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#26. Mai 1775 Reiskirchen: Ein paar Tage Ferien

Posted on August 14, 2013 at 4:44 PM Comments comments (0)
An einem Sonntage,– es war der Sonntag Exaudi (der 6. nach Ostern, 26. Mai) 1775 – wollte ich eben mit meinem Freund Diefenbach nach Reiskirchen gehen, wo er zu Hause war, drei Stündchen von Gießen. Diefenbach und ich waren die innigsten Freunde. Er war, ob ich gleich Fuchs und er schon ein alterBursche war, doch mein Schüler im Lateinischen und Hebräischen. Da nun einige Tage Vakanz einfielen, so wollten wir diese bei seinem Vater, einem alten kreuzbraven Manne, zubringen. Wir waren schon beinahe am Tor, als der Postbote Linker mir zwei Briefe überbrachte: den einen von meinem Vater mit etwas Geld von meiner Mutter; den andern, wie ich aus der Hand der Aufschrift schloss, von meinem Onkel, dem Pfarrer zu Oppenheim. Ich gab dem Linker seine Gaben und steckte die Briefe zu mir, um sie in Reiskirchen mit voller Muße zu lesen.

In Reiskirchen konnte ich erst den Abend beim Schlafengehen Zeit dazu gewinnen: der ganze Tag wurde mit lauter erheiternden Zerstreuungen hingebracht, und dann hatte die Schwester des Herrn Diefenbachs, ein liebenswürdiges Landmädchen, jetzt (1792) die würdige Gattin des Herrn Rektors Röchelt in Genfern, mich entzückt, so sehr entzückt, dass ich beinahe vergessen hätte, dass ich Bursche war.

Auf meinem Schlafzimmer öffnete ich meine Briefe und las den meines Vaters zuerst: er war lateinisch mit vielen griechischen Versen aus dem Homer, Theokrit u.a. nach seiner Gewohnheit ausgeschmückt, Nachher öffnete ich den meines Onkels; aber Himmel, wie ward mir, als ich mich getäuscht fand, als ich meines Thereschens Hand erkannte! Lange Zeit konnte ich vor Zittern und Verwirrung keinen Buchstaben weiter heraus bringen: endlich sucht’ ich mich zu fassen, las mit Besinnung und wurde jetzt nur noch tiefer berührt. Therese meldete mir, dass sie sich in Mannheim bei der Frau B.…, ihrer Base, aufhalte, und machte mir über mein Stillschweigen Vorwürfe. Sie wisse, schrieb sie, dass wir verraten wären, dass mein Vater alles erfahren hätte, und dass er mir nicht hätte erlauben wollen, von ihr Abschied zu nehmen: dass also dies nicht geschehen sei, wäre leicht zu verzeihen;dass ich aber von Gießen aus auch nicht einmal an sie schriebe, wäre ihr ein Rätsel. Ob ich sie vielleicht nicht mehr liebte? u.s.w. Wenns übrigens nicht gar zu weit wäre, fügte sie hinzu, so würde sie mich bitten, sie in Mannheim zu besuchen. –

Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen: hundertmal wollte ich aufstehn und gerade nach Mannheim hin laufen: tausend andere Gedanken fuhren mir durch den Kopf: mein ganzes Ich war von meinem Mädchen eingenommen und nicht ein Schatten von Gedanken an Kommers und Burschenkomment blieb in meiner Seele. Ich redete mit dem lieben Mädchen als wäre sie gegenwärtig, klagte ihr meine Not, bat um Verzeihung, schwur ihr von Neuem ewige Treue und was der Verliebten Schwindelei mehr war.

Endlich ward es Tag und Diefenbach kam, mich zum Koffe abzuholen. Er bemerkte anfänglich meine Verwirrung nicht; aber seine Schwester sah mir gleich an, dass ich nicht der mehr war, der ich am vergangenen Tag gewesen war. Sie fragte mich, ob ich vielleicht schlecht geschlafen hätte? Niemals besser, war meine Antwort. – Diefenbach hatte sich auf eine halbe Stunde entfernt und nach seiner Zurückkunft bat er mich, ihn in den Garten zu begleiten. Ich tats und nachdem wir unsere Pfeifen gestopft hatten, fragte Diefenbach ernstlich: Höre Laukhard! Wie siehst du aus? Du machst ein ja Gesicht, wie eine verhunzte Grundbeeren-Pastete! sag’ was ist dir? 

Ich: nichts Lieber, gar nichts: ich wüsste nicht, was mir fehlen sollte! Diefenbach: das musst du einem Narren weis machen! dir ist was begegnet, es sei nun, was es wolle! Ich: sei versichert, mir fehlt gar nichts. 

Diefenbach: bist verliebt Kerl, gesteh’s nur; was hilft das Leugnen! Nicht wahr, bist verschossen? 

Ich: In wen denn? Ich glabe, du willst mich zum Narren haben! 

Diefenbach: (indem er Theresens Brief hervorzieht) Sieh, Freund, du musst deine Korrespondenz künftig besser verwahren! Meine Schwester hat den Brief droben in der Stube gefunden, und hat ihn auch gelesen und ich hab ihn auch gelesen. Schau, nun leugne, dass du ein verschammerierter Hase bist! 

