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Laukhard Passe Partout

Posted on May 11, 2013 at 6:16 PM Comments comments (0)

Lied: NON,  JE NE REGRETTE RIEN 

S: Ich bereue nichts, wer kann das schon von sich sagen. Friedrich Christian Laukhard jedenfalls nicht. Den ersten Teil seiner  Lebenserinnerungen hat er überschrieben mit „zur Warnung für Eltern und studierende Jünglinge“. Und das war nicht nur mit Augenzwinkern gemeint.
H: Friedrich Christian Laukhard wurde am 7. Juni 1757 in Wendelsheim geboren

PRELUDIUM (Bach) angespielt 

C: Mein Vater war Prediger dieses Orts und genoss einer ganz guten Besoldung bei einem sehr ruhigen Dienste.  
S(*): Der Vater hatte in den Sprachen und Wissenschaften viel geleistet. Er verstand recht gut Latein und war in den morgenländischen Sprachen, wie auch in der griechischen, gar nicht unerfahren. Seine Predigten waren nicht ausgeschrieben, und das heißt in der Pfalz viel, sehr viel!
C: Ich muß es meinem guten Vater zwar nachrühmen, daß er mich oft und mit aller Herablassung und Sanftmut unterrichtet hat: ja, er hielt mir anfangs keinen Lehrer, weil er glaubte, daß der Unterricht eines Vaters jenem eines Lehrers bei weitem vorzuziehen sei. Ein junger wohlerzogener Mensch bedeutete ihm bloß ein Jüngling, der seinen Cicero und Virgil lesen, die Städte. Flüsse u. dgl. auf der Landkarte anzeigen, die Namen der großen Heroen, die Schlachten bei Marathon, Cannae usw. auf dem Nagel herzählen und dann endlich französisch plappern konnte.  
S(*): Aber da diese Lehrstunden nicht lange dauerten, und der junge Friedrich Christian das, was er außer denselben auswendig zu lernen hatte, mit einem ziemlich glücklichen Gedächtnis ziemlich faßte, so entzog er sich der Aufsicht und benutzte seine übrige Zeit, da sein Vater in seiner Studierstube oder im alten Hause mit Goldlaborieren beschäftigt war, zu allerhand kleinen Teufeleien. 
C: Meine Mutter gab vollends noch weniger auf die Aufführung ihrer Kinder acht, und so waren wir größtenteils uns selbst überlassen. 

Lied: A VOUS DIRAI-JE MAMAN 

S(*): Der Vater hatte eine Schwester bei sich im Hause, welche niemals – wer weiß, warum? – verheiratet gewesen ist. Diese führte die besondere Aufsicht über die Kinder, war dabei aber so nachgiebig, daß sie alle die kleinen Teufeleien nicht nur vor den Augen der Eltern fein tantisch verbarg, sondern selbigen nicht selten noch gar Vorschub tat.  
C: Noch jetzt erinnere ich mich mit Unwillen oder manchmal mit Wohlgefallen, je nachdem meine Seele gestimmt ist, an die Possen und Streiche, welche ich in meiner ersten Jugend gespielt habe. 
H: Meister Trippenschneider handelte mit Essig, Zwiebeln und Salz, welches alles er auf einem Esel herumführte. Einst kam er in unseren Flecken und ging in meines Vaters Haus, um da seine Waren anzubieten. Flugs steckte ich dem Tier angezündeten Schwamm hinters Ohr: der Esel ward wild, warf seine Ladung ab, wobei das Salz verschüttet und die Essigfäßchen zerbrochen wurden. Man untersuchte genau, woher das Tier so wild geworden war aber man fand auch keine Spur von einer Ursache. Meister Trippenschneider erklärte endlich den Zufall aus der Feindschaft der Schlampin, einer alten Frau, welche bei uns für eine Hexe galt. Diese sollte den Esel durch ihre Hexereien so in Harnisch gejagt haben. – 
T: Ich für mein Teil freute mich, konnte aber nicht schweigen, und so erfuhr mein Vater den Urheber des Spektakels. Ich erhielt Ohrfeigen zur Belohnung und Meister Trippenschneider Ersatz seines Schadens. Meine Tante pflegte hernach dieses Stückchen als einen Beweis meiner Fähigkeiten anzuführen, wenn sie für gut fand, ihre Affenliebe gegen mich durch Lob zu äußern. 
S (*): Die Tante war eine große Freundin vom Trunk, und diese Neigung ging so weit, daß sie sich nicht nur oft schnurrig machte, sondern auch dann und wann recht derb besoff. Der Vater schloß also, wenn er mit der Mutter über Feld ging, den Keller zu und ließ der Tante bloß ihr Bestimmtes. Diese machte aber die Entdeckung, daß eins von den Kellerfenstern ohne eiserne Barren und bloß mit einem hölzernen Gitter verwahrt war. Das Gitter konnte leicht weggenommen werden; und der kleine Fritz mußte sich also an einem oben befestigten Seile herablassen. 
T: Inwendig öffnete ich sodann die Kellertür, und Mamsell Tante konnte sich nach Herzenslust Wein holen.  
S (*): Für sie selbst hätte es hingehen mögen, denn sie war einmal – wie die meisten Frauenzimmer in der Pfalz – ans Trinken gewöhnt; daß sie aber auch Fritz, einen Knaben von sechs Jahren, zum Weintrinken anfeuerte, das war im höchsten Grade unrecht.  
T: Ich würde sagen, daß es schändlich war, weil sie dadurch den Grund zu vielen meiner folgenden Unfälle gelegt hat; aber ihre Affenliebe zu mir ließ sie bloß auf Mittel sinnen, wie sie mir Vergnügen machen könnte; an nachteilige Folgen dachte sie nicht. Auf diese Art wurde ich also in der zartesten Jugend ein Säufer!  
C: Oft wurde ich durch den Trunk meiner Sinne beraubt, und dann entschuldigte mich die Tante, wenn ja die Eltern nach mir fragten, durch Vorgeben: daß mir der Kopf wehe täte, daß ich schon schliefe usw. Mein Vater erfuhr demnach von meinem Trinken nichts. 

Lied: JE SUIS UNE ENFANT 

S (*): Die Tante war es auch, die ihn lehrte auf dem Eise glandern und Schlittschuhe laufen. Diese Kunst hatte sie als Mädchen getrieben und suchte sie wieder hervor, um ihren lieben Neffen darin zu unterrichten. Der Vater sah wohl, daß die Tante dem Sohne zu gut war; aber da er nichts Böses oder doch nicht zu viel Böses von ihm hörte, so schwieg er und ließ es gut sein.  
C: Die gute Tante war abscheulich abergläubisch. Jeden Abend erzählte sie mir und dem Gesinde Histörchen von Hexen und Gespenstern, alles in einem so krassen, herzlichen Tone, daß es uns gar nicht einfiel, ihre Erzählungen im mindesten zu bezweifeln. Unvermerkt ward ich dadurch so furchtsam, daß ich mich nicht getraute, des Abends allein zur Tür hinaus zu gehen.  
H: Der Vater merkte endlich das Unwesen und fing an wider die Gespenster loszuziehen, so oft er im Zirkel der Familie erschien.  
C: Er nahm mich des Abends, auch spät in der Nacht, mit auf den Kirchhof und erzählte mir bei seiner Pfeife Tabak allerhand Anekdoten, wie der und jener durch Betrug der Pfaffen – mein Vater kleidete seine skandalösen Histörchen allemal so ein, daß ein Pfaffe dabei verwickelt war – mit Gespenstern wäre geneckt worden.  

