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# Ende April 1776 Gießen: Eine Serenade für die "Zarin" wird verboten – der Mäusekrieg beginnt

Posted on April 26, 2014 at 6:18 PM Comments comments (0)
Im Frühling dieses Jahres kam der Bruder des regierenden Herzogs von Württemberg durch Gießen mit seiner Tochter, die für den Russischen Großfürsten zur Gemahlin bestimmt war. Der Herzog logierte über Nacht im Posthaus, Die Studenten wussten das vorher und machten Anstalt zu einer Serenade, so gut man dergleichen in Gießen haben kann.

Die Gießer Hautboisten, die sich freilich unter Meister Wittichs Anführung wenig über gemeine Biersiedler erheben, wurden in Beschlag genommen. Und damit alles recht feierlich herginge, wurden Pechfackeln bestellt, für jeden ein Paar.

Der Herr Rector wusste um alles und ließ uns machen bis an dem Tage für den die Serenade bestimmt war. Da erschien plötzlich des Nachmittags um drei Uhr ein Edict am schwarzen Brett unter dem Runbrum: Rector Universitatis Ludovicianae cum Senatu, worin den Studenten durchaus verboten wurde, der Prinzessin von Württemberg Musik zu bringen: sonst möchten sie Musik bringen, wem sie wollten.

Die Studenten lasen den Anschlag. Viele gerieten darüber in Furcht, weil Meister Ouvrier dabei gesetzt hatte: sub poena relegationis in perpetuum*; allein die Entrepreneurs der Serenade, der Herr Lang aus dem Nassauischen und Herr Bohy aus Mümpelgard setzten aif dem Billard, wo eine Zusammenkunft war, fest, dass das infame Hundsfötter, Drastika und Laxierpillen sein sollten**, die sich an des Röckels Befehle kehren würden: wer  ein rechtschaffener Bursch wäre, käme auf den Abend, das Trisolium, den Rector und die verfluchten Pedelle Möser und Stein tief zu periren! – Das war das conclitum, welchem streng nachgeredet wurde.

Ich selbst hatte viel zu läppische Begriffe von akademischer Freiheit, als dass ich diese Gelegenheit nicht hätte ergreifen sollen, mich zu zeigen und übernahm eine Adjutantenstelle.

Gegen Abend versammelten sich alle Bursche auf dem Kirchenplatz und nach acht Uhr warteten wir dem Herzog mit der Serenade auf. Er schien mit dieser Achtung gegen ihn außerordentlich zufrieden zu sein und dankte nebst Prinzessin sehr höflich. Auch ließ er im Posthause so viel Wein auftischen als uns zu trinken beliebte. Da die meisten ohnehin schon beinahe zu viel hatten. So kam es jetzt dahin, dass der ganze Haufen sehr bezecht wieder abzog
wird fortgesetzt

* meinen lateinischen Lesern, die nicht auf Universitäten gewesen sind, muss ich sagen, dass das akademisches Latein ist. Freilich stehts so nicht im Cicero..
** Gießische Studententerminologie.

# 7. April 1776 Ostersonntag: Rückblick aufs erste Semester - Ferien zu Hause – Mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer

Posted on April 6, 2014 at 8:27 PM Comments comments (0)
Rückblick aufs erste Studienjahr
Das erste Jahr hatte mein Wechsel hübsch zugereicht und ich war um Ostern 1776 keinen Pfennigg schuldig. Ich hatte zwar lustig gelebt, doch hatte ich meine Ökonomie so eingerichtet, dass ich mit dem Bestimmten auskam. Auch hatte mir einige gute Bücher, unter andern die Boussuet=Cramersche Historie, Mosheims Institutiones Hist. Eccles. majores, le siècle der Louis XIV. und einige andre angeschafft. Meine Mutter gab mir das Geld dazu her und bezahlte mir auch den Italienischen Sprachmeister.

