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#Ende September 1775 Pfalz: Theologisch disputiert – Hohelied des Salomo – Dem Herrn Pfarrer Machwirth vergeht der Appetit

Posted on September 20, 2013 at 4:21 PM Comments comments (0)
Während meines Aufenthalts in der Pfalz, hatte ich auch einigemal Gelegenheit mit einigen Herrn Pastoren und andern orthodoxen Herren über Gegenstände der Theologie zu disputieren, von der ich freilich damals noch blutwenig wusste. 

Ich hatte aber doch gehört, dass die Gottheit des Herrn Christus anfinge, stark bezweifelt zu werden: dass Bahrdt die Ewigkeit der Höllenstrafen, die Kraft der Taufe bei kleinen Kindern u.s.w. leugnete; dass Semler in Halle ganz neue Grundsätze über den Kanon aufgestellt hätte – und was dergleichen Weisheiten mehr waren. Ich brachte meine Sätze, die ich noch so vom Hören-Sagen hatte und eben darum nur halb verteidigen konnte, aller Orten vor: man widersprach mir mächtig. Ich war aber immer glücklich genug, meine Gegner in die Enge zu treiben und freute mich allemal in der Seele, wenn so ein Herr Pastor nicht weiter fortkonnte und seine Zuflucht zu Machtsprüchen und Schimpfereien nehmen musste. 

Herr Pfarrer Machwirth von Morschheim wurde einst über Tische gleich nach der Suppe – als ich behauptete, das Hohelied des Salomo sei nichts als eine Sammlung von Fragmenten von Liebesliedern und sei obendrein schmutzigen Inhalts, wenn man es nach unseren Zeiten betrachtete – so über mich erbost, dass er keinen Bissen weiter zu sich nehmen konnte: so sehr hatte ihn der Eifer für die reine Lehre ergriffen! 

Mein Vater sah mit Vergnügen, dass ich nach seinem Ausdruck anfing zu erkennen, wo Barthel den Most holt. Er empfahl mir zugleich des Büchelchen des Samuel Crellius de uno Deo Paddle … Hier im ganzen Lande und auch im Darmstadtischen, sagte mein Vater, wird niemand so leicht den Crellius widerlegen.

#September 1775 Wendelsheim: Kurz, mein Enthusiasmus in der Liebe hat nachgelassen

Posted on September 16, 2013 at 8:10 AM Comments comments (1)
Der Versuch, mich über diesen Punkt auszuspähen, misslang meinem Vater: er fragte mich nämlich, ob ich nicht Lust hätte, den Amtmann.....zu besuchen? Er sei immer ein Freund unserer Familie gewesen: auch würde hoffentlich die Lapperei mit seiner Tochter – so nannte er unsre Liebschaft – nun ihr Ende erreicht haben. – Ich sagte ihm ganz unbefangen: wenn er es haben wollte, so würde ich ihn besuchen, wenn er aber im geringsten besorgt wäre, dass ich wieder in meine vorigen Schwachheiten zurückfallen möchte; so sollte es nicht geschehen.

Mein Vater war damit zufrieden und versprach mir, dass er selbst mit mir zum Amtmann gehen wollte. Das geschah auch einige Tage hernach; aber unsere Zusammenkunft war so ziemlich kalt und gleichgültig.

Therese selbst schien mich nicht mehr als ihren Einzigen zu betrachten. Vielleicht hatte sie einige Erkältung in meiner Liebe bemerkt: und Bemerkungen von der Art, ziehen etwas ähnliches nach sich: vielleicht – Doch die Zeiten ändern sich mit uns – und wir mit ihnen...

#14. September 1775: Bellermarkt im Jubel – erfüllte Sehnsucht ...

Posted on September 14, 2013 at 4:51 PM Comments comments (0)
Der Bellermarkt ging in Jubel vorüber und ich sah mein Mädchen noch einmal daselbst. Aber wenn ich mich jetzt untersuchte; so fand ich, dass meine sonst feurige Liebe, viel von ihrer Stärke verloren hatte. Die lange Abwesenheit hatte sie wahrlich nicht geschwächt: denn noch als ich mit dem Töpfer Engel redete, war Theresens Bild so in meiner Seele, dass es dieselbe ganz und gar ausfüllte: nur als ich sie in der Weinhütte sah, nahm das Bild an Leibhaftigkeit ab und wurde jedesmal, so oft ich nachher bei ihr war, schwächer. Ob die kleinlichen Verhältnisse ihres Aufenthaltes in der Hütte sie selbst bei mir verkleinert – oder ob die vielen rauschenden Zerstreuungen meine Empfänglichkeit für sie vermindert hatten, weiß ich nicht...

