oder vertriebenen Mönchen, ihre Klöster wieder zu beziehen, aber sie bezogen sie nicht, wahrscheinlich weil sie befürchteten, sie möchten abermals verjagt werden und dann das letzte ärger finden als das erste.

1792 - Verdun gefällt sehr – und noch mehr seine Einwohner

Posted on August 30, 2013 at 2:34 PM Comments comments (2)
Herr von Mandelsloh, mein Hauptmann, schickte mich gleich am folgenden Tage nach  Verdun  und ich begab mich recht gern dahin, weil ich begierig war, diese alte, berühmte Stadt näher kennen zu lernen. 

Die Festungswerke von Verdun sind eben nicht sehr beträchtlich, deswegen  hat man  Thionville  und Longwy, nach unserem Hingehen, mehr befestigt, aber Verdun liegen lassen, weil es von einigen Bergen kommandiert wird, von welchen her es leicht zu beschießen ist. 

Die  Stadt  selbst hat mir sehr und ihre Einwohner noch mehr gefallen. Es waren gute, offene Leute. Ich machte einst beim Zurückgehen vor dem Tore Bekanntschaft mit einer gewissen Juliette Jally, der Tochter eines Rotgießers und diese bat mich, wenn ich wieder in die Stadt käme, sie zu besuchen. Ich tat dies gleich am folgenden Tag und hatte ein rechtes Fest. Jally, ein lebhafter, munterer Mann, wusste seiner Tochter noch Dank, dass sie mich hingebeten hatte. Mamsell Juliette war ebenfalls munter, aber mit allem Anstand. Überhaupt waren die Frauenzimmer in Verdun gesittete Geschöpfe, jedoch ohne Ziererei oder ängstliche Muhmenetikette. Ausnahmen gibt es überall, also auch hier. …

Nach dem Bücherwesen erkundigte ich mich in Verdun wie Longwy und hörte nichts weiter  schätzen als die Nationalblätter nebst Mably, Voltaire, Rousseau und anderen, welche gegen den Despotismus und die Pfafferei geschrieben haben. 

Die gefangenen Franzosen saßen auf der Zitadelle, wo man sehr leicht mit ihnen sprechen konnte. Ich benutzte diese Gelegenheit und fand, dass die Leute den Mut noch gar nicht verloren hatten. „Les ennemies se retireront, et nous voilà libres“, riefen sie und pfiffen eins dazu.

29. August 1792 - Einnahme von Verdun

Posted on August 29, 2013 at 4:28 PM Comments comments (2)
Wir brachen nach einem ohngefähr zehntägigen Aufenthalt aus dem Lager bei Langwy auf und marschierten querfeldein auf  Verdun  zu. Der Boden war sehr feiste, hing an und wir sahen aus, wer weiß wie! Schon bei Luxemburg hatte die preußische Reinlichkeitein Ende. Jeder putzte sich, wie er grad für gut fand und niemand sagte was, wenn auch einer einhertrat, wie es ging.

Unterwegs hier sah ich die ehemals berühmte Abtei Chatillon, welche die Nation schon damals verkauft und die Güter dazu, die gar beträchtlich waren, unter die Nachbarn verteilt hatte. Die Abtei selbstnebst der Kirche wurde schon zusammengerissen und aus den Steinen und aus dem Bauholze wurden Häuser und Scheunen erbaut.

Unsre Märsche von Longwy nach Verdun waren sehr stark, das Wetter war heiß und daher sind sogar einige Soldaten hier liegen geblieben und gestorben.

Eine Stunde von Verdun sah ich einen Auftritt, der mich gar nicht erbaute. Ein offizier, der argen Durst haben mochte, forderte von einem Weibe, welches zur Tür hinaussah, Wasser zum Trinken. Das Weib hatte keins und sagte das mit Bedauern. "Verfluchte Hexe," schrie der Offizier, "hole dich der Teufelmit allen Patrioten!" und schlug ihr mit seinem Stück ins Gesicht, dass das Blut heraussprang.

In nämlichen Dorfe verging sich auch ein Unteroffizier von unsrer Kompagne an einem Mädchen durch Ohrfeigen, weil es ihm nicht schnell genugWasser herausbrachte. Männer sah man in diesen Dörfern beihnahe nicht.

Der Herzog ließ, nachdem wir unser Lager vor Verdun aufgeschlagen hatten, auch diese Stadt sofort zur Übergabe auffordern. Allein hier würde er weit mehr Widerstand gefunden haben als bei Longwy, wenn anders der brave Beaurepaire nach seinen patriotischen Empfindungen hätte handeln können. Beaurepaire erklärte gleich anfangs, er könne mit dem Herzog sich nicht einlassen, noch weniger die Stadt übergeben; denn eine Festung sei das Eigentum nicht derjenigen Bürger allein, welche sie bewohnten, sondern der ganzen Nation und dürfe daher bloß im Falle der höchsten Not dem Feinde übergeben werden.