Ich: (wie vom Blitz getroffen) du wirsts doch in Gießen nichts sagen? 

Diefenbach: da müsste mich der Gukkuk plagen! meinst du denn, dass ich ein Drastik bin? Sei nur getrost: von mir erfährt der Teufel selbst kein Wort - und von meiner Schwester auch nicht. – 

Während dieses Gesprächs war auch Mamsell Diefenbach in den Garten gekommen und fing nun an, mich aufzuziehen; als sie aber sah – und so was sehen die Frauenzimmer eher, als der feinste Kritiker ein mendum, – dass sie mich tief kränkte, änderte den Ton und teilte meine Empfindung. Nichts ist labender für einen Verliebten, als ein schönes Frauenzimmer, das in seine Gefühle einstimmt. Ich schwamm in Seligkeit und geriet über dem Lob meines Mädchens so in Enthusiasmus, dass ich vergaß, dass das Lob des einen Frauenzimmers beinahe allemal die Eitelkeit des anderen beleidigt. Mamsell Diefenbach bestärkte mich in meinem Vorhaben, nach Mannheim zu reisen, um Therese zu besuchen.

#vor Ostern 1775: Ich bin Student in Gießen

Posted on August 11, 2013 at 4:10 PM Comments comments (0)
In Gießen ließ ich mich immatrikulieren und meinen Hut nach der neuesten Mode zu stutzen. Sodann suchte ich mir auf dem Lektions-Katalog einige Collegien aus, pränummerierte sie, kaufte Kompendien, stattete meinen Besuch auf den Dörfern ab und verschaffte mir einen neuen blauen Flausch mit roten Kragen und  Aufschlägen. Mein Vater blieb nicht lange: er gab mir noch gute Lehren in Menge und reisete nach Hause.  Hier muss ich dem Leser eine Beschreibung von der Gießer Universität liefern. Ich wünschte, dass diese Beschreibung weder langweilig noch läppisch scheinen möchte. Aber bei der Beschreibung einer Universität muss doch notwendig manches Läppische mit vorkommen, wenn sie anders die nötige Vollständigkeit haben soll.  -  Die Universität hat sechzehn besoldete und etwa drei unbesoldete oder außerordentliche Lehrer. Es sind ca. 250 Studenten in Gießen, obgleich in allen Zeitungen herumstand, es wären 500. Aber man darf von dergleichen nur die Hälfte glauben… Die Gießer Studenten sind meistens Landeskinder, doch befinden sich auch viele Pfälzer, Zweibrücker und andere daselbst.
Nicht lange nach meiner Ankunft zu Gießen wohnte ich auch einem Kreuzzuge bei. Das Ding war so: Sechs derbe Bursche bewaffneten sich mit Flinten und dem Zubehör und marschierten gegen Abend auf ein Dorf etwa zwei Stunden von der Stadt. In diesem Dorfe wurde derb gezecht und dann ging der Zug auf einanderes: In jedem Dorfe wurden die Bauern periert, die Flinten losgeschossen, den Nachtwächtern das Horn genommen, wild darauf geblasen: kurz, ein Spektakel, dass alle Bauern in Harnisch gerieten. Wagten sie es dann, sich uns zu widersetzen, so wurde ihnen gedroht, dass, sobald sie sich weiter mokierten, wir scharf auf sie schießen würden, ohne die Ankunft unsrer übrigen Kameraden abzuwarten: wir wären wir wer weiß wie stark! Würden sie aber Friede machen, so wollten wir abziehen und dergl. In einigen Dörfern wurde wirklich auf diese Art Friede gemacht; aber in Busek, wohin wir gegen Tages Anbruch kamen und wo wir weit ärger tobten, als vorher irgendwo, wollten die Bauern von kapitulieren so wenig wissen, dass sie uns, nachdem wir eine blinde Salve auf sie gegeben hatten, dergestalt Durhkeilten, dass es und verging, den Kreuzzug fortzusetzen. Freilich hätte mich dies witzigen sollen, dergleichen Kreuzzügen nicht wieder beizuwohnen: Gefahrlich waren sie immer und sehr tief unter der Würde eines Universitäres, aber – wie man ist! Mein Leicht, mein heroischer Heroismus verleitete mich noch dreimal dazu! 
In dem wilden Leben vergaß ich ganz meines Thereschens, oder besser zu sagen, die Burschenphrenesie bemächtigte sich aller meiner Sinne so sehr, dass ich an sie nicht denken konnte. Freilich fiel sie mir mehrmals ein: allein der stärkere Gedanke, dass ich Bursch wäre und nun als Bursch leben müsste, verscheuchte ich sogleich das Bild des guten Kindes und jagte mich zum Blazer oder zum Eberhardt-Busch.