#13. September 1775 Wendelsheim: Früh am Morgen Ritt zu Therese

Posted on September 12, 2013 at 7:03 PM Comments comments (1)
 …und hätte gern bis 8 Uhr geschlafen, aber ich wollte ja Thereschen besuchen! Das weckte mich schon um fünfe. Ich stand auf, zog mich an und frisierte mich so gut ich konnte; sodann musste unser Knecht das Pferd satteln und darauf gings fort, noch lange vorher ehe mein Vater aufstand. Als ich zu Theresen kam, war sie eben aufgestanden und noch ganz im Neglischee. Ich genoss da wieder selige Augenblicke! Es wurde alles im Beisein des Vaters wiederholt, was schon mehrmals war verabredet worden, besonders an Pfingsten in Mannheim. Das Pferd schickte ich durch einen Boten nach Alzey und begab mich bald zu Fuße zurück, um wenigstens zum Mittagessen zu Hause zu sein und meinem Vater Argwohn zu ersparen Der gute Alte hat auch nicht gemerkt, dass ich ihn am ersten Tage hintergangen hatte. So leichtsinnig ist man, so lange man noch unstetig ist!

#12. September 1775 – heute vor 238 Jahren: Bellermarkt bei Eckelheim beginnt...

Posted on September 12, 2013 at 10:25 AM Comments comments (0)
Ich hörte in Flonheim, dass heute der  erste  Bellermarkttag wäre. Das war mir eine erwünschte Nachricht. Ich hatte von Alzey aus ein Pferd mitgenommen und nun statt nach Wendelsheim zu reiten, ritt ich à la Bursch angezogen, mit einem derben Hieber versehen, auf den  Bellermarkt. Gleich vorne an traf ich den ehrlichen Töpfer Engel aus Wendelsheim, der da sein irdenes Geschirr feil hatte. 

Engel:  Ei Herr Jeh! Mus-che Fritz, willkum! Ach um Gottes Wille, wo kumme Sie dann her? 

Ich: Heute nicht weiter als von Alzey. Hör er, Meister, ist mein Vater hier? 

Engel: Noch nit: er werd abber doch bal kumme. Die Mammese kimt och, un och die Tantese, (Mamma und Tante) 

Ich: Ist sonst kein Bekannter hier? 

Engel: (vertraulich) Mus-che Fritz, Ehr Mensch (Ihre Geliebte) es schun da mit ehrem Babe (Papa). 

Ich: Das wäre! Und wo sind die, mein lieber Meister? 

Engel: Da unne in Bremshütt. 

Ich: Da muss ich gleich hin! à propos Lieber! ich habe eine Bitte an ihn. 

Engel: Wann eichs (ich es) tu kann, mit Fröde. 

Ich: Kann er mir einige Gulden vorstrecken, bis wir nach Hause kommen? 

Engel: (sehr freudig) Ei warum nit. Eich will Ehne zehn Gulle gebe: hun Se damet genug?

Ich: Mit der Hälfte! Wenn ich nur fünf Gulden habe. 

Engel: (zählt Geld) Nä, da seyn zehn Gulle, es es schun gut. Se (zu) Wennelshem gebe Se mer se weder. 

Thereschen...
Auf diese Weise war mein Beutel wieder in Ordnung, welcher auf der Reise, besonders zu Frankfurt, ziemlich schwindsüchtig geworden war. Hierauf band ich mein Pferd an den Wagen des ehrlichen Engel und ging, mein Mädchen aufzusuchen. Ich fand sie bald, aber wie rot ward sie über und über, als sie mich erblickte! Ihr Vater schüttelte mir indes traulich die Hand und bewillkommte mich, als wäre ich sein Sohn gewesen. Aber wegen der Herumstehenden konnten wir nichts reden, was zur Sache gehörte. Vielmehr ermahnte er mich, ihn und seiner Tochter zu verlassen, damit uns mein Vater, der wahrscheinlich auch kommen würde, nicht zusammen fände und hernach von neuem lärmte. Ich fand diesen Grund vernünftig, empfahl mich, versprach aber, den folgenden Morgen sie wieder zu besuchen, und ging. 