DAS SÜSSE NACHTGESPENST (Hollaender)

C: Zu den schönen Künsten, womit meine Jugend ausgerüstet war, gehört auch das Fluchen und Zotenreißen. Unser Knecht, Johann Ludwig Spangenberger, unterrichtete mich in diesen sauberen Künsten zu früh und zu viel. Er erklärte mir zuerst die Geheimnisse der Frauenzimmer. Es läßt sich denken, daß es nicht bloß bei Ludwigs Theorie geblieben ist: ich bekam bald Lust, auch das zu sehen und das zu erfahren, wovon ich so viel gehört hatte. Dazu fand ich Gelegenheit bei einer unserer Mägde, welche gerne zugab, daß ich bei ihr alles das untersuchte, was mir Hans Ludwig als das non plus ultra der höheren Kenntnisse angepriesen hatte. 
T: Ich war einst im Herbst zu Hause, gerade da meine Mutter große Wäsche besorgen ließ. Das Zeug mußte über Nacht auf der Bleiche liegen bleiben und wurde von den Waschweibern nebst einigen Knechten bewacht. Ich stieg in der Nacht aus meinem Fenster, weil die Haustür verschlossen war, und begab mich zu den Bleichern.  
C: Ich fand eine recht lustige Gesellschaft, welche mir damals baß behagte. So lüstern, saft- und wortreich ich war, schäkerte ich mit und übertraf in Ungezogenheit die Knechte und die Menscher, so sehr sie sich auch bemühten, kräftig zu sprechen. Endlich kettete sich eine Dirne, welche schon ein Kind von einem Mühlburschen gehabt hatte, an mich, ließ mich neben sich liegen, fragte sodann nach diesem und jenem, woran ich ihre Absicht leicht merken konnte, und führte mich hinter eine Hecke von Bandweiden, wo wir uns hinlagerten und – 
T: Ich bin nicht imstande, die Angst zu beschreiben, worin ich mich nach dieser Ausschweifung befunden habe; ich zündete meine Pfeife an, trank Wein, aber nichts wollte mir schmecken; ich wollte Spaß machen, aber es hatte keine Art: endlich lief ich nach Hause, konnte aber auch nicht schlafen.
 
DEUX FOIS 18 ANS

S: Laukhard soll Pfarrer werden und zieht nach Gießen, und später durch viele Universitätsstädte, lustiges Studentenleben, gar eine Studentenrevolte, üble Streiche, eine Theatergründung bringen ihm, der das später alles beschreibt und veröffentlicht den Namen „berühmtester Student Deutschlands“ ein. 

PRELUDIUM BACH  ANGESPIELT UNTERLEGT bis zufrieden 
C: Ich kam im Frühling 1779 nach Hause. Mein Vater stellte ein Examen mit mir an und war zufrieden. Ich predigte mit Beifall, denn ich predigte Moral, und nicht vom Satan oder vom Blut Jesu Christi, das uns rein macht von allen Sünden. Genug, die Bauern und Bürger hörten, wo ich auftrat, etwas Neues.  
T: Mein Vater wollte nun nicht haben, daß ich in der Kurpfalz Pfarrer werden sollte; dazu, meinte er, hätte ich zu viel gelernt. Ich hatte auch nicht Lust, mich dem traurigen Joch des pfälzischen Kuratoriums und der Tyrannei der Oberamtmänner zu unterwerfen; überhaupt verlangte mich damals nicht nach einem Amte, welches nur meine Vergnügungen würde erschwert haben. 

PETITE FUGE

S: Laukhard  reist herum, wird Sprachlehrer, Jagdaufseher, Kellermeister aber sein Vater fängt ihn wieder ein und finanziert ein Zweitstudium in Halle. Laukhard wird Magister der Philosopie, beginnt mit Vorlesungen  über Geschichte
C: Außer meinen Kollegien unterrichtete ich auch noch in der hebräischen Sprache und in der Dogmatik,  Zu gleicher Zeit hatte ein hiesiger Buchdrucker meinen Roman »Baldrian Weitmaul« der Zensur übergeben.
H: Unglücklicherweise enthielt das Buch einige Stellen, die auf eine versteckte Art eben den Mann betrafen, dem es zur Zensur mitgeteilt war. Als Zensor strich er also diese Stellen und untersagte endlich den Abdruck des Buches gänzlich.  S: „ich habe sie bei der Fakultät zirkulieren lassen, und die Vota der Herren Fakultisten gingen einstimmig dahin, den Abdruck zu verbieten, ja einige beständen sogar darauf, daß man IHM das Kollegienlesen verbieten sollte – eben wegen SEINES Romans!“.
T: der Herr Censor ließ mir dann noch sagen,
S: „dass ER noch einmal disputieren müsste pro loco: würde ER es nicht tun, so müsste ich IHM auf den Herbst das Lesen untersagen: ER müsste sich durchaus habilitieren.“
T:… ich schrieb einige Bogen zusammen über den zu Anfang des vorigen Jahrhunderts zu Rom wegen Atheisterei oder Pantheisterei verbrannten Aventuriers, Jordan Brunus… 