Januar 1775 Wendelsheim: Ich soll Student werden

Posted on August 4, 2013 at 10:18 AM Comments comments (58)
...kündigte mir endlich mein Vater an, dass ich mich anschicken sollte, in einigen Tagen die Universität zu beziehen: "hier", sagte er "wird aus dir nichts, hier verdirbst du an Leib und Seele und ärgerst mich noch zu Tode!" Ich stellte ihm vor, dass noch lange nicht Ostern wären, dass es Aufsehen erregen würde, ausser der Antrittszeit sich zur Universität zu begeben, u.s.w. Aber alle meine Vorstellungen waren vergebens: es blieb bei seinem Beschluss: kaum konnte ich noch acht Tage Aufschub erhalten, um von meinen nächsten Bekannten Abschied zu nehmen; – meine Therese sollt' ich durchaus nicht weiter besuchen – Das tat mir freilich sehr wehe; aber die Erwartung der Dinge, die ich nun bald auf der Universität erleben soll, mindert meinen Schmerz, erheitert meine Miene.

Mein Vater wollte mich selbst nach Gießen – denn dahin sollte ich – begleiten, damit ich unterwegs keine dummen Händel vornehmen möchte. Trotz aller Strenge schrieb ich aber doch einige Zeilen vor meinem Abzug noch an Therese, und erhielt eine recht zärtliche Antwort. Von Frankfurt am Main hab ich noch einmal an sie geschrieben.  Unterwegs gab mir mein Vater viele vortreffliche Lehren; und ich würde gut gefahren sein, wenn ich sie befolgt hätte: aber leider schon in Frankfurt vernachlässigte ich eine seiner Hauptvorschriften. In dieser Stadt diente ein Barbirgeselle aus meiner Gegend, den ich aufsuchte, weil mir seine Anverwandten einen Auftrag an ihn gegeben hatten. Der Mensch war froh, dass er mich sah und bot sich an, mich auf den Abend in die Komödie zu führen. Mein Vater erlaubte es. Da ich dergleichen schon mehr gesehen hatte und ohnedies ein sehr bekanntes Stück gegeben wurde; so bat ich meinen Führer, mir lieber sonst etwas Merkwürdiges in dieser schönen Stadt zu zeigen. Um meinen Vater hernach zu beruhigen, verabredeten wir, ihm zu sagen, dass wir in der Komödie gewesen wären. Gesagt, getan! 

Mein Landsmann nahm mich mit und führte mich – ins Bordell, zur Madame Agrcola. In meinem Leben war ich noch in keinem Hause gewesen, welches der Venus geweiht war: ich erstaunte also nicht wenig, als ich die zügelloseste Wollust sich hier in ihrer abscheulichsten Reizbarkeit entwickeln sah. Mein Kamerad machte sich mit den Mädchen viel zu schaffen; mich aber hinderte meine Blödigkeit, zu machen, wie man vielleicht erwartet.

Ungefähr um elf Uhr verließen wir dieses lüsterne Haus. Ich machte meinem Vater eine Beschreibung von dem Schauspiel und er war zufrieden. Des anderen Tages besuchte er einen Freund, der ihn zum Abendessen dabehielt. Nun konnte ich wieder ausgehen und meine Leser erraten schon, dass mein Gang zur Madam Agricola gegangen ist. Ich war jetzt dreister: mein Begleiter war nicht bei mir. Ich blieb bis nach Mitternacht und verzehrte eine Karoline von dem Gelde, das mir meine Mutter und einer meiner Verwandten zur Universität geschenkt hatten. Ich Thor wusste noch nicht, wie sauer Geld erworben wird! Die Mädchen waren fürchterlich aufgeräumt und klirrten mich so zuckersüß heran, dass ich ihnen Wein, Schokolade, Gebackenes u.d.gl. bringen ließ. Cetera non erat praetor. Mein Vater war ungehalten auf mich, dass ich so lange ausblieb; aber ich wusste ihm so viel vorzunebeln, dass er sich endlich zufrieden gab.

In einem Tage reisten wir von Frankfurt nach Gießen, welches ungefähr zwölf starke Stunden davon liegt. – Mein Vater überließ es unterwegs meiner Wahl, ob ich Jura oder Theologie studieren wollte; er stellte mit aber auch vor, dass ich doch nur sehr schwerlich zu erwarten hätte. Er fügte hinzu, dass Protestanten wegen der Religion wenig Ansprüche auf kurfürstliche Bedienungen machen dürften. Er riet mir also zur Theologie, ob er gleich  im Herzen die meisten Sätze des Kompendiums für Errichtungen oder erzwungene Lehrvorschriften hielt. Ich versprach demnach, Theologie zu studieren; aber im Ernst hatte ich das nicht im Sinne. Ich wollte nämlich noch sehen, wie es mit meinem Mädchen und ihrem Anhang werden würde. 

In Beisein meines Vaters versprach ich zwar hoch und teuer, an Theresen nicht mehr zu denken und noch weniger an sie zu schreiben; aber mein Herz hing noch fest an ihr, so fest nämlich, als es für das Herz eines äußerst leichtsinnigen und unerfahrenen jungen Menschen möglich ist: – und noch hatte ich keine andere Vorstellung von Glück, als von dem in ihrem Besitz. Ich wollte also, wie schon gesagt, zusehen, wie es noch werden würde...