Weit von Bremshütte setzte ich mich in eine andere, worin ich einige geistliche Herren, die ich kannte, sah, und fing an, á la Bursch zu zechen. Kaum hatte ich einen Schoppen Wein geleert, als mein Vater mit einer starken Gesellschaft vorbei ging. Ich lief auf ihn zu, grüßte ihn: und der gute Mann, so unerwartet ihm auch mein Hervortreten war, gab doch sein Vergnügen zu erkennen, dass er mich sah. 

Wieder zu Hause
Wir waren sehr vergnügt: es war da alles so philanthropisch! keiner nahm dem andern etwas übel. Den Abend ging es nach Wendelsheim: mein Vater und seine Gesellschaft zu Fuße; ich aber ritt ganz burschikos neben her und sprach vom Kommend. Meinem Vater missfiel dies, wie ich aus seiner verdrießlichen Mine merkte; die andern schienen aber ganz Ohr zu sein. Endlich kamen wir an und die Bauern und Nachbarn liefen alle zusammen, den Mus-che Fritz, den sie seit dem Jänner nicht gesehen hatten, zu beschauen, ob er auch recht bengelich (stark und robust) geworden wäre. Mein Vater fragte mich, woher ich das Ross hätte und da log ich ihm vor, ich habe es zu Flonheim genommen, wo noch ein Bekannter von mir sich aufhielte: ich würde es den folgenden Morgen wieder dahin reiten: so fragte er nicht weiter. Ich war sehr müde und hätte gern andern Tag geschlafen bis 8 Uhr; aber ich wollte ja Thereschen besuchen...

#September 1775 Gießen: Rückblick aufs erste Semester – Heimreise – Bemerkungen zum Bellermarkt

Posted on September 10, 2013 at 12:13 PM Comments comments (1)
Ich hatte den Sommer fidel und burschikos zugebracht, hatte mich zweimal geschlagen, war drei oder viermal im Karzer gesessen und hatte nach den Statuten des eben erwähnten Parlaments den Eulerkapper bis aufs Leben geketzert. Da freute sich nun meine Seele, als ich gegen das Ende des Halbjahrs meine Iahten überlegte und keine einzige fand, warum ich mir – wie ich damals dachte – hätte Vorwürfe machen dürfen. Das waren aber meine tollsten Streiche noch nicht alle.

"Junker Laukhard" geht zum Ball
Einmal war mir gar eingefallen, eimen Ball am Ludwigstage als dem Namenstage des Landgrafen, beizuwohnen. Ich ließ mich deswegen chapeaubas frisieren, zog seidene Strümpfe an – und ging nach dem Rathause zu, wo der Ball gegeben wurde. Unterwegs begegnete mir ein gewisser Burkhard, welcher eben dahin wollte. Wir beredeten uns vorher zum Stangenwirt – so hieß der Wirt Balthasar bei den Studenten – zu gehen und da einige Stangen Doppelbier auszuleeren, Als wir ins Bierhaus kamen –  man stelle sich eine erzraucherige Stube voll Tabaksqualm vor, wo Studenten, Philister und Soldaten beisammen sitzen und Bier trinken – und dann denke man sich uns beide, ballmäßig gekleidet und chapeaubas auf der Bierbank mit einer Stange – einem großen Passglase in der Hand . – genug, als wir hinkamen, fanden wir so viel Bekannte, dass wir bis zehn Uhr verweilten und uns derb benebelten. Dann fiel uns ein, auf den Ball zu gehen.

Wir gingen hin, aber gleich merkte jedermann, dass uns der Kopf schwer war. Burkhard hörte, dass man sich über ihn aufhielt und fing daher an zu spektakeln bis man ihn endlich zur Tür hinauf transportierte. Er trat hierauf vors Rathaus und perierte den ganzen Ball: dafür musste er auf einige Tage nach Cordanopolis* wandern.