H: Noch ist Laukhard auf Unterstützung des Vaters angewiesen, durch ein Missverständnis bleibt ein Geldbrief aus  und Laukhard gerät zu Weihnachten in derart große Not, dass er sich als Soldat in die preußische Armee einschreiben lässt  
C: Ich überlegte in dieser Not, wie es wohl werden würde, wenn ich mich anderswohin begäbe? Allein wohin? Ich traute den Menschen einmal nicht mehr, weil ich Vater und Bruder nicht mehr traute; und wie sollte ich fortkommen? Ich hatte weder Wäsche noch ganze Stiefeln, und im Winter, der es war, mußte ich befürchten, unterwegs umzukommen! Der bestimmte Posttag kam heran, aber leider wieder kein Brief! Man versetze sich in meine Lage und bemesse danach den Drang und Sturm meiner Empfindungen. Abends durchlief ich alle Gassen, gleichsam außer mir, es war der heilige Abend vor Weihnachten!  Ich lief noch einigemal durch die Straßen, ging auch noch in eine Kneipe und kam gegen elf Uhr – aber ohne Trunkenheit – nach Hause. Vor lauter Aerger warf ich mein Bett auf den Fußboden und legte mich darauf. Aber meine Unruhe war zu groß, ich konnte nirgends bleiben, wußte auch nicht, wo ich war und was ich tat. Das war ein schrecklicher Zustand. Lachen konnte ich überlaut; alles, woran ich dachte, kam mir sehr lächerlich vor. Aber für den traurigsten Gedanken hatt' ich keine Empfindung. Früh war ich noch in Kleidern. Ich las in Tassos »Gerusalemme liberata« und las die äußerst rührende Stelle, wo Tancred sein Mädchen ermordet. Diese Stelle hatte mich mehrmals innigst gerührt, aber damals mußte ich überlaut dabei lachen. Ich ließ mich frisieren und lief sodann spornstreichs zur Christmette um sechs Uhr. Aus der Christmette lief ich, ohne zu wissen, wohin, zum Tor hinaus, zu dem Wirt in den »Pulverweiden«. Ich forderte Breuhahn, und die guten Leute wunderten sich, daß ich schon so früh Breuhahn trinken wollte. Hier saß ich nun fast drei Stunden, ehe ich recht zu mir kam, und untersuchte meine Empfindungen. Die gestrige Lustigkeit der Knoten und der Soldaten kam mir zuerst wieder in den Sinn, und da hob sich denn der Gedanke aus dem Gefühl der verwirrten Vorstellungen heraus, es wäre doch hübsch für dich, wenn du Soldat würdest! Dieser Gedanke schüttelte mich anfänglich freilich gewaltig zusammen, kam aber immer wieder und wieder, und ich ward endlich mit ihm vertrauter. Das war alles noch bloße Vorstellung, aber von nun an kam auch Ueberlegung dazu.  (Thomas rein) – Und endlich findest du ohne Zweifel Mittel und Wege, dir ein ruhigeres Leben zu verschaffen. Ruhe, von welcher Art sie sei, welchen Aufwand sie auch kosten möchte, Ruhe schien mir damals bei der gewaltig anhaltenden Unruhe, worin ich schwebte, das höchste Gut auf Erden zu sein. 

DIE ZEIT DES GAUKLERS IST VORBEI(Thomas beginnt französisch ohne Ansage, Brigitte zur 2. Strophe zum deutsch singen rein) 

C: Herr von Müffling bot mir 8 Louisdor Handgeld und drang in mich, daß ich jetzt gleich entweder ja sagen oder alles abbrechen sollte; und ich sagte – ja! Ich wurde noch auf der Hauptwache eingekleidet, und kam zu dem Unteroffizier Zutzel ins Quartier; das war am dritten Weihnachtstage 1783.  Ich ging diesen Tag einige Male aus, und jedesmal begleitete mich ein Haufen Jungen, Menscher, Studenten und Philister.  Die Kinder sangen sogar:
T,H: Laukhard hin, Laukhard her,
Laukhard ist ein Zottelbär.  Laukhard hin, Laukhard her,
Laukhard ist kein Magister mehr. 
H: bä, bä bä bäää bä 
C: Und das alles sah und hörte Laukhard mit vieler Gleichmütigkeit. Wohl ihm, daß er Fassung und Selbstgewalt genug hatte, als ein isolierter Diogenes bei dem allen kalt zu bleiben! 

MARSCH  ANGESPIELT ÜBERGANG IN Fünf Töne MARSEILLAISE   
S: Daß die französischen Adligen schon lange die Blutegel gewesen waren, welche ihren Landsleuten das Blut aussaugten und eine - ihren Regenten, auch dem allerschwächsten, wie einem Louis XV., so getreue und bis zum Enthusiasmus ergebene Nation - endlich in Harnisch jagten, und folglich die Revolution gewaltsam herbeizogen – ist klar am Tage und bedarf keines Beweises.
H: Nun rennen diese elenden Menschen aus ihrem Lande und posaunen in der ganzen Welt herum aus:  Frankreichs Verfassung sei zu Grunde gerichtet: in Frankreich herrsche Anarchie und wenn nicht alle Monarchen hier helfen Einhalt zu  tun, so stünde ihnen das Nämliche bevor – Sie fanden hin und wieder Gehör und durch ihre scheußlichen Lügen und verdrehte Nachrichten zogen sie mehrere Großen in ihre Parthey bis endlich der Zweck erreicht war, das ist, bis sie den Krieg angezettelt hatten, welcher für ihr Vaterland und für ganz Europa so schrecklich geworden ist 

Lied: PARIS EN COLERE 
 
S: Die vereinigten Heere unter Führung von Österreich und Preußen sammelten sich in Koblenz zum Marsch auf Paris um den französischen König vor seiner Revolution zu retten. Laukhard ist Musketier im preußischen Regiment von Tadden.
T: Wir kamen den 9. Juli 1793 in Koblenz an, und hier hörte die Art von Subsistenz auf, welche wir bis dahin genossen hatten; denn bis hierhin waren wir von Bürger und Bauer ernährt worden und hatten kein Kommißbrot erhalten, jetzt aber erhielten wir dieses und mußten für unsere Subsistenz von nun an selbst sorgen.
H: In Koblenz ist  Laukhard damit beschäftigt, die Namen aller französischen Emigranten schriftlich zu erfassen
T: Bei dieser Gelegenheit habe ich bemerkt, dass manche französische Schöne mehr Einsicht verriethen als mancher deutsche Offizier – Lebensart. Ein Graf, dessen Namen ich vergessen habe – logierte gerade gegenüber einem Hause, worin einige Offiziere unseres Regiments ihr Quartier hatten. Diese Offiziere vigilierten, wie man in Halle spricht, oder nach einem anderen Dialekt, glimmerten von früh bis auf den Abend nach den beyden schönen Töchtern dieses Grafen.  Als  ich, meinem Auftrag gemäß, die Namen dieser Familie verzeichnet hatte, fragte die eine Dame: 
Dame: wer sind denn die Herren dort drüben am Fenster? 
Ich: Das sind Offiziere von unserem Regiment. 
Dame: Das müssen Leute sein, die nicht zu leben wissen. Den ganzen Tag liegen sie im Fenster und gucken nach uns. 
Ich: Ohne Zweifel, meine Damen, um ihre Schönheit zu bewundern. 
Dame:  So? Ists denn vielleicht in Deutschland Mode, dass man nach dem Frauenzimmer mit Lorgnetten hinblickt, dann unter sich lacht und allerlei pöbelhafte Gebärden macht, als wenn man, wer weiß was lächerliches oder auffallendes gesehnen hätte? Nein wahrlich, das ist grob und sehr schlechte Lebensart. 
Graf: Meine Tochter, wenn es dir nicht ansteht, von den Offizieren begafft zu werden, so bleib vom Fenster weg. 
Dame: Nein Papa, den Herren zum Trotz will ich und die Schwester uns hinstellen und uns stundenlang begaffen lassen. Die Leute werden vielleicht doch dadurch sehen, dass wir sie für Gecke halten nun. 
Ich: Madame, tun Sie das nicht: die Herren denken sonst gar, Sie und ihre Schwester seien in sie verliebt. 
Dame: (lachend) Ah, les betes, les betes!  
H: Sie stellt sich wirklich mit ihrer Schwester ans Fenster, lacht, und lässt sich von den Offizieren nach Herzenslust begaffen. Die Offiziere nehmen das für ein Zeichen der Gewogenheit und sprengen nun überall aus:  
T: die französischen Mädel mit den niedlichen Gesichtchen sind Verliebte – Luderchen  C: Offiziere sollten doch so pöbelhaft weder handeln noch sprechen. 