Die erste Predigt...
Auf Ostern zog ich wieder nach Hause, meine Eltern zu besuchen und beiher auch Thereschen zu sehen. Freilich sehnte ich mich nach ihr nicht mehr so sehr...
Mein Vater wollte jetzt durchaus, dass ich einmal predigen sollte. Ich lernte also eine auswendig – denn selbst konnte ich noch keine machen, hatte auch nicht Lust dazu – und hielt sie mit vieler Dreistigkeit in Mörsfeld vor Bergknappen und Bauern.

Mein Vater hatte mir vor der Kirche zugehört ohne dass ich es wusste und war hernach ganz entzückt über meine Eloquenz, – nur meinte er, ich müsste künftig meine Predigten hübsch selbst ausarbeiten und mich ja nicht – wie sonst die Herren aufs Reiten legen.

In der Folge habe ich zwar manche Predigt selbst gemacht; die meisten aber schrieb ich ab und hielt sie. Ich glaubte das nämliche Recht zu haben, was der Professor der Geschichte hat, welcher wörtlich abschreibt und hernach seinen Herren Zuhören dahinkanzelt.

Mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer
Meine Therese bekam ich diesmal nicht zu sehen. Sie war in Mannheim und mir war die Lust vergangen, mich einem Wischer von meinem Vater dadurch auszusetzen, dass ich da hin hätte fahren mögen. Beiher hatte ich auch ein anderes Mädchen kennen gelernt, welches mir meinen Aufenthalt zu Hause ziemlich angenehm machte. Verliebt in sie – bin ich wahrlich nicht gewesen, bin auch seit Theresens Zeiten es in keine mehr geworden, hab gar hernach über die verliebten Torheiten oft weidlich gelacht! Doch hatt' ich so mein Behagen an hübschen Gesichtern, aber auch blos an Gesichtern, d. i. am Körperlichen: denn für die Seelen der Weiber hab' ich von jeher blutwenig Respekt gehabt. Es sind, so nach meiner Meinung, welche ich aber niemanden aufdringen will, die sich indes schon von selbst in der leidigen Erfahrung aufdringt – eitle, eingebildete, abergläubische, neidischeDinger, die gern wollen brillieren, die sich blos am Schein belustigen, in Kleinigkeiten Kabalen spielen, sich durch Nachäffung formen, keinen Charakter haben, Gottes- und Pfaffengunst durch geistige Koketterie zu erschleichen suchen und wie's Wetter im April bald gut und sanft, bald stürmisch und tigermäßig grausam sind.–

Das ist so mein Glaubensbekenntnis vom lieben Frauenzimmer, wozu ich meine Gründe aus der Erfahrung abstrahiert habe. Ich habe sie gesehen in vornehmen Zirkeln und in Buffkellern. Sie waren aber da wie dort: immer gleiche Gesinnungen, nur bestand der Unterschied in einigen Schattierungen, welche gröber oder feiner sind und die Frauenzimmer von Qualität von denen ohne Qualität unterscheiden.– Ja meine liebe Dame, dass es auch hierbei Ausnahmen gebe, weiß ich. Dass aber diese selten sind, weiß ich eben so gut, als dass Sie sich zu diesen Ausnahmen rechnen werden, oder mein Buch mein Buch mit Verachten hinwerfen. Der größte Teil von Ihnen ist nun so!  


# Wintersemester 1775 Gießen: Besuch in Marburg – Begegnungen – die Herren Feuer- und Schwert-Apostel waren von jeher unausstehliche, selbstsüchtige Grillenfänger...

Posted on November 4, 2013 at 3:33 PM Comments comments (0)
In einigen Kollegien hospitierte ich und besuchte auch selbst einige Gelehrte, bei denen mich mein Vetter Böhmer, der Hofmeister bei Herrn von Breitenbach, einführte. Es waren die Herren Wyttenbach, Koing, Seib und Curtius.

Herr Curtius ist ein herrlicher Mann, so viel ich nämlich nach der kurzen Bekanntschaft urteilen konnte. Er sprach sehr hübsch und gründlich über Literatur und Philologie und machte auch einige Anmerkungen über Herrn Schmid in Gießen, die mir bass behagten.