Ende August 1792 Longwy - von schmutzigen Geschäften und wichtigen Ziegen

Posted on August 29, 2013 at 1:53 PM Comments comments (2)
Mein Hauptmann schickte mich einigemal nach Longwy um allerhand für ihn einzukaufen. Ich benutzte die Gelegenheit mich auch hier nach der neuen Lage der Dinge in Frankreich zu erkundigen, und hörte, sobald die Leute vertraut wurden, mehr als ich erwartete. 

Die französischen Magazine zu Longwy waren recht gut versehen. Da sie nun in die Hände der Preußen fielen, so ließ der  Herzog  uns einige Mal Tobak, Branntwein, gesalzenes Fleisch, Speck und dergleichen daraus reichen. Aber leider wurde der Wille dieses vortrefflichen Mannes nur halb ausgeführt, denn manches, was zum Austeilen bestimmt war, wurde an die Marketender verkauft, und zwar von Herren, welche die Aufsicht über die Magazine führen sollten. Die Marketender verkauften alles uns armen Teufeln hernach wieder für schwere Münze. Noch mehr habe ich mich geärgert, als ich sehen musste, dass Strümpfe, welche der Herzog auch unter die Soldaten verteilt wissen wollte, teils in den Händen der Offiziere blieben, teils nach Luxemburg an Kaufleute verhandelt wurden. … 

Unsere Herren Hauptleute fanden um diese Zeit auch ein Mittel, sich Milch zum Kaffee zu verschaffen, welche wegen der häufig geschlachteten Kühe nun schon selten und teuer war. Sie schafften Ziegen dazu an. Diese Tierchen fraßen Heu, Stroh und dergleichen und sehr viele sind mit nach Deutschland gekommen. Vielleicht dankt mancher Offizier der Ziegenmilch sein Leben.

Ende August 1792 bei Longwy - Gedanken zu den Auswirkungen der Französischen Revolution

Posted on August 27, 2013 at 4:29 PM Comments comments (5)
Das Wetter war die ganze Zeit, als wir bei Longwy standen, schlecht. Es regnete ohne Unterlass und der Boden, welcher in Lotharingen ohnehin überall steif und leimigt ist, war beinahe ganz ungangbar: er hing sich an, wohin man nur trat. Die Lebensmittel waren hier sehr teuer und das Brot, welches die französischen Bauern uns zuschleppten, musste fast mit Gold aufgewogen werden.  Unser Hauptmangel war an gutem Wasser. In diesen Gegenden ist das Wasser überhaupt schlecht, und die elende Kost mit dem Mangel an gutem Getränke verbunden, dann das traurige Wetter nebst anhaltender Kälte vermehrten die Krankheiten ohne Aufhören. Tagtäglich brachte man von unsern Kameraden mehrere ins Lazarett nach Longwy, von welchen aber nur wenige zurückgekommen sind. 


Die Emigrierten hatten unter andern uns vorgeschwatzt, dass die Franzosen vor lauter politischen Trubel den Ackerbau fast gar nicht mehr betrieben. Dass aber dieses eine offenbare Lüge war, habe ich selbst bald gesehen, wie alle unsere Leute. Das ganze Land in Lotharingen und in dem kleinen Ländchen Clermonteux, ja sogar in dem armen unfruchtbaren Champagne zeigte das Gegenteil. Der Ackerbau blühte hier sichtbar. Die Gärten waren gut angelegt und die Dörfer verrieten Fleiß und den Wohlstand der Bewohner. Ich habe mich mit Lothringern mehrmals unterhalten und mit Vergnügen vernommen, dass sie durch die Revolution von jeder Seite durchaus gewonnen hätten. Die schrecklichen Abgaben, sagten sie, seien nicht mehr; jetzt könnten sie auch an sich denken, bauen, andern aushelfen, ihres Lebens wie ihrer Arbeit froh werden, einen Notpfennig einsparen; die vielen Akzisen hätten aufgehört; das grobe Wild verwüstete ihre Fruchtfelder nicht weiter – kurz, sie fühlten jetzt, dass sie Menschen wären und nicht mehr Sklaven des Edelmanns und der Priester. 

Man frage die erwerbende, nicht die die verzehrende Klasse 

Man muss, dünkt mich, bei einer Revolution nicht die vornehmen Kasten der Städter, noch weniger die Kaufleute, Juden, Wucherer, besoldete Gelehrte und Dienstleute, am allerwenigsten diejenigen fragen, welche vom alten Systeme, von den Vorurteilen, dem Aberglauben und von dem Luxus der Nation sich zu nähren vorher gewohnt waren. Diese Leute sind alle nicht in der Lage, einen richtigen Begriff von der Staatsänderung anzugeben; denn sie haben dabei verloren und der Verlust hindert sie, den Gewinn des Ganzen gehörig zu würdigen. 