Lied: LA PARISIENNE 

T: Der 19te August war der Tag, an welchem wir in Frankreich einrückten: und diesen Tag werde ich nicht vergessen, so lange mir die Augen aufstehen. Als wir aus unserm Lager aufbrachen, war das Wetter gelinde und gut; aber nach einem Marsche von zwei Meilen mussten wir Halt machen, um die Kavallerie und Artillerie vorzulassen; und während dieses Halts fing es an  jämmerlich zu regnen.  Der Regen war kalt und durchdringend, so dass wir alle rack und steif wurden. Endlich brachen wir wieder auf und postierten uns nächst einem Dorfe, das Brehain la Ville hieß, eine gute Meile von der deutschen Grenze. S: Das abscheuliche kältende Wetter und das schlechte nasse Lager hatten die Folge, dass schon am anderen Tage gar viele Soldaten zurück in die Spitäler gebracht werden mussten, weil sie das Fieber hatten und nicht mehr mitmarschieren konnten. 
C: Der Regen währte ununterbrochen fort und weil die Packpferde weit zurückgeblieben waren, indem sie wegen des gewaltig schlimmen Weges nicht voran kamen, so mussten wir unter freiem Himmel aushalten und uns bis auf die Haut durchnässen lassen. Da hätte man das Fluchen der Offiziere und Soldaten hören sollen! 
S: Endlich wurde befohlen, daß man einstweilen für die Pferde furaschieren und aus den nächsten Dörfern Holz und Stroh holen sollte.  
H: Das Getreide stand noch meistens im Felde, weil dieses Jahr wegen des anhaltenden Regens die Ernte später als gewöhnlich gefallen war.  Das Furaschieren ging so recht nach Feindes Art: Man schnitt ab, riss aus und zertrat alles Getreide weit und breit und machte eine Gegend worauf acht bis 10 Dörfer ihre Nahrung auf ein ganzes Jahr ziehen sollten, in weniger als einer Stunde zur Wüstenei und in den Dörfern ging es noch abscheulicher her.  
T: Das unserem Regimente zunächst liegende  Brehain la ville war ein schönes großes Dorf. Um durch Laufen mich in Wärme zu setzen, lief ich mit vielen andern auch nach jenem Dorfe, wo wir Stroh und Holz holen sollten.  
S: Ehe aber diese Dinge genommen wurden, durchsuchten die meisten erst die Häuser, und was sie da anständiges vorfanden, nahmen sie mit, als Leinwand, Kleider, Lebensmittel und andere Sachen, welche der Soldat entweder selbst brauchen, oder doch an die Marketender verkaufen kann. Was nicht dazu diente, wurde zerschlagen oder sonst verdorben. 
T: So habe ich selbst gesehen, dass Soldaten vom Regimente Woldeck in eben diesem Dorfe ganze Service von Porcellan im Pfarrhofe und anderwärts zerschmissen: alles Töpferzeug hatte dasselbe Schicksal. Aufgebracht über diese Barbarei stellte ich einen dieser Leute zur Rede: warum er einer armen Frau trotz ihres bitteren Weinens und Händeringens das Geschirr zerschmissen und ihre Fenster eingeschlagen habe? Aber der unbesonnene wüste Kerl gab mir zur Antwort:  
C: was Sackerment, soll man denn hier schonen? Sinds nicht verfluchte Patrioten? Die Kerls sind ja eigentlich schuld, das wir so viel ausstehen müssen!  
T: Und damit gings mit dem Ruinieren immer vorwärts. Ich schwieg und dachte so mein Eigenes über das Wort Patriot in dem Munde eines – Soldaten.- 
S: Das Dorf Brehain la ville und alle andre Dörfer in dessen Nähe, sahen bald so aus wie Räuberhöhlen; selbst das Dorf nicht ausgenommen, in dem unser König logierte. Die armen Leute in den Dörfern, welche sich nun ihres Auskommens auf lange Zeit beraubt sahen, schlugen die Hände zusammen und jammerten erbärmlich: aber unsre Leute ließen sich von dem  Angstgeschrei der Elenden nicht rühren, und lachten ihnen ins Gesicht oder schalten sie Patrioten. 
H: Ob die Vorgesetzten das Rauben und Plündern nicht verboten und diesem Unwesen nicht Einhalt getan haben? Allerdings haben das viele getan, aber nicht alle, und die, welche es taten – je nun, die sahen nicht alles, oder wollten nicht alles sehen. 
S: Es hieß: 
C: Wir sind nun mal in Feindes Landen: wer etwas erwischen kann, dem ists nicht groß zu verargen, zumal bei dem Mangel. Überdies ists ja ein Wetter zum krepieren: wer kann da über den Soldaten zürnen, wenn er böser Laune wird. 
S: Wegen des Plünderns hörte man noch am nämlichen Tage zwei Offiziere – es war ein Kapitän und ein Major – dies miteinander reden. (ab rechts
Major, T: Aber bey Gott, es ist doch eine Schande, dass gleich am ersten Tage unseres Einmarsches solche Gräuel verübt werden! 
Kapitän, C: O verzeihen Sie, Herr Obristwachtmeister, das ist eben unser Hauptvorteil, dass es sogleich geschieht. 
Major: Nun, lassen sie hören wie und warum 
Kapitän: Sehn Sie, das geht heute vor, und zwar etwas stark, ich gestehe es: aber nun macht das auch einen rechten Lärm in ganz Frankreich. Jeder spricht: so machens die Preußen! So plündern die Preußen! So schlagen die Preußen den Leuten das Leder voll! Major: Das ist ja das Schlimme, dass man in ganz Frankreich herumschreien wird! Das wird uns wahrlich wenig Ehre machen. 
Kapitän: Ey was Ehre! Es schreckt doch die Patrioten ab. Sie werden denken: Machens die Preußen schon am ersten Tage so: was werden sie noch tun, wenn sie weiter kommen? Da werden die Spitzbuben desto eher zum Kreuze kriechen. 
Major: Meinen sie? Nein, mein Lieber, es wird die Nation erbittern, und selbst die wider uns aufbringen, die es bisher noch gut mit uns gemeint haben. Und wirklich, das heißt doch nicht Wort halten! 
Kapitän: Wieso Herr Obristwachtmeister? 
Major: Hat nicht der Herzog von Braunschweig im neulichen Manifeste den Franzosen versprochen, dass er als Freund kommen, und blos die Herstellung der inneren Ruhe zum Zweck haben wollte? Das heißt aber schön als Freund kommen, wenn man die Dörfer ausplündert, die Felder abmähet, und Leute, die uns nichts gethan haben, das Fell ausgerbt! Pfuy, Pfuy! 
Kapitän: Das ist aber doch Kriegsmanier! 
Major: Der Teufel hole diese Kriegsmanier! Ich sage und bleibe dabei: das heutige Benehmen unsrer Truppen und ihr verdammtes Marodieren wird uns mehr schaden, als wenn wir eine Schlacht verloren hätten. 
apitän: Herr Obristwachtmeister, innerhalb drey Wochen ist die ganze Patrioterey am Ende: In drey Wochen ist Frankreich ruhig, und wir haben Friede. Wollen Sie wetten? Ich biete 10 Louis d’or. 
Major: Topp: wenn in drey Wochen Friede ist, so haben Sie gewonnen! S: Der Hauptmann schlug ein, und – zahlte hernach bey Luxemburg auf dem Rückzuge – zehn Louis d’Or… (S, H raus von ganz hinten) 