Coing ist ein finsterer Mann, so recht von der Mine eines Dorfschulmeisters: dabei ist er schrecklich orthodox und im hohen Grade impertinent. Er hat auch allerhand geschrieben, aber niemand hat es lesen wollen. Die Titel seiner Bücher stehen im gelehrten Deutschland, die Bücher selbst findet man stückweise bei den Gewürzkrämern.

Wyttenbach ist ein Mann, auf dem Calvins Geist dreifach ruht. Ich meine den Geist der Intoleranz, der Rechthaberei und des theologischen Stolzes. Er ist ein strenger Verfechter des herrlichen decreti absoluti, worüber er einige Streitschriften mit dem Abt Schubert geführt hat. Er ist schon ein alter Mann, doch aber noch rüstig zu heiligen Katzbalgereien. Mit mir gab er sich auch ab und disputierte de omnipraesentia carnis Christi. Ich sagte ihm zwar, dass ich selbst die Allgegenwart des Leibes Christi nicht glaube und bat ihn, sich nicht weiter mit seinen Argumenten zu bemühen. Aber wie? fuhr er auf, Sie glauben nicht omnipraesentiam, oder wie die Herren Lutheraner reden, ubiquitatem carni domini? – so sind Sie auch nicht  ein Lutheraner.

Ich: Diese Lehre gehört gar nicht zur lutherischen eigentlichen Dogmatik: das ist eine scholastische Grille einiger Privatlehrer.

Er: Privatlehrer? Ist es nicht die Lehre der heiligen formula concordiae, die die Herren Lutheraner dem Worte Gottes an die Seite setzen?

Ich: Das kann ich nicht sagen: ich habe die Formula Concordia noch nicht gelesen: aber das weis ich, dass die Ubiquität so wenig Lehre unsrer Kirche ist, als das absolutum decretum eine wesentliche Lehre der Reformierten.

Er: Ei, sieh doch: absolutum decretum! Ih nun, wie mans nimmt! Ärgert Sie das Wort absolutum decretum; das kann man aufgrben: aber die Sache ist doch certa sub limitatione richtig und ein wesentlicher Artikel des Glaubens.

Nun folgte eine fürchterliche Erläuterung des Artikels von den göttlichen Ratschlüssen, wobei der alte Doctor so sehr in die Hitze gerieth, dass er seine Pfeife – darüber zerbrach. Dieser Zufall machte, dass er sich wieder erholte. Hernach ging das Lärmen von neuem los. Einigemal gedachte er des Sankt Calvins mit großen Lobsprüchen, nannte ihn einen frommen treuen Arbeiter im Weinberge Jesu u.s.w.

Allein ich war dem Sankt schon seit langer Zeit spinnefeind, weil ich die Hinrichtung des Servetus in Mosheims Geschichte schon zu Hause gelesen hatte. Ich nahm mir daher die Freiheit dem Herrn Doctor zu erwiedern, Calvin sei ein Mann von sehr hämischen, heimtückischen, erzboshaften Charakter gewesen, so ungefähr wie der Sankt Dominik oder sein Ebenbild Meister Hochstraten.

Da fing Wyttenbach Feuer, verteidigte den Calvin und behauptete geradezu, dass man gotteslästerliche Ketzer, wie Servet, der die Trinität einen dreiköpfigen Cerberusgeheißen hätte*), hinrichten könnte. Calvin hätte recht gehabt.

Dieser Freund Wyttenbach hätte sich ganz vortrefflich zu einem Ketzermeister oder Inquisitor geschickt. Hier will ich nur so im Vorbeigehen bemerken, dass man bei den Reformierten weit mehr Intoleranz und Geist der Verfolgung antrifft, als bei den Lutheranern. Woher das kommen mag, weis ich nicht; es ist aber in der Tat so. 



*) Nichts ist abgeschmackter, als wenn die Verfechter Calvins von Servetus Gotteslästerungen was daher plappern! Servet leugnete die Trinität: sie war für ihn ein Nonsens; wie konnte er sie dann also lästern?

Oder warum verbrannte man nicht auch den Luther als Blasphemanten, da er die Messe einen Drachenschwanz, Teufelsopfer u.s.w. nannte? Hier ist ja alles relativer Ideenkrieg! 