Ritterliche Ohrfeigen zahlen sich aus 
- ein Frauenzimmer verhindert den Skandal
Ich war als dieses vorging in einem Nebenzimmer, wo Demoiselle Langsdorf, welche mir besonders zugetan war, weil ich einem dummen Jungen (Musje Lauer hieß er), der ihr einen Ekelnamen einst gab, derbe Ohrfeigen zugeteilt hatte. Diese Heldentat hatte sie erfahren und belohnte mich dafür mit ihrer Freundschaft.
 
Mamsell Langsdorf hatte wohl gesehen, dass es mir nicht richtig war: sie sorgte also dafür, dass ich im Nebenzimmer blieb und keinen Skandal machte, wie mein Kamerad. Endlich ging ich doch in den Tanzsaal und tanzte einige Menuetts; wie aber – das kann man sich denken!

Heimreise übern Bellermarkt**
...ich meinem Vater, dass jetzt bald Ferien wären: er möchte mir also erlauben, ihn zu besuchen. Meine Leser erraten, ohne dass ich es sage, dass nicht die Begierde, meine Eltern zu sehen, sondern aufwiegelnder Drang, mein Mädchen zu sprechen, die Ursache war. Von der Reise selbst will ich nichts erwähnen: es ist nichts Merkwürdiges dabei aufgestoßen, außer dem Folgenden: 

Eine halbe Stunde von Wendelsheim wird jährlich ein berühmter Jahrmarkt unter dem Namen Bellermarkt gehalten, und zwar im blanken Felde, woran mehrere Ortschaften Teil nehmen. Dahin kommen Kaufleute und Krämer viele Meilen her – von Mainz, Works, Mannheim, ja sogar von Frankfurt und Straßburg. Es werden auch eine Menge Weinhütten, ungefähr 50, errichtet und von allen Biersiedern aus dem ganzen Umkreisher bemusiziert. Daher besucht die dortige Gegend von weit her den Jahrmarkt. Da findet man Gräfliche und Adeliche, Civilbediente und Prediger, Frauenzimmer von Stande, auch Hans und Gretel, Creti und Pleti, nebst einer ansehnlichen MengeTöchter der Freude und die Anzahl dieser letzteren soll sich, wie man sagt, noch jährlich vermehren

*Der damalige Karzerknecht – eine recht gute Anstalt ist das mit dem Gießer Karzerknecht! – hieß Conrad. Diesen Namen veränderten die Studenten in Cordanus und der Karzer hieß daher Cordanopolis.

** Der Bellermarkt im Jahr 1775 begann demnach am Dienstag, den 12. September und dauerte bis Freitag, den 15. September

#August/September 1775 Gießen: Gerichtsverhandlung gegen Eulerkapper – noch mehr zerschmissene Fensterscheiben

Posted on September 6, 2013 at 2:56 PM Comments comments (1)
Schacht indizierte nun ein Parlament, welches sich im Rappen versammelte und ein Urteil über den Eulerkapper sprechen sollte. Das Parlament kam zusammen, Schacht redete nachdem jeder seinen Bierkrug vor sich und seine Pfeife angesteckt hatte, die Versammlung an und stellte ihr vor, wie Euler, der Mädchenschulmeister, bisher Ursache gewesen sei, dass so manche honorige Bursche ins Karzer gekommen und sonst gestraft worden wäre; dass also eine allgemeine Entscheidung zu fassen sei, wie man es in Zukunft mit dem Euler halten sollte. Er für sein Teil fände notwendig, dass man ihm einen angemessenen Ekelnamen beilegte. – 

Hierauf wurde debattiert und endlich beschlossen: dass der Mädchenschulmeister Euler in Zukunft Eulerkapper heißen und jeder Bursche ihn wenigstens einmal in der Woche perieren sollte. Die Perificationsformel wurde auch durch die meisten Stimmen folgendermaßen angegeben: „Es lebe Ihre Magnifizenz, der Herr Johann Heinrich Eulerkapper, Ritter vom Fellago, des heiligen Römischen Reichs Großkroneselsohrträger, Hundsfott und Schwerdtfeger, hoch und abermals hoch und noch einmal hoch! Pereat Eulerkapper!“ – Dabei sollte, wenn sichs sonst tun ließe, der Periant dem Eulerkapper auch die Fenster einwerfen. 