MARSEILLAISE angespielt gepfiffen 

H: Bei Valmy kommt es zum entscheidenden Sieg der Französischen Revolutionsarmee.( Auftritt Brigitte, alle stehn vorn, Thomas fordert das Publikum auf, sich zu erheben) 
H: 1798, zurückgekehrt nach Halle schreibt Laukhard in seinem Karl Magnus:  
S: Nach Briefen welche ich nach meiner Zurückkunft aus Frankreich von Freunden und einsichtigen Männern überm Rhein her erhalten habe, wünschten die Bewohner jener Gegenden schon lange, dass ihre Länder ein Anhang der französischen Republik werden möchten, denn von Deutschland her sey für sie nun und nimmermehr keine Rettung abzusehen. Dieser Wunsch ist jetzt erreicht und so kann aus der Pfalz und den dazu gehörigen Ländereien ein Departement werden, welches gewiss keinem der 83 Departementer der Republik das geringste nachgehen wird. Wer wollte den guten Leuten das nicht auch gönnen, wie auch, dass sie sich bald wieder erholen und für ihre manigfaltigen Drangsale einen guten Ersatz genießen möchten. Die Zeit wird dann auch schon geben, dass sie samt und sonders gescheuter und klüger werden, ihren Dünkel, ihre Torheiten….Ihre Intoleranz….fahren lassen. 
H: Die Sansculottes werden in der Pfalz als Befreier begrüßt. Mainz ist Republik. - Freiheitsbäume, rote Mützen und Freiheitslieder künden von einer neuen Zeit 

LIED DER FREIEN WÖLLSTEINER Publikum hat den Text Melodie Marseillaise 

Pause Schimpferei beim Auftritt 
H: 1794 Kampf um Mainz
S: Merkten nun die Deutschen, dass auch Deutsche unter den Franzosen waren, so ging sofort das Geschimpfe los, welches zuweilen viele Stunden immer im nämlichen Tone fortging, endlich blos zum Spaße.
Preuße, C: Hör du, sakkermentscher Patriot, wirst du bald die Schwerenot kriegen? Franzose, T: Elender Tyrannenknecht, sag, wird dich dein Korporal bald lahm oder todprügeln müssen? 
Pr.: Du verfluchter Königsmörder! 
Fr.: Du niederträchtiger Sklav! 
Pr.: Ihr Spitzbuben habt Euern König ermordet und dafür müsst ihr alle in die Hölle fahren. 
Fr.: Wenn ihr keine Hundsfötter wäret, so würdet ihr es allen Tyrannen ebenso machen! Wenn ihr das thätet, so wäret ihr noch Menschen, so aber seid ihr Tyrannensklaven, und verdient alle Prügel, die ihr bekommt. 
Pr.: Ihr habt noch all eure Strafe vor Euch. Die ganze Christenheit wird euch angreifen und eure gottlose Thaten bestrafen. 
Fr.: Lass sie doch kommen, die ganze Christenheit mit dem ganzen Heer des Teufels und mit der Armee des Erzengels Michael: wir fürchten uns nicht! 
Pr.: Aber Mainz müsst ihr hergeben: das soll Euch der Teufel nicht danken. 
Fr.: Lass auch Mainz zum Teufel fahren: glaubt ihr denn, wir scheren uns um so ein Rackernest, wie Mainz ist? Da steckt noch alles voll Pfafferei und Adel. Aber so leicht sollt ihrs doch noch nicht kriegen. 
Pr.: Wenn ihr nur euern König nicht umgebracht hättet – 
Fr.: Kamerad, sei kein Narr! Es ist nun einmal so, und weils einmal so ist, dass wir keinen König mehr haben, so wollen wir auch dafür sorgen, dass weder euer König, noch der Kaiser, noch der Teufel uns einen wieder geben soll. 
Pr.: Aber wo kein König ist, da sind auch keine Soldaten – 
Fr.: O du armer Kerl du, was räsonnierst du so dumm! Ja freilich, solche Soldaten giebt es dann nicht, wie du und deines gleichen. Ihr seid Sklaven, Leibeigene Knechte, die einen Tyrannen über sich haben müssen, der ihnen kaum halb satt zu essen giebt, und sie prügeln, spießrutenlaufen und krummschließen lässt, wenns ihm einfällt. Solche Soldaten sind wir nicht; wir sind freie Leute, republikanische Krieger. 
Pr.: Das ist aber bei uns anders, wir haben einen Herrn, dem wir gehorchen müssen. 
Fr.: Weil ihr gehorchen wollt. 
S: U.s.w. Solche Gespräche fielen oft zwischen unseren Leuten und den Deutschen unter den Franzosen vor und man hatte seinen Spaß daran und lachte darüber … Als endlich die öftere Wiederholung das Interesse daran schwächte, wurden sie gegenseitig sanfter und nannten sich zuletzt gar  
C: Kamerad 
S: und 
T: Bruder. 
S:  Sie machten oft sogar Kartell unter sich, versprachen, sich nicht zu schießen und traten sodann auf die Verschanzung, wo sie sich ganz freundschaftlich unterhielten. Dies  nur um zu zeigen, daß auch die kühnsten Ideen ohne Wirkung bleiben, sobald sie familiär werden, zumal Ideen vom Feinde