Und wenn der liebe Gott selbst Philosoph genug ist, die Quergrillen der Menschenkinder über sich zu dulden: wer gibt denn uns Toren das Recht, statt seiner zu häschern oder zu dominieren? – 

Aber freilich, die Herren Feuer- und Schwert-Apostel waren von jeher unausstehliche, selbstsüchtige Grillenfänger, die für ihre Rechthaberei und Verfolgungssucht keinen glänzenden Deckmantel finden konnten, als die Aufrechthaltung der Ehre Gottes oder der – reinen Lehre,

# Wintersemester 1775 Gießen: Besuch in Marburg – ça donc ça donc

Posted on November 2, 2013 at 7:00 PM Comments comments (1)
Die Universität Marburg habe ich einigemal besucht und da sowohl den Burschen-Komment als auch einige Gelehrte kennen gelernt. Die Universität war damals sehr schwach: sie hatte kaum 180 Studenten, deren Komment elend genug war, nämlich burschikos zu reden. Die Studenten waren meist Landeskinder und man hielt sie in gar strenger Zucht. 

Als ich von Gießen aus da war, machten die Marburger Studenten eine Figur wie ungefähr die Schüler auf dem Halleschen Waisenhaus. Sie waren den Gießer Studenten nur darin ähnlich, dass sie derb Bier trinken und schnapsen konnten. 

In Kleidern gingen sie etwas eleganter als die Gießer. Dafür wussten sie aber auch keinen Komment. Wir kommersierten einst – versteht sich ein Schwarm Gießer – in einem Gasthause in Marburg. Einige Marburger sahen uns zu, wurden aber nicht eingeladen zum Mitmachen. 

Wir sangen aus dem erbaulichen Liede ça donc ça donc folgende Verse sehr oft zur Erbauung der Herren Marburger:

Rien. Rien:,:
So spricht der dumme Teufel
Der noch nicht Komment versteht.
Seht doch den dummen Marburger an, 
Der noch nicht kommersieren kann!
Courage, Courage:,:
So spricht der Gießer Bursche
Der da recht Comment versteht
Seht doch den Gießer Burschen an,
Wie er brav kommersieren kann!

Die Marburger hatten nicht das Herz, uns etwas über zu nehmen: Vielleicht waren sie zu klug dazu. Als wir sie fragten, wie ihnen unser Kommers gefallen hätte, und sie mit einem sehr schön antworteten, sagte Bruder henrici: "Ja, Ihr müsst auch wissen, Ihr Marburger, dass die Gießer den Komment erst recht verstehen. Das sind ganz andre Kerls als ihr! Schwerenot, zu uns müsst Ihr kommen! Ein Fuchs bei uns weis mehr Komment als eure ganze universität! Gott straf mich, das ist wahr!" – Die Herren Marburger lächelten und gingen ihrer Straße. Sie waren klüger als wir.

# Oktober 1775 Gießen: Siehe da einen Ordenensbruder – von unheiligen Sammlungen von Gesetzen

Posted on October 16, 2013 at 4:01 PM Comments comments (2)
Als ich hineintrat, las man mir die Gesetze vor,  welche in gewisse Titel, z. B. von Schlägereien, vom Borgen und Bezahlen, vom Fluchen und Zotenreißen, abgeteilt waren. Die Sprache der Gesetze war äußerst legal, das ist, undeutsch und unverständlich.

Da die Gesetze nach und nach gemacht sind, so fehlt es ihnen nicht an Widersprüchen, Wiederholungen und ganz unbrauchbaren Vorschriften. Doch das ist ja auch der Fall im Corpus juris und in mancher anderen heiligen und unheiligen Sammlung von Gesetzen,

Es gibt viele Gesetze des Gießer Amicisten-Ordens, wovon ich meinen Lesern einige der vornehmsten mitteilen will.

Der Zweck des Ordens ist, sich auf der Universität Ehre und Ansehn zu verschaffen, d. h. sich in Positur zu setzen, dass alle Studenten, ja selbst Professoren und die Vorgesetzten sich vor den Herren Ordensbrüdern fürchten möchten.