Das löbliche Parlament gab gleich denselben Abend ein Beispiel der Befolgung der sanierten Gesetze. Alle Assessoren, nachdem sie sich derb benebelt hatten, zogen vor des armen Mannes Haus und perierten ihn in der besten Form. Der Eulerkapper, welcher sich nicht getraute, vor seine Tür zu treten, musste dem Lärmen ungerächt zuhören: denn er erkannte niemanden, war also nicht im Stande, einen Peristanten bei der Obrigkeit anzugeben. Seit dem Parlamentstage hatten die Kappereien kein Ende: alle Abende wurde von mehr als hundert Studenten, pereat Eulerkapper, gegrölt und eine Fensterkanonade vorgenommen. 

Ja, einst perierten ihn gar zwei junge Frauenzimmer. Es blieb aber nicht beim Perieren und Fenstereinschmeißen allein: es wurden auch Pastille, Liedchen und scheußliche Gemälde gemacht und aller Orten, besonders in der Gegend des Hauses dieses geplagten Schulmeisters, angeklebt. Da so oft Studenten vom Kapper erkannt wurden; so kamen auch nicht wenige aufs Karzer. Freilich war diese Strafe niemals scharf: ein, höchstens zwei, bei öfteren Wiederholung auch drei oder vier Tage Arrest, war die ganze Züchtigung – nebst der Bezahlung der zerschmissenen Fensterscheiben. Der Rector lachte allemal, wenn er jemanden wegen Kapperei vorhatte. 

Vorzüglich gefielen diese Possen dem Herrn Bechthold, welcher mich besonders, freilich im Spaß und mit großem Gelächter, des Satans Engel hieß, der Eulerkappern mit Fäusten schlüge. Dafür musste ich indes doch nach Cordanopolis* wandern.  

*Der damalige Karzerknecht – eine recht gute Anstalt ist das mit dem Gießer Karzerknecht! – hieß Conrad. Diesen Namen veränderten die Studenten in Cordanus und der Karzer hieß daher Cordanopolis.

#August/September 1775 Gießen: Eulerkappereien – Wäre ich nur in anderen Dingen so genau gewesen!!

Posted on September 3, 2013 at 7:23 AM Comments comments (0)
Zu Gießen war es damals Mode, dass ein inkarcerierter Student einen andern des nachts zur Gesellschaft bei sich haben konnte. Herr Schach wählte mich dazu. Ich ging hin und wir verbanden uns, den Euler forthin auf alle mögliche Art zu necken und zu beschimpfen. Ich hielt redlich Wort, wie ich überhaupt bei dergleichen Versprechungen niemals wortbrüchig geworden bin. Wäre ich nur in anderen Dingen so genau gewesen!! 
 
Ich hielt Wort und perierte den Eulerkapper gleich am folgenden Abend und warf ihm die Fenster ein, Aber das Unglück wollte, dass ich erkannt und beim Prorektor angegeben wurde. Dieser diktierte mir zwei Tage Karzer und die Unkosten für die eingeschlagenen Fensterscheiben. Einige andre Freunde, welche den Eulerkapper auch periert hatten, kamen gleichfalls aufs Karzer. Das ergrimmte die ganze Burschenschaft und schwur dem Eulerkapper den Tod.

Gießen August 1777: Eulerkappereien – Die Musensöhne sind oft sehr bösartige Kinder

Posted on August 31, 2013 at 4:38 PM Comments comments (1)
Ohngefähr im Monat August dieses Jahres entstanden in Gießen die Eulerkappereien… am Wagengässchen, wohnte ein gewisser Euler, welcher in seiner Jugend Theologie studiert hatte, hernach aber wegen eines illegalen Beitrags zur Bevölkerung, der durch seines Vaters Magd zum Vorschein gekommen war, die Hoffnung verlor, ein geistliches Amt zu begleiten. Er hatte die Mädchenschule in Gießen angenommen, war dabei Leichenbitter, Kantor in der Zuchthauskirche und Klingelbeutelträger in der Stadtkirche. Dieser Euler, oder nach dem Ekelnamen, den ihm die Studenten gegeben hatten, 

Eulerkapper, war ein lächerlicher Mensch: seine Minen, sein Anzug, sein Gang, kurz, alles war war so auffallend beschaffen, dass ihn niemand ansehen konnte, ohne überhaupt zu lachen. Er war eben darum der allgemeine Gegenstand für die Neckereien der Gießer Studenten Studenten: und diese Neckereien nannte man – Eulerkappereien. 