Lied: D’ALLEMAGNE 

H: Herr von Rüchel versprach einmal einem Burschen einen Thaler, wenn er den Franzosen, nach Kostheim zu, den bloßen Hintern weisen wollte. - Herr von Rüchel war damals von Wein etwas bescheniert.- Der Bursche sagte ganz kalt: 
T: „Gern verdiente ich den Thaler: aber es schickt sich doch nicht, den Feind so zu behandeln.“  
H: Herr von Rüschel suchte fluchs einen andern, welcher für den Thaler, den Hintern entblößen, ihn den Franzosen hinweisen und dazu rufen musste: 
C:  „Hier leckt mich im A-, ihr hunzföttischen Patrioten! Kommt her leckt!“ 
T: – von diesem unanständigen Verfahren hat man sogar in Frankreich gesprochen. Auch ist es richtig, dass man durch dergleichen mehr sich als den Feind beschimpft.- 
S: Die Pfalz ist französisch aber arg bedrängt. Laukhard ist immer noch in preußischem Sold aber sein Herz schlägt für die Ideale der  französischen Revolution. Er ist dabei nicht allein im preußischen Heer und rechnet fest mit dem Erfolg freihheitlicher  Bestrebungen in Deutschland und setzt größte Hoffnungen in den damaligen Kronprinzen. Sie begegnen sich persönlich. 
H : Die Preußen zogen den 18. September ins Lager bei Landau. Die Stadt war so eingeschlossen, daß nichts herein, nichts heraus konnte, und da man sich vorstellte, daß die Garnison und die Bürgerschaft nicht gut mit Proviant versehen wären, so hoffte man, daß die Uebergabe sich höchstens bis gegen das Ende des Novembers verziehen könnte, und erwartete nichts weniger, als daß die Republikaner die Festung entsetzen würden. 
T: Ich habe in der ganzen bisherigen Erzählung der Kriegsbegebenheiten keine Rolle von Bedeutung gespielt, und hatte nur selten Gelegenheit, von meinem kleinen Ich etwas zu sagen. Von nun an aber erzähle ich hauptsächlich wieder von mir. Die Veränderung meiner Lage, welche hier bei Landau vorging, hat auf alle meine nachherigen Schicksale Einfluß gehabt.  
S: Laukhard war eben auf einer Schanze, als man ihm sagte, der Prinz von Hohenlohe wolle ihn sprechen.  
Ich, T: Unser Gespräch fiel bald auf die Franzosen, und der Prinz fragte mich, was ich von ihren Angelegenheiten dächte. Aber ehe ich antworten konnte, fiel ein Offizier von unserem Regiment lächelnd ein:  
S: »Ah, gnädiger Herr, den da müssen Sie nicht fragen: das ist ein Patriot!« 
Prinz, C: So? Ist's wahr, Laukhard? 
Ich, T: Verzeihen Sie, Monseigneur! Ich bin kein Patriot im gehässigen Sinn: ich liebe den König und die Deutschen, aber ich liebe auch die Menschen und muß daher oft anders denken, als die zu denken gewohnt sind, welche nichts sehen und hören wollen als Fürsten und Sklaven. 
Prinz: Schön! Das ist brav. Aber glaubt Er denn, daß die Franzosen jetzt auf dem letzten Loche blasen? 
Ich: Nein, das glaube ich nicht. Die Franzosen haben noch zu viele Hilfsmittel, sich zu behaupten, und es wird noch schwer werden, sie zu bezwingen, geschweige denn ihre Macht ganz und gar zu tilgen. 
Prinz: Er hat doch die römische Historie studiert, Laukhard? 
Ich: Ja, gnädigster Herr. 
Prinz: Nun, so weiß Er ja auch, daß die Soldaten, welche an der Wohlfahrt des Vaterlandes zweifelten, gestraft wurden! 
Ich: Ei, gnädigster Herr, ich zweifle an der Wohlfahrt des Vaterlandes gar nicht; ich wünsche und hoffe, daß es Deutschland und besonders Preußen recht gut gehen möge; aber ich kann doch auch nicht behaupten, was unmöglich und was unwahrscheinlich ist: und von dieser Art wäre die gänzliche Niederlage der Franzosen durch uns. 
Prinz: Lassen wir das jetzt. Es denkt ein jeder, was er will; man muß nur ein ehrlicher Mann sein. – Aber à propos, Laukhard, ich habe gehört, Er kenne den Repräsentant zu Landau, den Dentzel? 
Ich: Ja, Ihre Durchlaucht, den kenne ich schon seit vielen Jahren. 
Prinz: Genau? 
Ich: So ziemlich; wir haben manchesmal miteinander gezecht und sonst Abenteuer bestanden. Ich glaube gar, daß wir noch Vettern sind. 
Prinz: Was ist denn das für ein Mann? 
Ich: Gnädigster Herr, in der Lage, worin ich und Dentzel uns befanden, habe ich seinen Charakter nicht kennen lernen: ich habe mich auch nicht einmal darum bekümmert. Er ist, soviel ich weiß, ein unternehmender Kopf und sonst kein falscher Kerl. 
Prinz: Je nun, wir sprechen vielleicht ein andermal mehr davon. Jetzt getrunken und lustig! 
S: Es wurde getrunken, aus großen Gläsern, scharf, und die Zotologie wurde ziemlich herumgeholt; erst gegen Abend ging Laukhard in sein Zelt. Er war kaum wieder bei seiner Kompanie, als er aufs neue gerufen wurde. Es war zum Prinzen Louis von Preußen, der hinter der Brandwache wartete. Hier hatte er folgende merkwürdige Unterredung. 
Prinz Louis, C: Guten Tag, Laukhard; ich hab' ein Wort mit Ihm zu sprechen. 
Ich, T: Bin immer Ew. Hoheit zu Diensten. 
Prinz: Eh bien! Aber jetzt fordere ich keinen Dienst im eigentlichen Sinne; ich fordre was, das Uns und Ihm großen Vorteil bringen soll. Er kennt Dentzel zu Landau? 
Ich: Ja. Ihre Königliche Hoheit. 
Prinz: Glaubt Er wohl, dem Manne beizukommen? 
Ich: Ich verstehe Sie nicht ganz. 
Prinz: Ich werde mich erklären. Seh Er, Dentzel ist Représentant du peuple bei der französischen Rheinarmee: der Mann hat also vielen Einfluß, der dann erst recht sichtbar sein wird, wenn von der Uebergabe der Festung die Rede sein soll. Diese Uebergabe kann nicht lange mehr anstehen, allein sie wird und muß auf alle Fälle noch viel Blut kosten. Wir haben also einen Plan erdacht, wie wir ohne Blutvergießen zu unserem Zweck gelangen könnten. 
Ich: Das wäre ja herrlich! 
Prinz: Ja, sieht Er: Und dazu soll Er nun helfen! 
Ich: Und wenn ich mein Leben dabei aufopfern sollte, gern! 
Prinz: Schön! so spricht ein braver Soldat. Laukhard, es ist beschlossen, Ihn nach Landau zu schicken.
Ich (kalt erwischt): Nach Landau, mich? 
Prinz: Ja, Ihn nach Landau, lieber Laukhard. Sieht Er: Er kennt den Repräsentant Dentzel, dieser vermag alles: kann Er ihn gewinnen, so ist Sein und Unser Glück gemacht. 
Ich: Aber auch mein Unglück, Ihre Hoheit, wenn ich entdeckt werde. 
Prinz: Ah, Er muß sich nicht fürchten! Pardieu, die Franzosen werden Ihm den Hals nicht brechen! 
Ich: Aber die Franzosen sind Vokativusse, Ihre Hoheit: die Kerls spaßen eben nicht viel! Prinz: Ueberleg' Er die Sache, lieber Laukhard. Findet Er, daß es nicht geht, à la bonne heure, so haben wir gespaßt, und alles bleibt entre nous. Findet Er aber, daß Er Mut genug hat, die Gefahr nicht zu achten und Sein Glück zu befördern, so entschließe Er sich und sage mir Bescheid. Adieu. Aber alles bleibt noch unter uns. 
T: Ich schlich unruhig und mürrisch ins Lager zurück; tausend Ideen, tausend Grillen liefen mir durch den Kopf, und ich war doch nicht imstande, einen festen Entschluß zu fassen. Die Sache schien mir zu wichtig.  
S: Den Tag nach der Unterredung mit dem Prinzen Louis kam der Adjutant des Kronprinzen zu ihm, nahm ihn mit hinter die Brandwache und fragte,  
T: ob ich dem Antrag des Prinzen Louis nachgedacht hätte. Ich bejahte. 