Daher ist die engste Verbindung nötig. Diese erfordert natürlicherweise, dass kein Mitglied das andere beleidigen darf. Alle Beleidigungen, die vorfallen, müssen vom Senior geschlichtet werden. Überhaupt sind viele Gesetze da, welche Freundschaft, Verträglichkeit u. dgl. gebieten. Da aber Freundschaft ein Ding ist, das sich nicht gebieten lässt, so gibt es im Orden immer so viele Disharmonien, dass gewiss stets Schlägerei sein würde, wenn nicht andere prägnante Gründe Ruhe heischten. 

Das Oberhaupt des Ordens ist der Senior, welchem die anderen gehorchen müssen. Er hat ihnen zwar nur in Ordenssachen zu befehlen. Da sich aber dahin allerlei ziehen lässt, so ist der Senior gleichsam der Herr der Mitglieder, und die Mitglieder sind, wenn er es verlangt, seine gehorsamen Diener. So wird man Sklave, um frei zu sein! 

Neben dem Senior ist noch ein Subsenior, der auch etwas zu sagen hat, vorzüglich in Abwesenheit des großen Moguls, ich meine, des Seniors. Dann folgt das fünfte Rad am Wagen, –  der Herr Sekretär. Ordnung muss sein, wer also gegen den Senior spricht, ihn schimpft und sich seinen Befehlen freventlich widersetzt, wird ohne alle Gnade, wenn's nämlich der Herr Senior befiehlt, aus dem Orden heraus geschmissen. 

An Satisfaktion darf er nicht denken. Die vom Senior angegebene Kontribution muss richtig bezahlt werden. Fügt es sich, dass Ausgaben zu einer Zeit vorfallen, wo nicht alle Glieder bei Gelde sind, so müssen die, welche Geld haben, vorschießen. Das Vorgeschossene muss aber prompt ersetzt werden, unter Strafe der Verbannung aus dem Orden. 

Um die Kosten zu bestreiten, muss eine Kasse angelegt werden, welche unter der Aufsicht des Seniors steht, und worüber ordentlich Rechnung geführt werden muss. 

Wenn ein Mitglied Händel bekommt, so muss es sich schlagen; doch aus guten Gründen schlägt sich auch der Senior oder ein anderes Mitglied für ihn. Überhaupt müssen in diesem Fall die Glieder dafür sorgen, dass sie und nicht ihre Gegner in Avantage  sind. Lieber eine Niederträchtigkeit begangen, lieber sich à la mode  der Gassenjungen herumgebalgt, als den Vorteil und die Ehre der Avantage aus den Händen gelassen! 

Bei den Zusammenkünften muss der, an dem die Reihe ist, rechtschaffen aufwichsen. Geht aber die Zeche auf gemeinschaftliche Kosten, so zahlt jeder seinen Anteil, außer dem Senior, der immer frei ist, weil er der Herr ist. Eine Klugheitsregel hieß, keine arme Verwachsene, Mutlose u. dgl. aufzunehmen. Der Orden hätte von diesen Menschenkindern keinen Vorteil und nichts als Kosten, Schande und Verdruss. So soldatisch-amikabel dachten die Amizisten! –  

Und von dieser Art waren die Regeln oder die Gesetze des wohllöblichen Ordens der Herren Amizisten! Ihre Anzahl ließe sich noch stark vermehren, wenn ich nicht befürchten müsste, meinen Lesern zur Last zu fallen. Einige ihrer Gesetze waren aber doch gut, z. B. dass die Mitglieder fleißig sein, die Kollegien nicht versäumen, nicht fluchen oder Zoten reißen sollten u. dgl. Allein diese Vorschriften wurden nicht befolgt, vielmehr wurde in unseren Zusammenkünften geflucht und gezotologiert, wie auf keiner Hauptwache. – 

Die meisten anderen Gesetze waren äußerst unsinnig und läppisch, z.B. die über die Aufnahme, über das Zeichen, wodurch ein Glied sich dem anderen entdecken konnte, über die Art, sich zu grüßen, über das Einzeichnen in den Stammbüchern usw. 