Neben Eulerkappern wohnte ein Student, welcher aus seinem Kammerfenster gerade in dessen Putzstube sehen konnte. Der Student nahm einmal den Zeitpunkt in Acht, als das Fenster dieser Putzstube offen stand, befestigte seinen Kammertopf an eine Stange, langte dieselbe hinüber und leerte den Topf – es war Unrat von verschiedener Gattung darin – in der Putzstube aus. Euler musste das Ding bald erfahren, musste auf den Urheber schließen und nun war es ganz natürlich, dass er ihn beim Rector verklagte.

Übermut tut selten gut

Der Student lehnte die Beschuldigung von sich ab durch Vorgeben, dass manche Bursche in seiner Abwesenheit, auf seine Stufe zu gehen pflegten und da könnte es immer sein, dass sie den Mutwillen verübt hätten. Er für seine seine Person wäre von dergleichen schmutzigen Affären weit entfernt. – Auf diese Art kann Herr Schacht ohne Strafe davon und der Rector lachte bloß über den Einfall, einen Kammertopf in ein fremdes Visitenzimmer auszuleeren.

Den folgenden Sonntag versammelte Herr Schacht eine große Menge Studenten auf seine Stube. Kaum war Euler mit Frau und Tochter zur Kirche, so wurde sein Fenster mit einer Stange eingestoßen und auf die vorhin beschriebene Art eine Menge Ladungen in die Putzstube transportiert. Euler erfuhr schon auf dem Rückweg nach Hause, was vorgefallen war. Er klagte, und nun haltendem guten Schacht seine Ausflüchte nicht: er musste vier Tage ins Karzer, musste Eulern das Fenster einschieben lassen und dreißig Gulden zur Reinigung der Putzstube hergeben. 

Fortsetzung unter Eulerkappereien, Eintrag vom 3. September

Sturm und Drang

Posted on August 23, 2013 at 1:34 PM Comments comments (0)
Ich blieb noch einige Tage in Reiskirchen; aber dann konnt’ Ichs nicht mehr aushalten vor lauter Sturm und Drang, wie Meister Klinger spricht: ich ging nach Gießen zurück, rüstete mich, gab vor, ich wollte meine Bekannten in Weilburg besuchen – und begab mich auf die Wanderschaft der Liebe.

Ich machte in einem Tage die Strecke von Gießen nach Frankfurt, und das zu Fuße. – Nun, meine Herren Psychologen, will ich ihnen was sagen, das Ihnen vielleicht nicht so leicht zu erklären sein möchte, als die Ideen-Formen. Ich war doch voll von Theresens Bild, war ihr von ganzer Seele wieder ergeben: rege Sehnsucht trieb mich zu ihr hin, kein Gedanke stund in mir auf, an dem die Idee meines Mädchens sich nicht sogleich angekettet hätte; und doch besuchte ich den Abend, als ich in Frankfurt angekommen war, die berüchtigte Madam Agrikola. Wie ging das zu? –

Den folgenden Tag fuhr ich mit dem Marktschiffe nach Mainz, am dritten setzte ich mich in eine Retourchaise, war schon um elf Uhr in Worms und kam des Abends noch vor dunkel in Mannheim an. Ich logierte im Goldenen Stern, wo ich den Wirt kannte, der sich nicht wenig wunderte, mich bei sich zu sehen. Sogleich fertigte ich ein Billett in das Haus der Madame B…. des Inhalts, dass jemand aus der Gegend der Mamsell…. da wäre und sich erkundigte, ob sie nichts an ihren Herrn Vater zu bestellen hätte? Abschließend gab ich mir einen falschen Namen. Der Bote kam zurück, brachte mir ein Kompliment von der Mamsell mit dem Zusatz: man würde sich freuen, wenn ich sie des anderen Tages zum Koffe besuchen würde. Wer war froher als ich?

Ich ließ mich früh à la mode de Mannheim frisieren, bürstete meinen Rock fein aus und marschierte mit tausend Herzklopfen nach dem Hause der Madame B…. in der Nachbarschaft der Dominikaner. Therese empfing mich an der Haustür, gab mir eine Wink,machte mir ein gleichgültiges Kompliment auf Französisch und sagte sodann: je vous donnerai une lettre. Ouvrez-la, quant vous serez hors d’ici. 