Lied: AU CLAIR DE LA LUNE angespielt 

S (*): Es war herrliches Wetter und lichtheller Mondschein. Kaum war er dreißig Schritte vorwärts gegangen, als eine französische Patrouille von drei Dragonern auf ihn zukam  C:» qui vive«  
H (*): Laukhard gab sich sofort für einen preußischen Deserteur an. 
C:» Sois le bien-venu! komm näher! Aber Kerl, du sprichst Französisch? Bist wohl gar ein Franzos?« 
T,Ich: Warum nicht gar! Ich bin ein Deutscher. 
C,Dragoner: Aber sacré mâtin, du sprichst ja Französisch! Wo hast du das gelernt? T,Ich: Meint Ihr denn, daß die Deutschen nicht auch Französisch können? 
C,Dragoner:Vive la nation, Kamerad! Du mußt ›du‹ sagen. Foutre! Du bist bei Republikanern, die sagen alle du. Also du bist kein Franzos? 
T,Ich: Nein, ich hab's ja schon gesagt! 
C,Dragoner: Gut, du bist ein braver Junge, daß du deinen Tyrannen verlassen hast 
S (o3): Die Dragoner führten ihn auf die kleine Schanze vor dem »Deutschen Tor«, wo ein Hauptmann und ein Leutnant das Kommando hatten, und wo 50 Mann zur Wache waren. Der Hauptmann war froh, daß er jemanden zum reden hatte, und unterhielt sich mit ihm die ganze Nacht. Der Leutnant saß da und las in der französischen Übersetzung des »Fräulein von Sternheim«.  
H: Es waren keine gemeinen Wachtstubengespräche, die da geführt wurden, sondern man unterhielt sich über hohe Gegenstände, z. B. über Befehlen und Gehorchen, Freiheit, Gerechtigkeit und Achtung vor dem Gesetz.  
T: Wir kamen natürlich auch auf den gegenwärtigen Krieg, und da sagte ich, man sei doch im Kriege niemals des Erfolges sicher: es könnte doch geschehen, daß die vereinigte Macht so vieler Fürsten endlich eine allgemeine Veränderung in dem jetzigen System der Franzosen hervorbrächte. 
S: Bisher hatten alle Soldaten geschwiegen und aufmerksam zugehört: aber bei seiner letzten Aeußerung fingen alle an, zu murren, und ein ganz junger Volontär sagte in recht barschem Ton: 
C: Du sollst sehen, Citoyen, daß alle Könige und alle Pfaffen und alle Edelleute nicht imstande sein werden, uns zu besiegen. Frei wollen wir bleiben oder sterben!« Alle: »Ja, das wollen wir,« riefen alle. 
 
Lied: L’IMPORTANT C’EST LA ROSE 

C: Wer uns besiegen will,«  
H: fuhr der Volontär fort,  
C: »muß unser ganzes Volk ausrotten, aber das soll und kann weder der Teufel, noch der Papst, noch sonst ein Tyrann!« 
T: Ich fand nicht für gut, den Volontärs die Möglichkeit einer gänzlichen Niederlage von ihrer Seite weiter zu zeigen, und versicherte sie, daß ich selbst nichts sehnlicher wünschte, als daß das angefangene gute Werk Bestand haben und alle seligen Früchte bringen möchte, welche Frankreich davon erwartete. 
C: Ich nehme dir's nicht übel, daß du so sprichst, wie du gesprochen hast: du kommst von der Tyrannei her, und wie kann man in der Sklaverei lernen, vernünftig und frei zu denken!« 
S: Laukhard wunderte sich besonders über das anständige Betragen dieser Leute. Es herrschte unter ihnen die trefflichste Ordnung und die strengste Disziplin. Ganz anders hatte man die französische Zucht vorgeschildert; da wären Leute, die von gar keiner Subordination wüßten, täten, was sie wollten, auf den Befehl ihres Offiziers nicht hörten, und was des albernen Vorgebens mehr war.  
C: Allein hier sah ich zum erstenmal, gegen meine Erwartung, daß es im Dienst wenigstens so ordentlich bei den Franzosen zuging, als es bei den Preußen je zugehen kann. Der Soldat muß seine Pflicht tun, und als Patriot, im echten Wortverstand, tut er sie gern. Erlaubte Dinge dürfen ihm übrigens nicht verboten und unerlaubte nicht gestattet werden, und damit ist's alle. 

Lied: TEMPS DES CERISES

S: Laukhard fliegt auf, entkommt zunächst  als  Deserteur nach Frankreich, schließt sich der  Revolutionsarmee an, wird in einem Duell verwundet, erlebt als Patient und Krankenpfleger die Fortschritte der medizinischen Hygiene in Frankreich und als Angeklagter und Gefangener in seinem Hochverratsprozess  eine überraschend wohlwollende Gerichtsbarkeit. 
H: Geheilt, frei gesprochen und mit Pass verlässt Laukhard Frankreich 
C: Früh konnte ich mich beinahe nicht losmachen aus dem Hospital. Die Chirurgen, der Direktor, die Krankenwärter und viele Kranke redeten alle auf mich ein, und fast jeder wollte mir etwas mitgeben. Der deutsche Wärter drang mir ein ganzes Brot auf, der Direktor ein Fläschchen feinen Franz, der Apotheker ein Gläschen liquor anonymus, und mehrere Krankenwärter ihre Fleischportionen vom vorigen Abend, die sie für mich aufgespart hatten. Endlich kam der Portier und brachte mir einen großen Pack Rauchtabak. – Sie weinten alle, und ich war so tief gerührt, daß ich ihnen nur die Hände drücken, aber kein Wort sprechen konnte. 
T: Du gehst jetzt aus einem Lande, in welches du auf die unwürdigste Art von der Welt getreten bist. Du hast wollen das Deinige beitragen, die Freiheit einer edlen Nation stürzen zu helfen – eine Freiheit, deren wohltätigen Einfluß du selbst gefühlt und genossen hast. Geh', Laukhard, schäme dich! Du bist ein Niederträchtiger, ein Verworfener. Sprich ferner nicht mehr von Schurken, denn du gehörst in ihre Klasse, stehst mit unter den Verächtlichsten. Die Franzosen hätten recht gehabt, wenn sie dich deiner Unternehmungen wegen mit dem Tode bestraft hätten. Aber wie sind sie mit dir verfahren? – Welchen Ersatz kannst du ihnen geben? – Hier faßte ich den festen Vorsatz, von den Franzosen niemals anders zu reden oder zu schreiben, als wie es die Wahrheit nach meiner Ueberzeugung fordere. Und durch diesen Vorsatz wurde ich um etwas beruhigt. 
C: Als ich über die Grenze kam, hatte ich eine ganz eigene Empfindung. Ich war freilich recht herzlich froh, endlich einmal wieder in einem Lande zu atmen, wo ich weiterhin keine Gefahr mehr zu besorgen hatte, wegen eines Auftrags, dem ich mich so unbesonnen unterzogen hatte. Allein auf der andern Seite verließ ich doch ungern ein Land, in welchem ich mehr gesehen und mehr erfahren hatte, als ich je wieder sehen und erfahren kann, ich mag hinkommen, wo ich will, und sollte ich Methusalems Alter erreichen. 