Man frage den Landmann, den Handwerker, der nötige Sachen macht, kurz, die erwerbende Klasse, nicht die verzehrende, nicht den Höfling, den Priester, den Friseur oder das Modemädchen – und man wird von der Revolution richtiger urteilen lernen. Dabei aber denke man ja beständig, dass man eine Revolution vor Augen habe und dass bei einer Revolution, besonders wenn sie von allen Seiten her durch in- und ausländische Angriffe bestürmt wird, gar viel Abscheuliches und Grausendes vorfallen müsse. Das nebenher!

Auf nach Longwy

Posted on August 20, 2013 at 9:39 AM Comments comments (0)
Am 20. August hatten wir schönes Wetter, allein wir wurden doch erst gegen Abend völlig trocken, weil wir den Tag vorher gar zu nass geworden waren. Der Herzog befahl, erst Brot herbeizuschaffen, ehe das Lager aufgebrochen werden sollte, und dieses hinderte uns, früh aufzubrechen. Als wir das Lager geräumt hatten, lag alles voll Schafshäute und Kaldaunen von Schafen und Schweinen, welche den Tag vorher geschlachtet waren. Ebenso verhielt es sich mit den Federn von den geraubten Hühnern und Gänsen. 

An eben diesem Tage forderte der Herzog von Braunschweig mit einer nicht starken Avantgarde die Festung Longwy auf. Dieses Städtchen ist sehr artig gebaut und hat treffliche große Häuser und einige schöne öffentliche Gebäude. Die Befestigungswerke sind von dem berühmten Vauban. Longwy ist beträchtlicher als Verdun, ob es gleich viel kleiner ist. Bei der Esten Aufforderung weigerte sich der Kommandant, das Städtchen aufzugeben; als aber das grobe Feuern hinzukam, da drang die Bürgerschaft auf die Übergabe, damit das Örtchen nicht ganz zerschossen werden möchte; und so kam diese Festung in die Hände der Preußen. Longwy hätte sich zu der Zeit ohnehin schwerlich so lange halten können, bis Entsatz gekommen wäre. 

Die Übergabe dieses Platzes und der Festung Verdun haben indes eigentlich viel Unglück über die deutschen Armeen verhängt; denn wären die Franzosen hier nur standhafter geblieben und hätten sie uns mehr dabei beschäftigt, so wären wir nicht so weit vorgedrungen und hätten wenigstens bessere Anstalten für unsere Erhaltung getroffen.

Wir hatten unser Lager an einem schönen Gehölze, aber innerhalb acht Tagen war das ganze Holz zusammengehauen und verbrannt. Es hatte ehemals zu einer Abtei gehört.
In die umliegenden Dörfer wurden zwar Salvegarden gelegt, dieses aber hinderte nicht, dass auch sie ausgeplündert wurden. Die Felder wurden obendrein weit und breit furagiert...

Das Haus des gewesenen Kommandanten von Longwy und das Gemeinhaus (maison comune) wurden zu Lazaretten eingerichtet, sahen aber bald schon aus wie die Mördergruben.…

Diesen Tag werde ich nicht vergessen, so lange mir die Augen offen stehen...

Posted on August 19, 2013 at 7:48 AM Comments comments (0)
Der 19. August war der Tag, an welchem wir in Frankreich einrückten, und diesen Tag werde ich nicht vergessen, solange mir die Augen aufstehen. Als wir früh aus unserem Lager aufbrachen, war das Wetter gelinde und gut, aber nach einem Marsche von zwei Meilen mussten wir halt machen, um die Kavallerie und Artillerie vorzulassen, und während dieses Halts fing es an, jämmerlich zu regnen. Der Regen war kalt und durchdringend, so dass wir alle rack und steif wurden. Endlich brachen wir wieder auf und postierten uns nächst einem Dorfe, das Bréhain-la-Ville hieß, eine gute Meile von der deutschen Grenze. Der Regen währte ununterbrochen fort, und weil die Packpferde weit zurück geblieben waren, indem sie wegen des gewaltig schlimmen Weges nicht voran konnten, so mussten wir unter freiem Himmel aushalten und uns bis auf die Haut durchnässen lassen. Da hätte man das Fluchen der Offiziere und Soldaten hören sollen!