Die alte Base empfing sehr höflich und erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Vetters, den sie noch vor einem Monate – ich aber seit einem Jahr halben Jahr nicht gesehen hatte. Therese gab mir während des Koffeetrinkens den Brief, den ich ihrem Vater überreichen sollte; ich merkte aber wohl, dass er für mich war. Ich blieb lange da und es wurde vielerlei besprochen. Einmal hätte ich den ganzen Spaß bald verraten: denn ich fing an, eine Gießer Historie aufzutischen und von Burschenkomment zu unterhalten. Theres wurde feuerrot: da merkte ich erst, wie dumm ich gewesen war und lenkte ein; erzählte aber doch weiter, nur sagte ich, ein guter Freund, der vor kurzem von Gießen gekommen wäre, hätte mir den Jux (Spaß)  mitgeteilt. Die Alte merkte auf die Art nichts.

Endlich kam ein Schneider, welcher Thereschen das Maß zu einem Schlender nehmen wollte. Sie ging mit ihm ins Nebenzimmer und da hob folgendes Gespräch an:

...auf heißen Kohlen 

Base: Sind Sie katholisch? 

Ich: O ja! – Mein Vater ist ja Oberförster. 

Base: Nun, so darf ich Sie ja um etwas befragen! Kennen Sie den jungen Laukhard? 

Ich: (bestürzt) O ja, warum sollte ich den nicht kennen! 

Base: Nun, wie ists denn mit dem? 

Ich: (gefasster) Er ist jetzt in Gießen: erst vor einigen Tagen habe ich einen Brief von ihm erhalten, worin er mir schreibt, dass es ihm recht gefalle, dass er sich das Burschenleben recht zu Nutze mache, und den Burschenkomment sich ziemlich verstehe. Ich muss Ihnen doch einen Begriff machen vom Burschenkomment, wie Laukhard mir ihn beschrieben hat. Sehen Sie, ein rechter Bursch –  

Base: Lassen Sie jetzt die Bursche und ihren Comment – wir haben über wichtigere Dinge zu sprechen. Sie wissen doch, dass Laukhard auf Therese in Auge geworfen hat? 

Ich: davon weis ich nichts! 

Base: Nicht? die ganze dortige Gegend ist davon voll. Sie werdens gewiss auch wissen! Doch dem mag sein, wie’s will: meinem Sie denn im Ernst, dass Laukhard es ehrlich meint? 

Ich: Laukhard hat mir immer ein ehrlicher Kerl zu sein geschienen. 

Base: ja geschienen – aber seine Ausführung  beweiset ja, dass er ein Schlingel ist, ein recht undankbarer Gukkuk, ders gute Mädel hat in die Mäuler der Leute gebracht, versprochen, er wollte katholisch werden und dann einmal Thereschen heiraten: und jetzt geht der Schlingel hin und studiert lutherisch geistlich – pfui! 

Ich: Hören Sie, Sie tun vielleicht dem Menschen unrecht. Sein Vater ist ein strenger Mann: der hat ihn gezwungen, nach Gießen zu gehen. 

Base: Ach, was gezwungen! Glauben Sie denn, dass der Esel nur einmal geschrieben hätte? – Das gute Mädchen, die Therese, hat sich bald die Augen ausgeheult und der Flegel sitzt zu Gießen und denkt nicht mehr an sie. Vom Komment kann er schreiben; aber an das gute Mädel auch nicht eine Zeile! 

Ich: Aber wenn er nun auch geschrieben hätte, das wäre ja doch vergebens gewesen!

Base: Ih, warum nicht gar! – Man hätte doch noch Mittel und Wege finden können, wenn nur der Schliffel nicht so ein Schuft gewesen wäre.  

Mit dem kam Therese wieder und unser Gespräch hatte ein Ende. Wer war froher als ich! Zwar hatte ich jetzt meine Ehrentitel gehört: sah aber doch auch, dass noch Hoffnung für mich übrig war. Ich eilte darauf weg, um zu sehen, was Therese geschrieben hätte.
 
Glück im Spiel... 