Lied: DOUCE FRANCE 

S: Der Kronprinz hatte Laukhard Unterstützung zugesagt und der Preußische König hält Wort und empfiehlt der Universität Halle, Laukhard die Lehrerlaubnis für Französisch zu erteilen, die Universität lehnt ab. H:  Laukhard ist als Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber sehr aktiv. Neben Romanen und den letzten Bänden seiner Lebensbeschreibung erscheint ein Lehrbuch der französischen Sprache für Studenten aller Fakultäten, ein Geschichtsbuch und 1801 die Übersetzung einer Broschüre aus dem Französischen über  Bonaparte und Cromwell 

PRELUDIUM BACH ANGESPIELT bis wie auch immer 
H: Wieso auch immer: Laukhard wird doch noch Pfarrer, freiwillig unterstellt er sich dem obersten Dienstherren Napoleon, der im Vergleich mit Cromwell in jener Broschüre denkbar schlecht weggekommen ist. 
C: „Eine der schillerndsten Figuren der Veitsrodter Geschichte ist unbestritten der Magister Friedrich Christian Laukhard.  Er meldete sich 1804 "als Lehrer der Geschichten und alten Sprachen angestellter Magister der Philosophie" auf die ausgeschriebene Pfarrstelle. Er soll ein toller Geselle gewesen sein und mit seinen Kumpanen so manche Nacht durchgezecht haben, bevor er ohne Schlaf, aber dafür mit um so mehr Alkohol auf die Kanzel stieg, diese missbrauchte und durch allerlei Scherze entwürdigte.“ 
H: So ist es jedenfalls heute im Internet auf der Website der Gemeinde Veitsrodt bei Idar-Oberstein zu lesen 
S: Die Dorfbewohner hatten Laukhard auf Lebenszeit zu ihrem Seelsorger gewählt. Sehr zum Leidwesen der Vertreter der Amtskirche, die alles versuchte, ihn loszuwerden.  
H: Laukhard hatte in Halle geheiratet. Familienglück war ihm aber nicht beschieden. Ein Sohn stirbt als Kleinkind. 1810 stirbt sein 12-jähriger Sohn bei einem Unfall mit einem Pferdefuhrwerk. Seine Frau kehrt zurück nach Halle. Und 1811  gibt es auch endlich juristische Gründe, Laukhard aus der  Pfarre Veitsroth zu vertreiben.  Er  hatte in seinem Vorwort zu „Bonaparte und Cromwell“ -  mit vollem Titel, „ein Neujahrsgeschenk an die Franzosen von einem Bürger ohne Vorurtheile“  geschrieben: 
T: "Der Titel lässt vermuten, der Verfasser wolle bloß eine Ähnlichkeit des Oberkonsuls Bonaparte mit dem großen Protektor der Englischen Republik auffinden, und darüber nach Franzosenart witzeln. Wenn dieses so und nur so wäre, so hätte die Broschüre weiter keinen Werth, und ich würde sie niemals übersetzt haben: allein des Verfassers Absicht geht weiter: er will die Franzosen, seine Landsleute belehren, daß sie durch die Revolution nichts weniger als frei geworden sind, und sie jetzt von Bonaparte eben so streng und willkürlich regiert werden, als jemals unter ihren alten Königen". 
S: Wegen einer  
C:„von Anfang bis Ende (…) flegelhaften Schmähschrift (...) gerichtet gegen das Oberhaupt der französischen Regierung“  S: (O-Ton des Oberstaatsanwalts in Trier), wurde Laukhard vom 27.  Oktober 1811 bis zum 2. Februar 1814  in der Strafanstalt Vilshofen bei Brüssel gefangen gehalten.  
H: Mittellos kommt Laukhard zunächst nach Gießen, wo Studenten für seinen Unterhalt sammeln, aber ohne offiziellen Wohnsitz kann er dort nicht bleiben. Zunächst verliert sich seine Spur. Anekdoten erklären ihn für tot oder erzählen von einem Vagabundenleben im Nahetal und in der Pfalz 

FAIS MOIS UNE PLACE  

C: „Gegen sechse schaften wir uns wieder nach Hause um noch bey Zeit in die Comedie zu kommen, wo wir wieder unser tausend Vergnügen hatten, indem der Franz von Sickingen bearbeitet von unserem Magister Laukhard, aufgeführt wurde. Es war eine wahre Lust zu sehen, wie der offene und grade Sickingen, den Pfaffen über das Maul rutschte.“  
S: …das notierte am 5. September 1819 der 20-jährige Kreuznacher Johann Jakob Beinbrech in seinem Tagebuch.  Zum 28. November wird per Zeitungsanzeige zum „ganz neuen Lustspiel von Laukhard - „So prellt man Großsprecher und Schulfüchse“ eingeladen und ein Theaterzettel kündet von  der vorletzten Vorstellung des „ganz neuen vaterländischen Trauerspiels Michel Mort  der Kreuznacher von Herrn Magister Laukhard“. H: Und er war ein beliebter und geachteter Lehrer:  
C: Eine größere Anzahl  einsichtsvoller Bürger schickten ihre Söhne lieber auf auswärtige Schulen oder ließen sie vom Privatlehrer Magister Laukhard, einem ehemaligen Hallenser Dozenten unterrichten, als sie dem Kreuznacher Gymnasium anzuvertrauen. H:  Das erfährt man aus  einer Schrift des Antiquarisch-historischen Vereins für Nahe und Hunsrück aus dem Jahre 1900. 
S: Am 29. April 1822 verstarb Friedrich Christian Henrich Laukhard vermutlich an den Folgen einer Diphterie. Im vergangen Jahr wurde auf dem Wörth gegenüber der Pauluskirche  sein Denkmal enthüllt. Dort befand sich zu dieser Zeit noch der Friedhof der evangelischen Gemeinde zu Kreuznach. 

Lied: SUR UN PRELUDE DE BACH  

* =  Originaltext in die 3. Person gesetzt







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