Endlich wurde befohlen, dass man einstweilen für die Pferde furaschieren und aus den nächsten Dörfern Holz und Stroh holen sollte. Das Getreide stand noch hoch im Felde, weil dieses Jahr wegen des anhaltenden Regens die Ernte später als gewöhnlich gefallen war. Das Furaschieren ging so recht nach Feindest: man schnitt ab, riss aus und zertrat alles Getreide weit und breit und machte eine Gegend, worauf acht bis zehn Dörfer ihre Nahrung auf ein ganzes Jahr ziehen sollten, in weniger als einer Stunde zur Wüstenei. In den Dörfern ging es noch abscheulicher her. Das unserem Regiment zunächst liegende war das genannte Bréhain-la-Ville, ein schönes großes Dorf, worin ehedem ein so genannter Bailli du Roi seine Residenz gehabt hatte. 

Um durch Laufen mich in Wärme zu setzen, lief ich mit vielen anderen auch nach diesem Dorfe, wo wir Stroh und Holz holen sollten. Ehe aber diese Dinge genommen wurden, durchsuchten die meisten erst die Häuser - und was sie da Anständiges vorfanden, nahmen sie mit, als Leinwand, Kleider, Lebensmittel und andere Sachen, welche der Soldat entweder selbst brauchen oder doch an die Marketender verkaufen kann.. Was dazu nicht biente, wurde zerschlagen oder sonst verdorben. So habe ich selbst gesehen, dass Soldaten vom Regimente Wolldecke in eben diesem Dorfe ganze Service von Porzellan im Pfarrhofe und anderwärts zuschmissen; alles Töpferzeug hatte dasselbe Schicksal. Aufgebracht über diese Barbarei, stellte ich einen dieser Leute zur Rede, warum er einer armen Frau trotz ihres bitteren Weinens und Händeringens das Geschirr zerschmissen und ihre Fenster eingeschlagen habe, aber der unbesonnene, wüste Kerl gab mir zur Antwort: „Was Sakrament soll man hier schonen? Sind’s nicht verfluchte Patrioten? Die Kerls sind ja eigentlich schuld, dass wir so viel ausstehen müssen!“ Und dann ging’s mit dem Ruinieren immer vorwärts. Ich schwieg und dachte so mein eigenes über das Wort „Patriot“ in dem Mund eines Soldaten. 

Die Männer aus diesem Dörfern hatten sich alle wegbegeben und bloß ihre Weiber zurückgelassen, vielleicht weil sie glaubten, dass diese den eindringendenFeind besser besänftigen könnten. Aber  der rohe Soldat hat eben nicht viel Achtung für das schöne Geschlecht, zumal bei Feindseligkeiten, und es gibt wüste Teufel unter diesen Leuten, welche einem Frauenzimmer allen Drang antun können, die aber vor jedem Mannsgesicht aus Feigheit gleich zum Kreuze kriechen.  Unsere Leute hatten auf den Dörfern die Schafherden und Schweineställe geöffnet, und so sah man auf den Feldern viele Schafe und Schweine herumlaufen. Diese wurden, wie leicht zu denken steht, haufenweise aufgefangen und nach dem Lager geschleppt. Ich muss gestehen, dass ich mich unter den Haufen der Räuber mischte und ein Schaf nach meinem Zelte brachte. Ich dachte, wenn du’s nicht nimmst, so nimmt es ein anderer oder es verläuft sch, und dieser Grund bestimmte mich, an der allgemeinen Plünderei teilzunehmen. Der rechte Eigentümer, dachte ich ferner, gewinnt doch nichts, wenn auch ich sein Eigentum nicht berühre, ja, ich werde noch obendrein für einen Pinsel gehalten, der seinen Vorteil nicht zu nutzen wisse. Kurz, alle Imputabilität des Plünderns gehört, wie mich dünkt, für die Aufseher über die Disziplin und den Lebensunterhalt. Diese haben zunächst alles zu verantworten. 

Das Hammel- und Schweinefleisch wurde gekocht oder an den Säbel gesteckt so in der Flamme gebraten und hernach ohne Brot und Salz verzehrt; denn das Brot war uns auch ausgegangen, und hier zum ersten Male fühlten wir Brotmangel, der uns nach dieser Zeit noch oft betroffen und bitter gequält hat, wie die Folge dieser Erzählung ausweisen wird. Das Dorf Bréhain-la-Ville und alle anderen in dessen Nähe sahen bald aus wie Räuberhöhlen, selbst das Dorf nicht ausgenommen, worin unser König logierte. Endlich, als es dunkel wurde, kamen die Zelte an, worin wir uns durchnäss und überaus besudelt niederlegten und auf dem nassen Stroh eine garstige Nacht hinbrachten. Die Burschen, welche auf der Wache waren, gingen des Nachts von ihren Posten in die Dörfer auf Beute. 

Das abscheuliche, kältente Wetter und das schlechte, nasse Lager hatten die Folge, dass schon am nächsten Tage gar viele Soldaten zurück in die Spitäler gebracht werden mussten, weil sie Fieber hatten und nicht mehr mit marschieren konnten.