Obgleich der Hauptzweck der Orden, vorzüglich nach einer neueren Einrichtung bei einigen auf eine unzertrennliche Freundschaft und gegenseitige Beförderung hinauslaufen soll, so ist doch das Ding zuletzt lauter Wind oder kindische Spekulation. Auf der Universität hindert oder verdirbt einer den anderen, und hernach verabscheuen sie sich oft um so mehr, je mehr sie an Reife zunehmen und nun den Nachteil einsehen, der aus dieser Spiegelfechterei für sie entstanden ist. 

Die übrigen Zwecke werden auch sehr selten erreicht. Ich habe selten gesehen, dass ein Ordensbruder vor anderen Profanen einen Vorzug gehabt hätte. Es geht ihnen wie allen hochmütigen Schwächlingen, die ihren Wert nicht von sich, sondern von anderen hernehmen wollen. Und dies gilt vom Innern wie vom Äußern. 

# Nachtrag zum Frühjahr 1775 Gießen: Auch ich ward leider burschikos – Sieger im Duell

Posted on October 13, 2013 at 5:04 PM Comments comments (0)
Ich fand zu Gießen einige Landsleute, welche mich zustutzten und mit dem Komment, vertraut machten. Ich sah die Burschen, ich bewunderte sie, und machte so recht affenartig alles nach, was mir an ihnen als heroisch auffiel. Da ich bemerkte, dass die meisten den Hut quer trugen, so trug ich den meinen auch so, und gefiel! 

Zum Unglück war gleich in Wieseck ein Kommers, ich wohnte demselben bei, musste über zehn Maß Bier zur Strafe ausleeren, weil ich die Kommerslieder nicht auswendig wusste, und erwarb über dreißig Duzbrüder! Wer war froher als ich! Dreißig honorige Bursche, die ich von dem Augenblick an Du heißen durfte! 

Calvin mag sich kaum so gefreut haben über die Qualen des braven Servets in den Flammen, als ich mich freute, da ich den Degen am Balken betrachtete, woran die Hüte und mit ihnen die Brüderschaften angespießt waren! Ich sah mich nun mit ganz anderen Augen an als zuvor, und ward umso eifriger in dem edlen Vorsatz, ein recht honoriger Bursche zu werden. 

Will weder Fuchs genannt werden – noch ein krasser Kerl...
Hierzu zeigte sich auch bald Gelegenheit. Es studierte ein gewisser von Avemann in Gießen, ein Erzrenommist und Schläger, vor dem man gewissen Respekt äußerte, ob er gleich an Liederlichkeit seines gleichen nicht mehr hatte. Es schien ihm sogar der gesunde Menschenverstand zu fehlen. Dieser Avemann nannte oder schalt mich einst auf dem Schießhaus –  Fuchs. Ich nahm das Wort hässlich auf, denn meine Kameraden hatten mir aufgebunden, mich durchaus nicht Fuchs,  krassen Kerl usw. nennen zu lassen. Also trat ich zu ihm und verbat mir den Ehrentitel. Avemann lachte mir ins Gesicht, worüber ich so erboste, dass ich ihn einen dummen Jungen nannte. Hierauf hob er die Hand auf, um mich zu maulschellieren. 

Meine Freunde hielten ihn zurück und erklärten dem Großsprecher, dass er Desavantage sei und daher von mir Satisfaktion fordern müsste. Avemann ergrimmte schrecklich, denn nichts konnte ihm empfindlicher sein, als dass er, ein Erzrenommist, von einem Fuchs Genugtuung fordern sollte. Aber es musste nun einmal so sein. 

Der übermorgige Tag wurde also zur Balgerei festgesetzt. 
Ich hatte mich zwar schon vorher etwas im Fechten geübt, jetzt aber gaben sich meine Freunde alle Mühe, mich ein wenig mehr ein zu schustern in diese edle Kunst, um doch nicht ganz als Naturalist aufzutreten.  Wir schlugen uns nun wirklich. Avemann verletzte mir ein klein wenig den Arm, ich aber ihm derber sein Kollett –  und der Skandal hatte ein Ende. Nachdem wir Frieden gemacht hatten, sahen alle Anwesenden mich mit Augen an, die vor Freude und Beifall funkelten: Da war Bruder Laukhard hinten und Bruder Laukhard vorne! Jeder würdigte mich seiner besonderen Freundschaft, und ich Tor war über den Ausgang dieses Handels so begeistert, wie kein General es sein kann, wenn er eine Menschenschlacht gewonnen hat!