Ehe ich in mein Quartier kam, begegnete mir Herr Egons – jetzt (1792) Stadtschreiber in Oppenheim – und nötigte mich, mit ihm auf ein Koffehaus zu gehen. Wir spielten eine Partie Billard; ich entfernte mich aber auf einige Augenblicke, um den Inhalt von Thereschens Brief zu erfahren. Der war sehr kurz!

Ich sollte, schrieb sie, um vier Uhr jenseits des Neckars in der Aue sein, da würde sie mich sprechen: ich sollte nur am roten Häuschen verweilen. Das war viel Trost für mich! Auf dem Koffehaus wurde onze et demi gespielt: Ich wollte einige Gulden waren, die ich entbehren konnte – ich hatte von Gießen über vier Louis d’or mitgenommen – war glücklich und gewann gegen dreißig Gulden. Gegen Mittag hörte das Spiel auf. Ich bin niemals ein Freund vom Spiel gewesen; aber wenn ich spielte, hatte ich meistens Glück.

Um vier Uhr – o wie bleiern schleppte sich diese sehnlich gewünschte Stunde heran! – war ich schon lange am roten Häuschen jenseits des Neckars. Endlich erschien auch Therese und führte mich hinter die Bäume, wo wir ungestört kosen konnten. Das Gespräch bestand aus Vorwürfen, Entschuldigungen, Nachrichten und Beteuerungen von ewiger Liebe u. dergl. Leser von Erfahrung wissen, was wir reden konnten. 

Zuletzt offenbahrte ich Thereschen das Gespräch ihrer Base. Sie war sehr froh darüber und sagte mir, dass ich am folgenden Tage unter meinem eigenen Namen in ihrer Wohnung erscheinen sollte. „Die Base soll doch sehen“, setzte sie hinzu, „dass Laukhard kein Schuft ist: kommen Sie. wir wollen nach der Stadt gehen.“ Ich begleitete mein Mädchen bis an ihre Wohnung, wo die Base zum Fenster heraus sah und mich bat, herein zu kommen, aber das war wider unsere Abrede. Ich entschuldigte mich, gab Geschäfte vor und ging – weiter. 

…die Welt ist klein 

Ein Hanswurst hatte einige Tage vorher in Mannheim durch seine sieben Künste die Beutel der Müßiggänger, der Domherren und des übrigen heiligen und unheiligen Pöbels in Contribution gesetzt, und hielt sich jetzt in Frankental auf, um seine Possen auch da zu benutzen. Eine große Menge Mannheimer, – so erbaulich ist auch da der Geschmack! – fuhren, ritten und gingen nach Frankental, und auch ich ließ mich von Herrn Egons bereden, in einer Kalesche ihn dahin zu begleiten. Der Hanswurst balancierte auf dem Draht, ließ Marionetten spielen u.s.f. wobei das Zuschauervolk sein Zwerchfell mächtig voltigieren ließ.  Wir speisten den Abend im Wirtshaus - aber wie fuhr ich zusammen, als ich den Kupferschmied Kessler von Alzey gewahr wurde! Er logierte in nämlichem Gasthofe. Er fragte mich nach der Ursache meines dortigen Aufenthalts. Herr Dietsch von Frankfurt, antwortete ich, hat mich zu dieser Reise bewogen – und Kessler fragte nicht weiter. Nachts um elf war ich wieder beim Sternwirt. 

Früh kam die Magd der Madam…. und bat mich im Namen ihrer Herrschaft, doch gegen neun Uhr zum Frühstück zu erscheinen. Ich flog um die bestimmte Stunde dahin. „Ach“, sagte die Base, „Sie haben mich schön angeführt! Aber dafür haben Sie gestern Ihren Text hören müssen! – wir wollen es gegeneinander aufheben und gute Freunde sein!“ Mit diesen Worten nahm sie mich bei der Hand und setzte mich neben sich. Nun ward das Gespräch sehr ernsthaft, so ernsthaft, dass Thereschen sich wegbegab. Es wurde, damit Ichs kurz mache, der Entschluss gefasst, dass ich zwar für jetzt in Gießen bleiben, aber in den Herbstferien meine Eltern besuchen sollte. Inzwischen würde sich schon ein Mittel zeigen, unsern großen Zweck auszuführen. Das war die ganze Abrede. – Ich blieb noch zwei Tage in Mannheim, sah alle Tage mein liebes Mädchen und reiste dann mit schwerem Herzen wieder ab.