# Oktober 1775 Gießen: Siehe da ein Ordensbruder

Posted on October 11, 2013 at 5:48 PM Comments comments (1)
Hätte ich vor meiner Aufnahme das eigentliche Wesen einer solchen Verbindung gekannt, ich würde wahrlich niemals hineingetreten dein. Das Ding ist ein Gewebe von Kindereien, Absurditäten und Präsumtionen, über welche ein kluger Mann bald unwillig werden muss.
Die Gesetze sind alle so elend abgefasst und so kauderwälsch durcheinander geworfen, dass man Mühe hat, sich aus dem Labyrinthe derselben heraus zu winden.

Überhaupt ist es ein erztoller Gedanke, dass ein Haufen junger Leute eine geheime Gesellschaft stiften wollen, deren Zweck ist, sich ausschließlich das höchste Ansehen zu verschaffen: deren Oberhaupt ein Bursche ist, welcher eine Gewalt in seinem Orden ausübt, wie weiland der Jesuiten General in der Gesellschaft Jesu. 

Demnächst mehr davon 

# Oktober 1775 Gießen: Ein lustiges Pfälzer-Kränzchen

Posted on October 9, 2013 at 6:10 PM Comments comments (1)
Die Pfälzer hatten ein Kränzchen unter sich errichtet, welches herumging und uns viel Vergnügen machte. Wir hatten freilich unsre Gesetze und Statuten, die den Gesetzen der Orden ziemlich nahe kamen: unser Zweck war auch der Zweck aller Orden, nämlich ein gewisses Ansehn auf der Akademie zu behaupten. Aber wir waren weder eidlich, noch auf sonst eine Art an einander gekettet und es stand einem jeden frei, uns zu verlassen, sobald es ihm beliebte. 

Übrigens herrschte unter uns die größte Freundschaft und Harmonie. Und da wir lauter solche zu Mitgliedern hatten, die als honorige Bursche auf der Universität angesehen waren, so wagte es niemand, das Pfälzer-Kränzchen zu beleidigen oder schlecht davon zu sprechen. So blieben die Sachen eine geraume Zeit, bis endlich ich und noch zwei andere aus unserm Kränzchen uns in den Amicisten Orden aufnehmen ließen.

# Oktober 1775 Gießen: Bekenntnisse eines ewigen Studenten

Posted on October 8, 2013 at 7:29 AM Comments comments (0)
Die Ferien waren schon acht Tage zu Ende, als ich nach Gießen zurück kam. Ich ordnete meine Kollegia und fing an fleißig zu studieren. Ich fand jetzt mehr als jemals, dass Kenntnisse ein wahres Bedürfnis für meinen Kopf waren. Ich habe auch, ohne mich zu rühmen, bloß aus innerem Trieb und niemals deswegen gelernt, weil ich einmal mein Brot damit verdienen wollte. 

Meine Weisheit ist niemals weit her gewesen und in keiner einzigen Wissenschaft hab ich mich über das Mittelmäßige erhoben. Doch habe ich ohne Unterlass studiert, und studiere noch recht gern. Nur muss mir ein Buch in die Hände fallen, worin mehr erzählt als räsonniert wird. Denn gegen das Räsonieren hab ich von jeher einen gewissen Widerwillen gehabt. Und das ist auch der Grund, dass ich in der Philosophie ein jämmerlicher Stümper geblieben bin. – Vielleicht war aber das auch so übel nicht.

#29. September 1775 Michaelis: Semesterbeginn

Posted on September 28, 2013 at 6:29 PM Comments comments (2)
Das Wintersemester 75/76 beginnt. Laukhard sollte zu seinem zweiten Semester bereits in Gießen sein. Unser Fritz zieht es vor, sich noch etwas Zeit zu lassen...

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